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Medizin und Gesellschaft

Nicht gerade weltmeisterlich

Wir haben aufgeholt, in den letzten Jahren - liegen aber im europäischen Vergleich weiter alles andere als in der Spitzengruppe. Die Impffreudigkeit Deutschlands, finden Mediziner, muss dringend erhöht werden. Beim Maserschutz sollten wir damit anfangen.
Urlaubsreisen in exotische Gefilde erfordern eine gute Vorbereitung. Vor allem sollte mit dem Arzt durchgesprochen werden, welche Impfungen nötig sind, um gesund heimzukehren. Doch was als "exotisch" empfunden wird, kommt auf den Standpunkt an. So hat die panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) kürzlich eine Reisewarnung für Deutschland herausgegeben: Die zur Fußball-WM zahlreich angereisten Fußballfans waren aufgerufen vor ihrer Abreise zu klären, ob sie gegen die Masern geimpft sind. Der amerikanische Kontinent gilt schon seit über zehn Jahren als masernfrei, ein Zustand von dem Deutschland – gerade auch wegen der Masern-Epidemie in Nordrhein-Westfalen – noch weit entfernt scheint.

Das Masernvirus
Das Masernvirus | Das Masernvirus gehört zu den Paramyxoviren einer Familie von human- und tierpathogenen RNA-Viren, zu denen bedeutende Erreger von Infektionskrankheiten von Tier und Mensch gehören. Beim Menschen lösen sie Masern, Mumps und respiratorischen Erkrankungen aus. Im Vergleich zu Influenzaviren sind Paramyxoviren weniger variabel: Bei Masern- und Mumpsvirus hinterläßt daher eine Infektion oder Immunisierung lebenslängliche Immunität.
Im Rahmen der WHO-Kampagne "21 Ziele für das 21. Jahrhundert" hatte sich Deutschland zusammen mit den anderen europäischen Ländern 1998 verpflichtet, die Masern bis zum Jahr 2007 zu eliminieren. Laut WHO müssen jedoch mindestens 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, um eine Infektionskrankheit auszurotten. Im Falle der Masern sind, wenn man die Eltern zweijähriger Kinder befragt, nur etwa 70 Prozent komplett geimpft – haben also zu diesem Zeitpunkt die erforderlichen zwei Impfdosen erhalten. Zudem gibt es regional starke Unterschiede in der Impffreudigkeit, wodurch sich lokal hochanfällige Personengruppen bilden, bei denen sich die Masern ausbreiten können.

In Nordrhein-Westfalen sind nach Zahlen des Robert-Koch-Institutes bis zum 21. Juni 2006 in diesem Jahr bereits 1 433 Masern-Fälle gemeldet worden. Auch andere Bundesländer sind inzwischen betroffen. Die "Kinder- und Jugendärzte im Netz" berichten etwa aktuell von 45 Kindern in Schleswig-Holstein, die sich zum Teil mit dem gleichen Virustyp angesteckt haben, der in Nordrhein-Westfalen zirkuliert. Insgesamt liegen die Erkrankungszahlen wahrscheinlich weitaus höher, da erfahrungsgemäß nicht alle Masernfälle gemeldet werden. Sind die Deutschen impfmüde? Lehnen sie Schutzimpfungen vermehrt ab – oder was sind die Gründe dafür, dass eine Krankheit ausbricht, für die es schon seit vielen Jahren einen effektiven vorbeugenden Schutz gibt?

Schleichende Müdigkeit

"Menschen, die Impfungen komplett ablehnen, gibt es in Deutschland extrem wenig. Schätzungen gehen von etwa drei Prozent der Bevölkerung aus", sagt Sabine Reiter, die in der Arbeitsgruppe Infektionsepidemiologie des Robert-Koch-Institutes in Berlin arbeitet. Gerade bei den Masern, gegen die in Kombination mit Mumps und Röteln geimpft wird ("MMR-Impfung"), scheint eher eine Mischung aus Skepsis und Unkenntnis über den Nutzen von zeitgerechten Impfungen den Ausschlag für die niedrige Quote zu geben. "Im ersten Lebensjahr sind die Eltern sehr besorgt und gehen oft mit ihren Kindern zum Arzt", erklärt Heinz-Josef Schmitt, Kinderarzt an der Universitätsklinik in Mainz und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO). Die "Zusammenarbeit" zwischen Eltern und Arzt ist zu diesem Zeitpunkt sehr eng, eine Erklärung dafür, warum es gelingt immerhin etwa zwischen 50 und 90 Prozent der Kinder mit der ersten MMR-Dosis zu erreichen.

Die notwendige zweite Impfung, die nach Empfehlung der STIKO frühestens vier Wochen nach dem ersten "Pieks" erfolgen sollte, erhalten dagegen weitaus weniger Kinder. "Die organisatorischen Abläufe sind bei uns einfach nicht optimal", sagt Sabine Reiter. "Wir haben kein automatisches Erinnerungssystem, das die Leute darauf aufmerksam macht, wenn für einen kompletten Immunschutz noch etwas fehlt." Nicht nur bei Kindern, auch bei Erwachsenen gilt daher häufig: Die Impftermine werden schlichtweg vergessen. "Bei den Masern hält sich außerdem hartnäckig der Irrglaube, eine durchgemachte Infektion würde das Immunsystem des Kindes stärken", so Reiter.

"Die organisatorischen Abläufe sind bei uns einfach nicht optimal"
(Sabine Reiter)
Doch die Masern sind eine ernste Erkrankung, bei der es in den westlichen Industrieländern in 10 bis 20 Prozent der Fälle zu Komplikationen kommt. Das sind entweder Mittelohr- oder Lungenentzündungen. Und bei jedem 1000sten bis 2000sten entzündet sich das Gehirn im Zuge der Infektion, was schwere Schäden hinterlassen oder sogar tödlich enden kann. Bei dem aktuellen Masernausbruch mussten bisher 207 meist schulpflichtige Kinder im Krankenhaus behandelt werden, drei davon wegen einer Gehirnentzündung

Impfprogramm? Fehlanzeige!

Wie kann in Zukunft die Masernimpfquote erhöht und ein solcher Krankheitsausbruch verhindert werden? "Bei uns in Deutschland gibt es lediglich Impfempfehlungen. Wir haben kein Impfprogramm, wie viele andere Länder in der Welt", sagt Heinz-Josef Schmitt. So ein Impfprogramm würde beinhalten, dass klare Ziele formuliert werden – was will ich durch die Schutzimpfungen erreichen – es einen Plan und vor allem eine Strategie zur Umsetzung gibt und dass zur Überprüfung Erfolgskontrollen durchgeführt werden. Eine kontinuierliche und zeitnahe Erfassung zur Durchimpfungsrate bei Kindern in Deutschland gibt es jedoch zur Zeit nicht. Impfraten werden bei der Schuleingangsuntersuchung ermittelt, im Falle der Masern also erst vier bis fünf Jahre nach dem empfohlenen Impftermin.

Bereits im Jahr 1999 hat das RKI mit dem "Interventionsprogramm Masern, Mumps, Röteln" ein Konzept zur Ausrottung der Masern in Deutschland entworfen. Außerdem wurde ein 10-Punkte-Plan zur Steigerung der Durchimpfungsraten vorgelegt. "Doch die Politik hat die Sache bislang liegengelassen", sagt Heinz-Josef Schmitt. Helen Kalies vom Institut für soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität in München weist auf eine wichtige bundesdeutsche Komplikation hin: "Da Impfprogramme leider in den Zuständigkeiten der Länder liegen, ist ein nationales Projekt sehr schwierig."

"Die Politik hat die Sache bislang liegengelassen"
(Heinz-Josef Schmitt)
Helen Kalies wertet gerade eine Elternbefragung aus, die helfen soll zu erklären, welche Familien Impfungen schlecht annehmen und aus welchen Gründen sie das tun. "Für effektive Programme muss man die Risikogruppen kennen", erklärt Helen Kalies. Eine Team unter der Leitung von Helen Bedford vom Institute of Child Health in London ist da schon einen Schritt weiter. Die Gruppe veröffentlichte kürzlich die Ergebnisse einer Studie mit fast 20.000 Kindern, die zwischen Herbst 2000 und Anfang 2002 in Großbritannien geboren wurden. Erfasst werden sollte der Impfstatus im ersten Lebensjahr sowie die Faktoren, die mit unvollständigen oder völlig fehlenden Impfungen im Zusammenhang stehen.

3,3 Prozent der Kinder waren unvollständig geimpft. Die britischen Forscher ermittelten als Risikofaktoren für diesen Zustand das Aufwachsen in große Familien, bei Alleinerziehenden oder Teenager-Eltern sowie in sozial benachteiligten Stadtbezirken. Nicht geimpft waren nur 1,1 Prozent der Babys. Auffallend häufig waren das die Kinder von älteren Müttern mit hohem Bildungsabschluss oder diejenigen aus karibischen Einwandererfamilien. Die genaue Kenntnis der betroffenen Personengruppen ermöglicht nun eine konkrete Ansprache, um die Impffreudigkeit zu erhöhen.

Masernschutz hinkt nach

Lässt man die MMR-Impfung außen vor, gab es in der Vergangenheit in Deutschland durchaus auch Impferfolge bei Kindern. Gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten sind über 90 Prozent der Kinder geimpft und auch die Impfraten gegen Polio, Haemophilus influenzae und Hepatitis B haben sich verbessert. Eine Erklärung für diese positive Entwicklung könnte in der Einführung von Kombinationsimpfstoffen liegen. Seit 2000 etwa ist ein Impfstoff auf dem deutschen Markt zugelassen, der sich gegen sechs verschiedene Krankheitserreger richtet. "Die Kombinationsimpfstoffe, die von vielen Impfskeptikern argwöhnisch betrachtet werden, haben wesentlich zur Verbesserung der zeitnahen Impfungen beigetragen haben. Damit wurden wahrscheinlich einige unnötige Erkrankungen bei Kindern verhindert", sagt Kalies. Ein oder zwei Arztbesuche sind im familiären Alltagsstress und zwischen fiebrigen Erkältungen und den ersten Zähnchen besser zu koordinieren, als mehrere Termine hintereinander.

"Kombinationsimpfstoffe verhindern bei Kindern wahrscheinlich einige unnötige Erkrankungen "
(Helen Kalies)
Wer sicher gehen will, dass er keinen Impftermin seiner Kinder verpasst, kann sich auf der Internetseite der deutschen Kinder- und Jugendärzte registrieren lassen. Anhand der Geburtsdaten wird man automatisch über bevorstehende Impftermine und Vorsorgeuntersuchungen informiert. Gerade auch bei der zweiten Masernimpfung scheint eine aktive Erinnerung ein sinnvoller Ansatz zu sein, um die niedrige Impfquote zu erhöhen. Ärzte und Wissenschaftler wünschen sich insgesamt ein konsequenteres Vorgehen. Der 109. Deutsche Ärztetag im Mai dieses Jahres etwa fordert die Politik sogar dazu auf, die Masernimpfung in Deutschland als eine Pflichtimpfung vorzusehen. Die Aufnahme in Kindergärten oder Krippen sollte nach Vorstellung der Mediziner nur dann möglich sein, wenn die Kinder entsprechend der aktuellen STIKO-Empfehlung komplett geimpft sind.
04.07.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 04.07.2006

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