Glaubt man den Statistiken, sitzen Millionen Menschen tagtäglich übermüdet im Büro. Denn der zivilisierte Mensch leidet häufig unter Schlafstörungen. Schuld daran, dass wir schlecht schlafen, ist nach gängiger Meinung neben den Anforderungen der Arbeitswelt und dem Koffeinkonsum vor allem der Gebrauch künstlicher Lichtquellen. Damit bestimmt der moderne Mensch selbst, wann sein Tag zu Ende ist, und das lässt seine Nachtruhe in vielen Fällen auf ein Minimum zusammenschrumpfen. In Deutschland leiden etwa 25 Prozent der erwerbstätigen Menschen unter chronischen Schlafstörungen. Allerlei körperliche und psychische Störungen wie Fettleibigkeit oder Stimmungsschwankungen sind die Folge.

Im Busch sind Schlafstörungen unbekannt

Angesichts dieser Zivilisationsprobleme stellt sich die Frage, wie ein natürlicher respektive gesunder Schlafrhythmus eigentlich aussieht. Aufschluss darüber soll eine Studie von Verhaltensforschern um Jerry Siegel von der Universität Los Angeles geben. Sie haben die Schlafgewohnheiten dreier Naturvölker in Afrika und Südamerika systematisch untersucht. Diese leben nämlich – wenn man mal von kleinen Feuerstellen absieht – ohne künstliches Licht. Schlafstörungen sind ihnen so fremd, dass sie in ihrer Sprache nicht mal einen Begriff dafür haben. Paradiesische Zustände für Langschläfer, könnte man meinen.

Naturvolk der San in Namibia
© Josh Davimes
(Ausschnitt)
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Doch erstaunlicherweise gönnen sich die Jäger und Sammler sogar etwas weniger Schlaf als ihre gestressten Artgenossen in den Industriegesellschaften. Durchschnittlich schlafen sie nur 7,1 Stunden, in Hitzeperioden sind es sogar nur 5,7 Stunden. Außerdem hängt ihr Tagnachtrhythmus deutlich weniger vom Tageslicht ab als vermutet. Viel wichtiger für die Regulierung des Schlafs scheinen Schwankungen der Umgebungstemperatur zu sein. Erwartungsgemäß findet Schlaf bei den beobachteten Naturvölkern überwiegend in der Nacht statt. Dies steht in Einklang mit früheren Studien, die das lichtabhängige Melanopsinsystem für die Steuerung der Schlafphasen verantwortlich machen. Lediglich die San im Süden Namibias, wo es ausgeprägte Jahreszeiten gibt, verschlafen im Sommer die frühen Morgenstunden. Die beiden anderen für die Studie beobachteten Völker, die Hadza in Tansania und die Tsimane in Bolivien, leben zu nah am Äquator, als dass sie über das Jahr spürbare jahreszeitliche Schwankungen der Tageslänge feststellen könnten.

Fallende Temperaturen machen müde

Insgesamt hängt die Schlafdauer bei allen Völkern von der Einschlafzeit ab, und die variiert stark. Denn in Wärmephasen legt sich der Naturmensch fast eine Stunde später aufs Ohr als an kühleren Abenden. Dagegen spielt der Zeitpunkt des Erwachens so gut wie gar keine Rolle. Das ist laut den Wissenschaftlern aber nicht der Lichtintensität, sondern der Außentemperatur geschuldet. Denn der Naturmensch legt sich schlafen, wenn die Umgebungstemperatur spürbar fällt. Auf diesen Zusammenhang deuten Daten von so genannten Actiwatch-2 devices hin, die den Probanden umgeschnallt wurden. Demnach beginnt die Nachtruhe bis zu drei Stunden nach Sonnenuntergang und endet regelmäßig vor dem Morgengrauen.

Die eingesetzten Messgeräte sind auf den ersten Blick kaum von gewöhnlichen Armbanduhren zu unterscheiden. Sie sind aber in der Lage, neben der Zeit und Lichtstärke auch Vitalparameter wie Hauttemperatur, Puls und mittels Lage- und Beschleunigungssensoren die Aktivität ihrer Träger zu registrieren und die Daten direkt an die Wissenschaftler zu senden. Einer kleineren Gruppe wurden zusätzlich Temperatursensoren auf den Bauch geklebt. Insgesamt untersuchten Siegel und sein Team die Schlafgewohnheiten von 94 Probanden, durchschnittlich zwölf Tage lang.

Von den Naturvölkern schlafen lernen?

Die Schlafmuster der untersuchten Naturvölker unterscheiden sich kaum voneinander, obwohl sie in sehr verschiedenen Umgebungen leben. Offenbar spielen Umwelteinflüsse beim Schlafverhalten kaum eine Rolle, schließen die Forscher daraus. In der Aufwachphase registrierten die Messgeräte regelmäßig einen spontanen Sturz der Hauttemperatur. Die Wissenschaftler erklären dieses Phänomen als inneres Programm, das in Vorbereitung auf die morgendliche Aktivitätsphase mehr Blut in die Eingeweide verlagert, um die Versorgung des Gehirns zu steigern.

Den Grund dafür sehen sie in einem immer noch aktiven Schlafprogramm aus Urzeiten. Für unsere Vorfahren sei es nämlich ökonomisch sinnvoll gewesen, dann zu schlafen, wenn die Temperatur am niedrigsten ist. Körperliche Aktivität kostet mehr Energie, wenn es kalt ist.

Die Ergebnisse könnten den von Schlaflosigkeit geplagten Industriemenschen durchaus entscheidende Hinweise geben, meinen die Forscher. Denn die Synchronisation von Licht und Wärme sei der Schlüssel zu gutem Schlaf. Würden die Temperaturbedingungen an die der Naturvölker angepasst, könne die Schlafqualität entscheidend verbessert werden.