Ian Wilmut hat sich überzeugen lassen. Der schottische Vater des Klonschafs Dolly wollte eigentlich alles daran setzen, die von ihm entwickelte Klonierungsmethode auch beim Menschen zu erproben. Wohl gemerkt, nicht um einen geklonten Menschen zu erschaffen, sondern um endlich an die von Medizinern so heiß begehrten maßgeschneiderten embryonalen Stammzellen (ES) zu gelangen. Heiß begehrt, weil sich gezüchtetes Gewebe aus diesen potenziellen Alleskönner beispielsweise in Parkinson-Patienten zurücktransplantieren ließe, ohne eine Abstoßung des Immunsystems zu befürchten.

Erst letzte Woche schien alles darauf hinzudeuten, dass die "Dolly-Methode", bei dem ein Körperzellkern in eine entkernte Eizelle verpflanzt wird, auch bei Homo sapiens klappen könnte:
"Für mich war es immer ethisch akzeptabel, Zellen eines menschlichen Embryos zu nutzen, um unheilbaren Krankheiten zu behandeln"
(Ian Wilmut)
Nach langen vergeblichen Mühen hatten es amerikanische Wissenschaftler geschafft, nach diesem Verfahren geklonte embryonale Stammzellen von einem Rhesusaffen herzustellen.

Doch diesen Weg will nun Wilmut nicht mehr beschreiten – allerdings weniger aus ethischen Überlegungen, wie er betont: "Für mich war es immer ethisch akzeptabel, Zellen eines menschlichen Embryos zu nutzen, um eine Behandlung von bislang unheilbaren Krankheiten zu finden."

Induzierte pluripotente Stammzellen
© University of Wisconsin-Madison
(Ausschnitt)
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Wilmuts Sinneswandel rührt vielmehr von Neuigkeiten aus Japan und den USA: Bereits vergangenes Jahr hatte die Arbeitsgruppe von Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto bewiesen, dass sich ganz normale Bindegewebszellen einer Maus zu "induzierten pluripotenten Stammzellen" (iPS) rückverwandeln lassen. Die Forscher hatten lediglich die Gene für vier Proteine – Oct3/4, Sox2, Klf4 und c-Myc – in die Zellen eingeschleust. Dabei handelt es sich um so genannte Transkriptionsfaktoren, die das Ablesen weiterer Gene kontrollieren. Die genetisch veränderten Zellen entwickelten sich daraufhin zu Tumoren, aus denen wiederum eine Vielzahl unterschiedlicher Gewebetypen gewonnen werden konnten.

Im Juni dieses Jahres gelang den Japanern der nächste Coup: Aus den iPS-Zellen ließen sich lebende Mäuse erzeugen. Ähnliches vollbrachte auch die Gruppe um den Stammzellforscher Rudolf Jaenisch vom Whitehead-Institut im amerikanischen Cambridge.

Embryonale Mäusestammzellen aus Körperzellen – das klingt verlockend. Geht das auch beim Menschen? Es geht!

Yamanakas Team wiederholte jetzt das Experiment mit Hautzellen einer 36 Jahre alten Frau und Bindegewebszellen eines 69 Jahre alten Mannes. Und tatsächlich entstanden aus den genetisch veränderten Körperzellen wiederum Stammzellen, die sich zu beliebigen Gewebetypen weiterentwickeln ließen [1].

Vergleichbares gelang der Arbeitsgruppe von James Thomson vom Genome Center of Wisconsin in Madison [2]. Im Gegensatz zu ihren japanischen Kollegen hatten die Amerikaner jedoch auf ein leicht verändertes Genset gesetzt: Neben OCT4 und SOX2 transplantierten sie die Gene NANOG und LIN28 in fötale Körperzellen sowie in Vorhautzellen eines neugeborenen Jungen.

Damit liegt ein verhältnismäßig einfaches Rezept vor, um Körperzellen wieder in einen Embryonalzustand zurückzuversetzen.
"Es dauert noch Jahre, bis wir diese Zellen wirklich so gut verstehen wie ES-Zellen"
(James Thomson)
Die iPS-Zellen "verhalten sich genauso wie menschliche ES-Zellen", betont Thomson. Ob sie es wirklich sind, weiß allerdings noch niemand. "Es dauert wahrscheinlich noch Jahre, bis wir diese Zellen wirklich so gut verstehen wie ES-Zellen", schränkt der Forscher die Euphorie ein.

Doch für Ian Wilmut genügen diese Erfolge, um Abschied von Dolly zu nehmen: "Die Technik aus Japan, bei der Zellen eines Patienten direkt in Stammzellen verwandelt werden, hat ein weitaus größeres Potenzial."