Herr Grunwald, Sie sind der Meinung, der Tastsinn sei das wichtigste Sinnessystem überhaupt. Warum?

Martin Grunwald: Der Tastsinn ist ein Lebensprinzip, ohne ihn gibt es kein Leben. Es werden Menschen blind oder taub geboren, aber ohne den Tastsinn ist noch niemand auf die Welt gekommen. Schon Einzeller haben ein Tastsinnessystem. Wenn Sie eine wenige Mikrometer große Amöbe anpiksen, reagiert sie und versucht dem Reiz zu entkommen. Das funktioniert ohne Nervenzellen oder Nervensystem. Um fliehen zu können, aber auch für die Nahrungsaufnahme benötigt der Einzeller ein "Bewusstsein" über die eigene Körperlichkeit. Mit Hilfe von Sensoren an seinen Grenzflächen registriert die Amöbe, dass es ein Innen und ein Außen, den eigenen Körper und die Welt außerhalb des eigenen Körpers gibt.

Martin Grunwald
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Und wie sieht es beim Menschen aus?

Beim Menschen zeigt sich die Bedeutung schon während der Embryonalentwicklung. Der Tastsinn funktioniert wesentlich früher als das auditive oder das visuelle System. Der Mensch fühlt lange bevor er hört oder gar sieht. Bereits in der achten Schwangerschaftswoche reagiert ein 2,5 Zentimeter großer Fötus auf Reize im Lippenbereich mit heftigen Bewegungen. Nur wenige Wochen später kann das Ungeborene Greifbewegungen ausführen, die Nabelschnur umfassen oder beginnt, am eigenen Daumen zu lutschen. Schon im Mutterleib entdeckt der Fötus sich selbst. Er bewegt sich dort immer wieder an äußeren räumlichen Begrenzungen und weiß sehr sicher: Das bin ich, und da fängt die Außenwelt an. Meiner Meinung nach entsteht durch die vorgeburtlichen Körpererfahrungen mit Hilfe des Tastsinnessystems eine Art neuronale Basismatrix, die die Grundlage bildet für alle anderen Sinne, die sich später entwickeln.

Warum ist der Tastsinn auch während des Heranwachsens vom Säugling zum Erwachsenen noch von großer Bedeutung?

Wir kommen bereits mit einem Körperschema auf die Welt. Wir wissen sehr genau, wie unser Körper beschaffen ist, auch ohne visuelle Kontrolle. Für das Neugeborene sind Berührungsreize eine Art Lebensmittel. Erfolgen sie nicht oder nur in geringem Umfang, kann das schlimme Auswirkungen auf die Entwicklung bis hin zum Tod haben. Auch später brauchen Menschen in den Wachstumsphasen immer wieder körperliche Feedbacks von der lebendigen Außenwelt, die ihnen signalisieren: Das bist du, so groß, so schwer, so warm. Diese Feedbacks können nur durch Körperkontakt zu anderen Menschen zu Stande kommen. Der Körperkontakt hilft dem wachsenden Individuum, seine körperliche Eigenart zu erfahren. Das Phänomen kann man bei allen Säugetieren beobachten. Wenn in diesen Phasen die Grundlagen nicht richtig gelegt sind, können später, zum Beispiel in der Pubertät, schwere Körperwahrnehmungsstörungen auftreten.

Solche, wie sie etwa bei Patientinnen mit Magersucht auftreten?

Das Körperschema bricht bei Anorexia nervosa zusammen oder ist noch nie richtig ausgeprägt gewesen. Die Betroffenen erleben einen Körper, der mit der Realität nichts zu tun hat. Die Fehlkodierung des Körperschemas kann durch eine Psychotherapie nicht kompensiert, die neurobiologische Substanz der Erkrankung nicht beeinflusst werden.

Was hilft Ihrer Meinung nach denn dann?

Wir haben uns überlegt, dass es komplexe Körperreize und Körpererfahrungen braucht, die dem Gehirn helfen, den Körper angemessen wahrzunehmen. Daraus entstand die Idee, mit maßgeschneiderten Neoprenanzügen zu arbeiten. Wir testeten, was passiert, wenn Patientinnen diesen Anzug dreimal am Tag für eine Stunde überziehen. Dabei spüren sie immer wieder ihre eigenen Körpergrenzen. Die Anzüge werden wie eine zweite Haut angelegt, und die Patientin registriert dabei die realen Ausmaße ihres eigenen Körpers. Geschieht das immer wieder, kann es eines Tages zu einem regelrechten Erschrecken über den tatsächlichen Zustand des Körpers kommen, der bis dorthin stets als fett und unförmig wahrgenommen wurde. An der Charité in Berlin werden diese Anzüge inzwischen zusammen mit anderen Methoden genutzt, um magersüchtige Jugendliche zu behandeln.

Leider zeigt sich die akademische Psychologie gegenüber neuen Therapieansätzen sehr zurückhaltend. Körpertherapeutische Verfahren sprießen zwar wie Pilze aus dem Boden und sind in vielen verschiedenen Anwendungsbereichen sehr erfolgreich. Aber die akademische Psychologie hält größtenteils an dem fest, was man immer gemacht hat, und setzt auf kognitiv orientierte Therapien. Es scheint so, als würden wir heute immer noch stark unter dem Einfluss von Platon stehen, in dessen Denken es gar keinen Tastsinn gab. Tastsinnessystem und Körperlichkeit sind für die kognitiv orientierte Psychologie immer noch vernachlässigte Themen.

Der Tastsinn wird in der Forschung und angewandten Psychologie Ihrer Meinung zu wenig beachtet?

Ja, absolut. Nehmen wir einmal eines unserer aktuellen Forschungsthemen: die neurobiologische Funktion der spontanen Selbstberührung. Jeder sieht es bei seinem Gegenüber immer wieder: Man streicht sich während des Gesprächs kurz über die Lippen, die Wangen, das Dekolletee oder auch Arme und Oberschenkel. Seit Millionen von Jahren fingern sich Affen und Menschen im Gesicht herum, und die Forschung hat bisher außer Beschreibungen nichts zu bieten. Unser Team hier in Leipzig hat interessiert, was auf elektrophysiologischer Ebene im Gehirn passiert, wenn wir uns im Gesicht berühren. Die Überzeugung hinter unseren Experimenten war: Wenn wir so etwas ständig tun, dann haben diese Berührungen für unseren Organismus auch einen Sinn. Nur welchen, das ist die Frage.

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Die Fähigkeit zu fühlen entwickelt der Mensch lange bevor er hört oder gar sieht.

Wie sind Sie vorgegangen, um hier weiterzukommen?

In unserem Experiment haben wir den Teilnehmern die Aufgabe gestellt, einen Gegenstand zu betasten, sich das Ergebnis fünf Minuten lang zu merken und dann aufzuzeichnen. Während der fünf Merk-Minuten haben wir Störgeräusche eingespielt. Interessant war, dass genau in dieser Phase die Selbstberührungen auftraten. Während des Experiments wurden die hirnelektrischen Ströme der Teilnehmer gemessen. Anschließend haben wir uns besonders die drei Sekunden vor und nach einer Selbstberührung angeschaut. Die Werte im Frequenzbereich, die Auskünfte über Gedächtnisleistungen geben, sanken vor der Selbstberührung stark ab. Es bestand die Gefahr, dass der Gedächtnisinhalt, hier die ertastete Form, verloren ging. Nach der Selbstberührung stieg die Leistung in diesem Frequenzbereich wieder an. Weiter zeigten uns die Messungen, dass die emotionale Situation vor der Selbstberührung kritisch, danach jedoch wieder stabilisiert war. Die Selbstberührung, so unsere Erklärung, hat dem Gehirn geholfen, den momentanen Gedächtnisverlust zu verhindern und die emotionale Balance wiederherzustellen. Auch im Alltag gibt es immer wieder Situationen, wo wir aus dem Konzept gebracht werden, weil Störreize unser Kurzzeitgedächtnis und unser Emotionssystem aus dem Gleichgewicht bringen. Die Funktion der Selbstberührung kann man sich wie eine Art "Reset" vorstellen. Das Gehirn besinnt sich wieder auf die Aufgaben, womit es vor dem Störreiz beschäftigt war beziehungsweise beschäftigt sein sollte.

Während sich die Forschung, wie Sie sagen, mit der Bedeutung des Tastsinns immer noch schwertut, hat die Industrie überhaupt keine Berührungsängste mit dem Thema, oder?

Ganz und gar nicht. Die Grundlagenforschung an unserem Institut finanzieren wir komplett mit Industrieaufträgen. Vom Automobil- bis zum Taschentuchhersteller kommen die Firmen, damit wir sie beim Haptik-Design unterstützen. Wenn neue Geräte oder Gebrauchsgegenstände entwickelt werden, können wir mit unseren Methoden vorhersagen, was sich gut, gern und sicher von Menschen anfassen beziehungsweise bedienen lässt. Gerade in den Sparten, wo sich viele Hersteller auf dem Markt tummeln, entscheidet die Haptik über die Kaufentscheidung. Die Hersteller engagieren uns, damit sie den effektivsten Eindruck hinterlassen. Sie möchten als haptische Marke unverwechselbar sein.

"Tastsinnessystem und Körperlichkeit sind für die kognitiv orientierte Psychologie immer noch vernachlässigte Themen"

Sie sind auch im Bereich Medizintechnik aktiv. Wie kann man sich das vorstellen?

Früher hatte man die Idee, Chirurgen mit Hilfe von digitalen Programmen auch virtuell auszubilden. Heute weiß man: Ein gutes Chirurgentraining funktioniert immer besser am realen oder quasirealen Objekt. Das Gehirn lernt am besten durch den direkten haptischen Kontakt und nicht durch den visuellen. Aus diesem Grund sind wir an der Entwicklung und Prüfung von medizinischen Trainingssystemen beteiligt, damit diese im Bereich der haptischen Eigenschaften so realistisch wie nur möglich gestaltet werden. Solche Systeme werden zum Beispiel für das chirurgische Training oder auch für das Training mit Operationsrobotern entwickelt. Anfänger, aber auch erfahrene Chirurgen können auf diese Weise besonders schwierige Operationen gefahrlos trainieren.

Welche Auswirkungen hat es auf unsere Kinder, wenn sie sich statt in der realen immer häufiger in der virtuellen Welt aufhalten?

Angesichts einer Welt, in der schon die Kleinstkinder ständig mit Handy oder Tablet beschäftigt sind, läuten beim Haptiker alle Alarmglocken. Es ist eben etwas vollkommen anderes, ob ich eine Blume auf meinem Touchpad hervorzaubere oder ob ich eine echte Pflanze anfasse. Die Welt wird begriffen. Wenn der Körper nicht mehr mit der Welt interagiert, wird das sicher Folgen haben. Wir müssen deshalb aufpassen, dass die soziale und die kognitive Entwicklung der Kleinsten nicht durch eine besondere Art der sensorischen Armut bestimmt werden. Schule, Bildung und das Aufwachsen allgemein benötigen einen haptischen Background. Sonst funktioniert die elementarste Aneignungsform – das "Begreifen" – nicht mehr.