Ende Oktober veröffentlichte die IUCN eine Liste mit den 25 am stärksten bedrohten Primatenarten, unter denen sich auch der Sumatra-Orang-Utan (Pongo abelii) befindet. Die letzten Vertreter dieser Menschenaffen leben auf den indonesischen Inseln Sumatra und Borneo – und diese übrig gebliebenen Populationen schwinden rasant. Der gebürtige Niederländer Willie Smits leitet die Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS), die bislang schon mehr als tausend Tiere aufgenommen hat.

spektrumdirekt: Herr Smits, Sie sind von Haus aus Forstwissenschaftler. Was hat Ihr Herz für die roten Affen erwärmt?

Willie Smits
© Anna Siever
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Smits: Das war eigentlich reiner Zufall. Ich habe schon sehr viele Jahre als Forstwirt und Wissenschaftler in Indonesien gearbeitet. Eines Tages war ich auf einem Markt in Balikpapan. Auf einmal hielt mir jemand einen kleinen Käfig vors Gesicht, aus dem mich die traurigsten Augen anblickten, die ich je gesehen habe. Ein Händler wollte mir diesen jungen Orang-Utan verkaufen. Ich ging nach Hause, doch diese Augen ließen mich nicht mehr los. Deshalb kehrte ich abends zu dem Markt zurück und fand den kleinen Orang-Utan dort im Dunkeln auf einem Misthaufen. Der Händler hat ihn als "verdorbene Ware" weggeworfen. Ich nahm das Orang-Utan-Mädchen mit nach Hause, steckte ihr einen Strohhalm in die Kehle, damit sie atmen konnte und massierte sie 24 Stunden. Ich habe ihr den Namen Uce gegeben.

spektrumdirekt: Was haben Sie mit dem Orang-Utan-Baby dann gemacht?

Smits: Ich wollte es in ein Zentrum schicken, das Orang-Utans wieder ansiedelt. Deshalb begann ich, einiges über die Wiederansiedlung dieser Affen zu lesen. Doch dabei fiel mir auf, dass viele Rehabilitationsprojekte schief gelaufen waren.

spektrumdirekt: Woran sind die Projekte gescheitert?

Smits: Alle Orang-Utans sind am Ende in Tiergärten oder Touristencamps gelandet. Das Problem war zudem, dass sie die Orang-Utans in Gebieten ausgewildert haben, wo es auch wilde Orang-Utans gab. Hatten die freigelassenen Tiere einen Schnupfen, wurden auch die wilden Affen krank. Wir teilen mit den Tieren etwa 97 Prozent unseres Erbguts – deshalb können viele menschliche Krankheiten auch auf Orang-Utans übergehen. Diese Projekte sind also auch verantwortlich für das Aussterben der roten Affen.

spektrumdirekt: Deshalb haben Sie die Rehabilitation von Uce selbst in die Hand genommen?

Willie Smits mit Orangutan
© Adi Weda, epa
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Smits: Ja, und ich bekam immer mehr Orang-Utans. Doch keiner wollte mich bei der Rehabilitation unterstützen. Dann ging ich zur Schule von Balikpapan – die Kinder wollten den Tieren helfen. "Wir geben unser Taschengeld dafür aus", sagten sie und haben schließlich das Projekt ermöglicht.

spektrumdirekt: Woraus wird BOS jetzt finanziert?

Smits: Hundert Prozent aus Spenden – keine Regierung und keine große Organisation beteiligt sich daran.

spektrumdirekt: Wie rehabilitieren Sie die Orang-Utan-Babys?

Wenn die Orang-Utan-Babys träumen – sie haben ja richtige Albträume – dann muss die Mutter da sein, um sie zu beruhigen.
Smits: Zuerst muss eine Mutter gefunden werden. Sie bekommen eine Frau aus dem Stamm der Dayaks als Ersatzmutter. Die kleinen werden gestärkt, bekommen Vitamine, werden geimpft, gegen Parasiten behandelt, und so weiter. Wenn es ihnen langsam besser geht, dann kommen sie in kleine Spielgruppen, wo sie voneinander lernen können.

spektrumdirekt: Werden die Kleinen Tag und Nacht von der Ersatzmutter betreut?

Smits: Ja, die Ersatzmütter liegen auch nachts dabei. Wenn die Orang-Utan-Babys träumen – sie haben ja richtige Albträume – dann muss die Mutter da sein, um sie zu beruhigen. Das ist eigentlich nichts anderes als mit Menschenkindern.

spektrumdirekt: Was geschieht, wenn die Tiere älter werden?

Smits: Ein- bis dreijährige Tiere kommen in die Kletterschule. Drei- bis fünfjährige Tiere werden in ein eingezäuntes Waldgebiet gelassen, wo sie lernen, selbstständig zu werden und sich im Wald zurechtzufinden. Anschließend kommen sie auf Wohninseln und wenn alles gut geht, werden sie in speziellen Auswilderungsgebieten freigelassen.

spektrumdirekt: Wo dürfen die Orang-Utans ausgewildert werden?

Smits: In Arealen, in denen keine wilden Orang-Utans leben und in die sie auch nicht gelangen können. Außerdem muss das Gebiet so groß sein, dass die Tiere genügend Nahrung finden.

spektrumdirekt: Kontrollieren Sie, ob sich die ausgewilderten Tiere in ihrem neuen Habitat zurechtfinden?

Orangutan
© MPI EVAN
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Smits: Das ist schwierig. Denn die Orang-Utans sind nur schwer wiederzufinden. Wir zählen die Schlafnester der Tiere, um abzuschätzen, wie viele Orang-Utans es noch in diesem Gebiet gibt. Außerdem stellen wir lange Stangen in den Wald, an die wir Früchte hängen. Wenn ein Orang-Utan an diese Stange greift, um sich eine Frucht zu holen, hinterlässt er seine Fingerabdrücke. Alle Fingerabdrücke unserer Orang-Utans werden in der Datenbank von Europol in Den Haag gespeichert. So können wir die Tiere identifizieren.

spektrumdirekt: Wie viele Orang-Utans überleben die Auswilderung?

Smits: Etwa sechzig bis siebzig Prozent.

spektrumdirekt: Sie beschlagnahmen gefangene Orang-Utans. Wie bekommen Sie Wind von eingesperrten Tieren?

Smits: Fast zu achtzig Prozent über die Schulkinder. Sie schauen über die Mauern und melden, wenn sie wieder einen gefangenen Orang-Utan entdeckt haben. Die Kinder sind äußerst wichtig für unsere Organisation. Und wir fahren tief ins Inland zu den Dörfern und in die Schulen. Dort bekommen wir dann Informationen, wo es noch Tiere in Gefangenschaft gibt.

spektrumdirekt: Wie reagieren die illegalen Orang-Utan-Händler darauf, wenn Sie mit Ihren Befreiungstrupps anrücken?

Weiblicher Orang-Utan
© Susannah Thorpe
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Smits: Die sind oft sehr wütend. Einmal hat einer einen Revolver gezogen und auf meine Brust geschlagen, bis es geblutet hat. Er sagte, er wolle mich töten. Das sind keine angenehmen Erlebnisse. Und trotzdem muss man in solchen Situationen ruhig bleiben und sagen: "Wenn Sie einen Orang-Utan gefangen halten und mich töten, wissen Sie, was mit Ihnen und Ihrer Familie passiert. Sie haben die Wahl." Aber es ist nicht leicht, diese Ruhe zu behalten.

spektrumdirekt: Was kann Ihrer Meinung nach gegen das Aussterben getan werden?

Smits: Als erstes ist natürlich die Aufklärung in Indonesien ganz wichtig. Wir müssen den Menschen erklären, dass so ein Orang-Utan seine Freiheit braucht, dass er Gefühle hat und dass es nicht mit der Religion vereinbar ist, die Tiere gefangen zu halten und zu quälen.

spektrumdirekt: Und in Deutschland?

Die Deutschen benutzen Biosprit aus Palmöl und denken, dass sie damit etwas Gutes für die Welt tun.
Smits: Dort kann man zum Beispiel eine Patenschaft für einen Orang-Utan übernehmen, oder ein paar Quadratmeter Regenwald kaufen, das wir dann für ewig schützen und wo die Orang-Utans leben können. Man kann auch selbst mal mit nach Indonesien kommen und ein paar Wochen mitarbeiten. Denn das Allerwichtigste ist, dass die Leute verstehen, wie schwierig es ist, solch ein Projekt zu machen, und dass sie ihre Erfahrungen an andere weiter geben. Wir müssen eine Brücke bauen zwischen Indonesien und Deutschland.

spektrumdirekt: Inwieweit ist Deutschland an der Ausrottung der Orang-Utans beteiligt?

Smits: Deutschland ist einer der Hauptverursacher. Die Deutschen benutzen Biosprit aus Palmöl und denken, dass sie damit etwas Gutes für die Welt tun. Doch sie werden betrogen. Denn wegen dieser großen Nachfrage nach Biosprit hier in Europa werden die Orang-Utan-Wälder vernichtet.

spektrumdirekt: Die Wälder müssen den Ölpalmen weichen?

Smits: Genau. Aber den Leuten geht es gar nicht um das Öl, sondern um das Holz. Die Holzmafia hat mittlerweile schon alle guten Wälder abgeholzt. Gutes Holz gibt es nur noch in den Sumpfwäldern, der Heimat der Orang-Utans, die man eigentlich nicht antasten darf. Doch sie besticht die lokale Bevölkerung und bekommt einen Zettel, auf dem steht: "In diesem Gebiet steht kein guter Wald mehr, da dürft ihr Ölpalmen pflanzen". Aber die Palmen wachsen in diesen Gebieten gar nicht gut. Man lässt sie einfach sterben und steckt sich das Geld für das Holz in die Tasche.
Dadurch wird nicht nur den Orang-Utans ihr Lebensraum weggenommen. Auch das Klima leidet darunter: Wenn Ölpalmen in dem Sumpfland angebaut werden, werden die Gebiete entwässert. Der ausgetrocknete Torf brennt sehr schnell – und dabei werden Gigatonnen CO2 frei. Was man also hier mit einer Tonne Biosprit an CO2-Ausstoß spart, wird in 32-facher Menge in Indonesien ausgestoßen. Und als Folge dieses Palmölproblems ist Indonesien mittlerweise der drittgrößte CO2-Emittent der Welt geworden. Nur China und Amerika produzieren mehr.

spektrumdirekt: Herr Smits, ich danke Ihnen für das Gespräch.