Wild lebende Orang-Utans nutzen pantomimische Darstellungen als Kommunikationskanal: Sie spielen vor, was sie dem Gegenüber mitteilen wollen, und wiederholen sich sogar gelegentlich mit gesteigerter Dramatik, wenn dieses sie nicht sofort versteht.

Pantomimischer Menschaffe
© Purwo Kuncoro, York University
(Ausschnitt)
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Der junge Orang-Utan "Cecep" wurde in einer Aufzuchtstation auf Borneo aufgepäppelt und dann ausgewildert. Hier "unterhält" er sich mit der Studienleiterin Anne Russon: In einer typischen Szene überreicht er der Forscherin ein Blatt als Aufforderung, ihn von Dreck zu säubern. Reagiert sein Gegenüber nicht wie üblich auf die Blattübergabe, dramatisiert der Menschenaffe die Übergabe in einem zweiten Versuch, um deutlicher zu werden.
Die gestische Affen-Kommunikation kann dabei überraschend komplexe Inhalte transportieren, staunen die Verhaltensforscherinnen Anne Russon und Kristin Andrews, die das Gebaren der Tiere in den Wäldern Borneos analysiert haben: Die Primaten spielen mit einem Repertoire von knapp 20 gut unterscheidbaren pantomimischen Formen etwa frühere Ereignisse situationsangepasst nach und werden darin zunehmend deutlicher, wenn sie ignoriert werden. Sie stellten zum Beispiel aber auch einzelne Abschnitte zu neuen Gesamtdarbietungen mit erweitertem Inhalt zusammen. Diese "Kompositionalität" ist eine der Eigenschaften, die jede natürliche "Sprache" laut Definition erfüllen muss, bemerken die Forscherinnen; auch weitere Kennzeichen wie "Systematizität" (vereinfacht gesagt: die Existenz struktureller Gemeinsamkeiten im Sprachaufbau) und der "Produktivität" (der zufolge eine Sprachregel auch in neuen Äußerungen gültig ist) fänden sich in der pantomimischen Darstellung.

Die Auswertung von Feldbeobachtungen von in die Wildnis entlassenen Orang-Utans der letzten 20 Jahre zeige nun eindeutig, dass die Affen Pantomimen spontan entwickeln und zumindest gelegentlich zur Kommunikation einsetzten. Die Gestenkommunikation sei demnach nicht ein bloßes Relikt, das aus dem Kontakt der Primaten, die als geschwächte Jungtiere in Aufzuchtstationen gerettet worden waren, mit dem Menschen herrührt.

Ob die Menschenaffen generell zu echten pantomimischen Äußerungen fähig sind oder diese gar in freier Wildbahn einsetzten, wird seit Längerem kontrovers diskutiert. Bei einigen, allerdings in Gefangenschaft gehaltenen Individuen sind inhaltsreiche Spontangesten durchaus dokumentiert: So symbolisierte der von Sprachforschern trainierte Gorilla Koko "Ton" spontan durch das Rollen eines fiktiven Tonklümpchens in den Händen; der Orang-Utan Chantek signalisierte "Ballon" durch das "Aufblasen" eines aus Daumen und Zeigefinger gebildeten Kreises, und der Schimpanse Viki verlangte menschliche Hilfestellung durch eine Pantomime, die ein in anderen Versuchssituationen oft auftretendes, vergebliches Zerren an einem festhängenden Gegenstand abbildete.

Orang-Utan "Cecep"
© Purwo Kuncoro, York University
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Auch in freier Wildbahn setzen Orang-Utans wie der auf dem Bild sieben- bis achtjährige "Cecep" Pantomimen ein, ergeben Auswertungen von Beobachtungsdaten, die im Lauf von 20 Jahren in den Wäldern Borneos gesammelt worden sind. Solche Pantomimen können sicherlich spontan erdacht werden, um in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Inhalte zu transportieren.
Russon und Andrews wollen nun noch gezielter danach suchen, zu welchem Zweck Pantomimen zwischen wild lebenden Artgenossen eingesetzt werden. Es deute sich hier schon jetzt eine überraschende Vielfalt an: Auf Orang-Utan-Pantomimisch könne wohl ebenso gut gelehrt und unterrichtet wie zum Selbstzweck geschummelt oder hinterhältig getäuscht werden, ahnen die Forscherinnen. (jo)