Schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind Forscherinnen und Forscher dem Hormon und Botenstoff Oxytozin wissenschaftlich auf der Spur. Dem "Kuschelhormon" wurden schon viele Wirkungen nachgewiesen: So soll es etwa Liebe und Vertrauen fördern, Empathie und sogar Altruismus. An der Duke University sind Wissenschaftler nun auf einen weiteren Effekt des vielseitigen Hormons gestoßen: Oxytozin könnte – zumindest Männer – für Spiritualität und Meditation empfänglicher machen.

Mit Spiritualität meint das Forscherteam rund um Patty Van Cappellen "den Glauben an ein sinnvolles Leben, erfüllt von einem Gefühl der Verbindung zu einer höheren Macht und/oder der Welt". Sowohl Spiritualität als auch Meditation wurden in früheren Studien bereits mit Gesundheit und Wohlbefinden in Verbindung gebracht, so die Forscherin.

Für ihre Studie rekrutierten Van Cappellen und ihr Team 83 Männer. 41 davon bekamen Oxytozin als Nasenspray verabreicht, die übrigen ein Placebo. Außerdem gaben die Versuchspersonen eine Speichelprobe für eine genetische Analyse ab. Nach 40 Minuten (so lange dauert es, bis Oxytozin eine Wirkung entfaltet) begann das eigentliche Experiment: Die Probanden beantworteten Fragen zu Spiritualität sowie ihrer Religionszugehörigkeit und nahmen an einer 20-minütigen Meditationsübung teil. Nach dem Meditieren beantworteten sie Fragen zu ihrem aktuellen Gefühlszustand.

Gottesfürchtig dank Oxytozin

Dabei stellte sich heraus, dass Männer, die Oxytozin verabreicht bekommen hatten, einen viel stärkeren Hang zur Spiritualität zeigten. Sie stimmten zudem Aussagen wie "Alles Leben ist miteinander verbunden" oder "Es gibt eine höhere Bewusstseinsebene oder Spiritualität, die alle Menschen miteinander verbindet" mehr zu als Männer aus der Kontrollgruppe. Dieser Effekt hielt auch eine Woche nach dem Experiment noch an, als die Versuchspersonen online erneut befragt wurden – und zwar unabhängig davon, ob die Männer einer Religionsgemeinschaft angehörten oder sich als Agnostiker oder Atheisten bezeichneten.

Auch nach der Meditation berichteten die Teilnehmer dank Oxytozin von positiveren Emotionen als die Kontrollgruppe. Zu diesen Gefühlen gehörten unter anderem Dankbarkeit, Hoffnung und Liebe.

Allerdings reagierten nicht alle Versuchspersonen gleich stark auf das Oxytozin. Ein Gentest offenbarte, woran das liegen könnte: Bei Menschen mit einer bestimmten Genvariante erhöhte das Hormon die Spiritualität besonders stark. Das betreffende Gen CD38 reguliert die Ausschüttung von Oxytozin durch im Hypothalamus befindliche Neurone.

Van Cappellen warnt jedoch davor, die Studienergebnisse über Gebühr zu generalisieren, denn: "Spiritualität ist komplex und wird von vielen Faktoren beeinflusst." Außerdem wirke das Hormon auf Frauen und Männer unterschiedlich – die Erkenntnisse aus ihrer Studie gelten daher also tatsächlich nur für Männer.