Seit die Antarktis mit Satelliten überwacht wird, wächst die vom Meereis bedeckte Fläche durchschnittlich an. Doch seit der Jahrtausendwende hat sich das Wachstum verfünffacht, während sich die Erde inklusive der südpolaren Breiten erwärmt und auf der andere Seite in der Arktis die Eisfläche massiv schrumpft – ein antarktisches Paradox, das Polarforscher seit Langem erstaunt und rätseln lässt. Gerald Meehl vom National Center for Atmospheric Research und sein Team legen in "Nature Geoscience" eine neue These vor, warum das antarktische Meereis nicht dem arktischen Schmelztrend folgt. Sie haben in ihren Daten Hinweise darauf gefunden, dass die Interdekadale Pazifische Oszillation (IPO) maßgeblich daran beteiligt ist: Langfristige innerozeanische Schwankungen sorgen dafür, dass sich während der so genannten negativen Phase der tropische Ostpazifik abkühlt und unterdurchschnittliche Temperaturen vorherrschen. Seit 1999 befinde sich die IPO in diesem Zustand, was gut zum beschleunigten Eiswachstum in der Antarktis passe, so die Forscher.

Ein Phasenwechsel stößt demnach eine klimatische Kettenreaktion an, an deren Ende die Antarktis reagiert. Unterdurchschnittliche Wassertemperaturen verändern die Niederschlagsverhältnisse in den Tropen, was wiederum großflächige Reaktionen des globalen Windsystems auslöst. Letztendlich verstärkt sich ein stationäres Tiefdrucksystem vor der antarktischen Küste, das so genannte Amundsensee-Tief. Die von der Westseite des Tiefs ausgehenden Winde treiben das Meereis nordwärts, was die Gesamtfläche vergrößert, da es in diesem Bereich im Winter beständig nachwächst. Trotz der Verluste entlang der Antarktischen Halbinsel wächst deshalb die Meereisbedeckung netto rund um den Südpol.

Überlagert wird die IPO kurzfristig immer wieder von El Niño beziehungsweise La Niña, welche die Temperaturen im Ostpazifik verstärkt in die eine oder die andere Richtung treiben. Über größere Zeiträume hinweg dominieren jedoch die Einflüsse der Oszillation selbst. Momentan mehren sich die Zeichen, dass sie in die positive Phase wechseln könnte – was sich am Ende ebenfalls in der Antarktis auswirke, so Meehl und Co. "Wir erwarten, dass sich der Zuwachs mindestens verlangsamt oder das Eis im Lauf des nächsten Jahrzehnts zu schrumpfen beginnt." Das antarktische Paradox wäre dann zumindest zeitweise aufgehoben.