Es ist die schiere Willensanstrengung, die reine Qual. Eine Nase – bizarr groß – mitten im Gesicht Ihres Gegenübers. Nur nicht draufstarren! Nur nicht daran denken! Worüber geredet wird, ist Ihnen längst egal. Und endlos verrinnen die Minuten. Bis Sie sich endlich mit einem erleichterten "Wiedersehen, Herr Nase" aus dem Gespräch verabschieden.

Es ist gedanklicher Stress, der solche Fehlleistungen auslöst – kognitive Belastung in Kombination mit einer Schwäche im System. Das behauptet zumindest der Psychologe Daniel Wegner von der Harvard University in Cambridge. In einer Überblicksstudie fasste er jetzt den aktuellen Forschungsstand zusammen [1].

Von Sportlern kennt man die Elfmeterschüsse, die sie passgenau in die Ecke zirkelten, die sie gerade nicht treffen wollten. Wer sich ganz besonders konziliant und vorurteilsfrei geben will, verrät durch Körpersprache, was er eigentlich denkt. Und all die anderen, zig-fach erprobten Routineaufgaben – verpatzt, obwohl wir sie mit aller Kraft zum Erfolg zwingen wollten.

Um Gedanken aus dem Bewusstsein zu verbannen und entsprechende Handlungen zu vermeiden, arbeiten laut Wegner zwei Prozesse Hand in Hand: Zum einen sucht das Gehirn aktiv nach einer Ersatzbeschäftigung – im Zimmer herumschauen, an etwas Schönes denken. Zum anderen aber hält es den unerlaubten Gedanken quasi heimlich parat und durchforstet alle anderen Denkprozesse danach – wenn auch unbewusst: Taucht der Gedanke nicht vielleicht doch noch auf?

Ein "ironischer Prozess"

Und genau hier liege der Knackpunkt, meint Wegner. Das Gehirn kann eben nicht anders, als beide Prozesse auf derselben Hardware, mit denselben Instrumenten laufen zu lassen. Ist dann die mentale Beschäftigungssuche nur einen Moment abgelenkt, kann ausgerechnet der Fehlersuchprozess das Unerwünschte ins Bewusstsein schleusen – oder schlimmstenfalls in einen gerade angefangenen Satz.

Zahlreiche Studien haben mittlerweile Wegners 1994 formulierte "Ironic process theory" [2] in Augenschein genommen und den Effekt experimentell nachgewiesen – wenngleich er im Labor eher selten auftaucht, wie der Psychologe einräumt. Verlässlich reproduzierbar ist er insbesondere dann, wenn Forscher zum einen die Denkkapazität einer möglichst großen Belastung aussetzen und zum anderen unkontrolliert ablaufende Reaktionen erfassen.

Beispiel sexuelle Erregung: Die schießt bei Probanden, die den Gedanken an Sex vermeiden sollten, genauso stark in die Höhe, wie bei einer Kontrollgruppe, die ihren frivolen Phantasien freien Lauf lassen durfte. Ein Team um Wegner hatte hierzu den Hautwiderstand erfasst, der unwillkürlich Auskunft über solche Aufwallungen gibt.

Ein anderes Mal versuchten sich Teilnehmer daran, Ausschläge eines Pendels entlang einer bestimmten Linie zu vermeiden. Kamen nun Kopfrechenaufgaben als Ablenkung hinzu, geschah, was geschehen musste: Das Pendel bewegte sich überdurchschnittlich häufig genau so, wie von den Forschern verboten. Weil dessen Schwingungen von nicht bewusst steuerbaren Fingerbewegungen beeinflusst werden, sind die Wissenschaftler überzeugt, den im Hintergrund wirkenden Prozess sichtbar gemacht zu haben.

Die Macht des Verdrängten

All das funktioniert in der Regel nur, wenn der Unterdrückungsprozess aus dem Tritt gebracht wird. Und dazu scheint den Wissenschaftlern jedes Mittel recht: Sie baten Probanden, möglichst schnell einzuschlafen, und berieselten sie mit sanfter Musik – tatsächlich schlummerten sie schneller ein als die Kontrollgruppe, die die gleichen Lieder hörte, aber sich keine Mühe geben sollte. Beim zweiten Durchlauf aber schmetterten sie beiden Gruppen Sousa-Märsche vor. Jetzt sorgte die "hohe kognitive Beanspruchung" dafür, dass die anderen schneller einschliefen.

Eine fast schon paradoxe Tendenz scheint sich durchgehend abzuzeichnen: Die Macht eines verdrängten Gedankens, erneut auf sich aufmerksam zu machen, ist offenbar um einiges größer als die eines bewusst verarbeiteten Gedankens. So bat man Versuchsteilnehmer zu einem Ausdruck rasch einen passenden zweiten zu finden und zeitgleich nicht an ein bestimmtes Wort zu denken. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit exakt diesem Wort herausplatzen, ist höher, als wenn man sie vorher bittet, sich auf ebendieses Wort bewusst zu konzentrieren.

Therapien, die sich an der "Ironic process theory" orientierten, um beispielsweise psychisch Kranken eine effektivere Gedankenkontrolle zu verschaffen, seien aber über die Testphase noch nicht hinaus. Geht es nach Wegner lassen sich aber immerhin ein paar ganz handfeste Tipps ableiten: Wer beim Zubettgehen Negatives aus dem Bewusstsein verscheucht, wird häufiger in Träumen davon heimgesucht. Wer das "Vermeiden vermeidet", wie Wegner es ausdrückt, ist tendenziell auf der sichereren Seite. Wer keine vorschnellen Schlüsse ziehe, aber auch: Ob es nicht doch besser ist, den Gedanken an den Tod zu verdrängen, müssten erst weitere Forschungen klären.