Sex ist Krieg – zumindest evolutionär betrachtet: Männlein und Weiblein haben sehr gegensätzliche Interessen durchzusetzen, die auch die genauen Formen ihrer Geschlechtsteile bedingen. Der Penis soll seinem Träger zu möglichst viel Begattungserfolg verhelfen, während die Vagina ein Instrument der sorgfältigen Auswahl des besten Spermas ist. Für die Evolutionsbiologie sind die bizarren Formen, zu denen diese Koevolution viele Genitalien im Tierreich geformt hat, ein Fenster in den Maschinenraum der natürlichen Selektion, denn dort entscheidet sich, wer sich fortpflanzt und wer nicht.

Grafik über den Anteil männlier und weiblicher Genitalien in der Forschung, nach Zeitabschnitten
© Ah-King, M. et al.: Genital Evolution. In: PLoS Biology 12, e1001851, 2014, fig. 1
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernUngleichgewicht in der Genitalforschung

Jetzt bescheinigt eine aktuelle Literaturstudie diesem Forschungsfeld allerdings ein grundsätzliches Problem. Wie das schwedisch-australische Team um Malin Ah-King von der Universität Uppsala schreibt, sind Vaginas in der Literatur massiv unterrepräsentiert – und damit das Forschungsthema nur halb beackert. Das Team trug insgesamt 346 Publikationen zusammen, die sich mit der Evolution von Genitalformen befassen. In der Hälfte der Studien befassten sich die Autoren ausschließlich mit Penissen, nur acht Prozent der Untersuchungen hatten exklusiv Vaginas zum Thema. Studien über beiderlei Geschlecht machten den Rest aus. Am größten ist die Schieflage in der Säugetierforschung, in der sich 70 Prozent allein mit dem Penis beschäftigten.

Die Autorinnen diskutieren mehrere mögliche Gründe für das Ungleichgewicht und kommen zu dem Schluss, dass weibliche Geschlechtsteile weder weniger variabel noch deutlich schwerer zu untersuchen sind als ihre männlichen Gegenstücke. Gleichzeitig ist der Trend zur Penisforschung unabhängig vom Geschlecht: Sowohl Forscherinnen als auch Forscher tendieren gleichermaßen dazu, die Vagina links liegen zu lassen. Ah-King und ihr Team vermuten deswegen, dass die Ursache in der unausgesprochenen Annahme liege, die Vagina sei lediglich passiv, während die evolutionäre Musik beim Penis spiele.

Die Forscherinnen verweisen dagegen auf die Bedeutung der Koevolution zwischen Penis und Vagina, so dass auch Merkmale männlicher Genitalien ohne Kenntnisse über ihr weibliches Gegenstück nur schwer korrekt zu interpretieren seien. Sie zitieren dazu unter anderem Untersuchungen an Vaginas von Ohrwürmern, die ältere Annahmen über die Funktion von Ohrwurm-Penissen widerlegten. Die Fixierung der Forschung auf Penisse, schlussfolgern sie daher, behindere das Verständnis der Genitalevolution erheblich.