Woran erkennt man einen unberührten Strand? Am Plastikmüll, der dort herumliegt. Was sich wie ein Witz anhört, entspricht oft der Wahrheit, denn Badestrände werden vielerorts vom Unrat befreit. Auf Henderson Island im Südpazifik ist dies nicht der Fall, denn das Eiland wird seit Jahrhunderten nicht mehr bewohnt und ist wegen seiner einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt ein streng geschütztes Naturreservat. Das macht die zum britischen Überseeterritorium Pitcairn zählende Insel zum idealen Freilandlabor, wie Jennifer Laversa von der University of Tasmania in Battery Point und Alexander Bond von der Royal Society for the Protection of Birds in Sandy in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten. Henderson zeigt, wie viel Abfall sich an der Küste ansammeln kann, wenn er nicht regelmäßig entfernt wird.

Plastikmüll am Strand von Henderson Island
© Jennifer Lavers
(Ausschnitt)
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Während einer Feldstudie im Jahr 2015 zählten die beiden Wissenschaftler den Müll an verschiedenen Stränden der Insel – und erfassten dabei mehr als 53 000 Einzelteile unterschiedlicher Größe. Durchschnittlich fanden sie mehr als 670 Überreste unserer Zivilisation pro Quadratmeter Strand. "Dieser Wert ist der bislang höchste, der weltweit erfasst wurde", schreiben die Autoren. Dabei befindet sich im Umkreis von 5000 Kilometern um Henderson keine größere Stadt oder Industrieanlage. 99,8 Prozent entfielen dabei auf Tüten, Flaschen, Becher und andere Gegenstände aus Kunststoff, wobei nur ein Teil auf den ersten Blick ersichtlich war: Laversa und Bond durchforsteten den Sand bis in eine Tiefe von zehn Zentimetern nach Unrat. Hochgerechnet verschmutzen fast 40 Millionen Plastikteile unterschiedlicher Größe mit einem Gesamtgewicht von 17,6 Tonnen die Strände des vermeintlichen Südseeparadieses.

Die Zahl dürfte zudem die Untergrenze des Müllproblems darstellen. Jeglicher Unrat, der bereits von mehr als zehn Zentimeter Sand bedeckt war, kleiner als zwei Millimeter ausfiel oder an Klippen und Felspartien angeschwemmt wurde, blieb in der Studie unberücksichtigt. Wo sich dies noch nachvollziehen ließ, wiesen Beschriftungen darauf hin, dass der meiste Kunststoffmüll aus Asien und Südamerika stammte. Ein Teil davon stammte wahrscheinlich direkt von Fischtrawlern, die in diesem Teil des Pazifiks auf Fangfahrt gehen – rund acht Prozent der Überreste ließen sich direkt auf Fischerei zurückführen, etwa Netze oder Bojen. Henderson liegt zudem am westlichen Rand des Südpazifikwirbels. Dieser gigantische Kreisel aus Meeresströmungen transportiert ebenso gewaltige Mengen an Plastikmüll von den südamerikanischen Küsten und speichert diesen teilweise für Jahre zwischen, bis der Abfall in die Tiefsee sinkt, zerfällt oder wieder angeschwemmt wird.

An Land leiden verschiedene Tierarten unter dem Dreck der Zivilisation. Meeresschildkröten, die den Strand zur Eiablage aufsuchen, meiden stark verschmutzte Abschnitte. Seevögel verheddern sich mitunter in dem Material, und die Artenvielfalt von wirbellosen Tieren sinkt manchmal. Weltweit gefährdet Plastikmüll auf irgendeine Weise bereits mehr als die Hälfte aller Seevogelarten, darunter auch solche, die auf Henderson nisten.

Trotz zahlreicher Studien ist weiterhin ungeklärt, wie viel Kunststoff aktuell im Meer schwimmt. Die Schätzungen reichen von mehreren hunderttausend bis zu mehreren Millionen Tonnen. Und ebenfalls nur grob geschätzt ist die Menge, die mittlerweile in die Tiefsee abgesunken ist, im Meereis gefangen oder so stark zerrieben wurde, dass sie als Nanopartikel in die Nahrungskette gelangte. Auf Hawaii beschrieben Geologen bereits ein neues Gestein namens Plastiglomerat, das aus geschmolzenem Kunststoff und erstarrter Lava besteht. Jährlich werden schließlich 300 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, nur ein verschwindend geringer Anteil wird jedoch nach Gebrauch recycelt.