"Leider bleiben Wähler beim ersten äußeren Eindruck hängen, sinnvolle Korrekturen ihrer ursprünglichen Einschätzung finden nicht statt." Das klingt nüchtern, wie die beiden Forscher John Antonakis und Olaf Dalgas den Stand der Dinge zusammenfassen: Da werden Millionen für den Wahlkampf ausgegeben, Debatten geführt und Parteiprogramme ausgeklügelt. Doch am Ende entscheidet, welcher der Kandidaten am kompetentesten ausschaut.

Zu diesem Schluss kamen jedenfalls jetzt die beiden Forscher von der Université de Lausanne – mit dem gleichen Vorgehen wie eine ganze Reihe von Studien bereits vor ihnen.
Wer wird gewinnen?
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Ihre Versuchsteilnehmer aus einem Winkel der Welt sahen nebeneinander die Bilder von Kandidaten aus anderen Ländern, die gegeneinander angetreten waren. Die Politiker sind den Probanden völlig unbekannt. Bei Fragen wie "Wer sieht führungsstärker aus, wer kompetenter, wer intelligenter?" schneidet nun der tatsächliche Wahlsieger statistisch auffällig besser ab als der Unterlegene.

Der laut Antonakis und Dalgas erschütternde Umkehrschluss: Mit Hilfe der Bauchentscheidung der gänzlich uninformierten Teilnehmer lässt sich der Ausgang einer Wahl vorhersagen. Die Trefferwahrscheinlichkeit dieser Voraussage geben sie wie die vorhergehenden Studien mit rund 70 Prozent an. In der Interpretation der Forscher gibt es dafür nur eine Erklärung. Die Bürger an den Wahlurnen entscheiden offenbar in hohem Maße wie die Probanden im Labor einfach nach dem Äußeren.

Doch als wäre das noch nicht genug, setzten die beiden Forscher noch eins drauf: Das Urteil erwachsener Probanden – von erfahrenen Wählern also – ist praktisch identisch mit dem von Kindern. Die beiden Wissenschaftler hatten den Test nämlich zusätzlich mit 841 Kindern gemacht, die bei den angebotenen Kandidatenpaarungen ihren Kapitän für eine ausgedachte Schiffsreise von Troja nach Ithaka erwählen sollten. Zu ihrem Odysseus kürten die Kinder dieselben Personen, die auch die Erwachsenen lieber an der Führungsspitze sähen.

Anscheinend gibt es bestimmte Merkmale im menschlichen Gesicht, die von der Mehrheit als Anzeichen von Kompetenz angesehen werden und die sich nicht aus Erfahrungswerten im Umgang mit Politikern speisen, sondern vielleicht angeboren sind. Eine solche "gefühlte Kompetenz" eines Menschen muss natürlich nicht mit dessen tatsächlicher Befähigung übereinstimmen, wie Antonakis und Dalgas bedauernd feststellen.

Kann man demnach in Zukunft auf das Spektakel Wahlkampf verzichten, weil am Ende ohnehin der mit dem Gewinnerlächeln den Sieg davonträgt? Wohl eher nicht. Denn wenn Kompetenz und Aussehen auch nur ein bisschen zusammenhängen, könnten sich viele der Treffer bei der Befragung erklären lassen: Die Wähler mögen erfreulicherweise nach tatsächlicher Kompetenz geurteilt haben, die Testpersonen nach gefühlter. Im Endeffekt wäre dann die Quote von rund 70 Prozent richtiger Einschätzungen nicht mehr ganz so überraschend.

Und nicht zuletzt bleibt noch die Tatsache, dass eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit durchaus auch Politikern mit unvorteilhaftem Gesichtsausdruck die Chance auf einen Wahlgewinn eröffnet. Und warum sollte hier nicht ihr besseres Programm den Ausschlag gegeben haben?