Hirnscans bei pubertierenden Jugendlichen
© Jessica Cohen, UCLA
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Nach und nach bestätigen auch Hirnforscher, was viele Eltern längst geahnt haben: Im Gehirn von Pubertierenden geht so manches drunter und drüber. Als Hauptursache wird der Hirnumbau beim Übergang zum Erwachsenenleben vermutet; dabei werden neue Nervenverknüpfungen geschaffen, alte verschwinden, und insgesamt schrumpft die so genannte graue Substanz des Gehirns, während die schnellere, wegen ihrer Myelinhüllschicht weiße Substanz zunimmt. Das zwischenzeitliche Provisorium sorgt allerdings für Probleme. Fatalerweise reift in der Baustelle im Kopf zum Beispiel das Hirnareal besonders langsam, das für das analytische Überdenken der eigenen Handlungen zuständig ist: der präfrontale Kortex.

Neben der Fähigkeit zur reiflichen Überlegung macht Heranwachsenden aber auch das Versagen einer weiteren Kontrollinstanz zu schaffen, die die Motivation austariert, eine womögliche gefährliche Handlung mit ungewissem Gewinn durchzuführen, meinen nun Jessica Cohen von der University of Californis in Los Angeles und ihr Team.

Im Zentrum dieses Prozesses steht dabei eine Art Suchtkreislauf im Gehirn der Jugendlichen: Ihr Belohnungszentrum verlangt nach einem immer höheren Einsatz, um auf biochemischen Weg den gleichen Grad innerer Befriedigung zu erreichen. Hauptverantwortlich ist dafür der Neurotransmitter Dopamin und seine Andockstellen: Weil in der Umbruchphase der Pubertät zunächst immer weniger Rezeptoren auf diesen Transmitter reagieren, fühlen sich die Betroffenen subjektiv immer weniger bestätigt. Cohen und Co fragten nun aber detaillierter, auf welche Art das Belohnungszentrum aus dem Ruder läuft, um Heranwachsende zu einer Reihe höchst riskanter Handlungen zu treiben. Die Wissenschaftler führten dazu Vergleichsexperimenten mit Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern im Magnetresonanztomografen durch.

Offenbar, so die Forscher, liegt die Ursache für das charakteristische risikosuchende Verhalten von Heranwachsenden tatsächlich in einer schlecht justierten besonderen Region des Belohnungszentrums, des Striatums, die weder junge Kinder noch Erwachsene so benutzen wie Heranwachsende. In dem fraglichen Abschnitt wird offenbar zuviel Dopamin ausgeschüttet, wenn eine riskante Handlung subjektiv erfolgreich abgeschlossen wird. Dies motiviert aber dazu, ähnliche Handlungen erneut durchzuführen und -wegen des Gewöhnungseffekts – bald sogar, die Risiken nochmals zu steigern, um den gleichen Belohnungskick zu erfahren.

Damit sei, so die Forscher, der Funktionsmangel im Teilaspekt der "prediction error response" – also der Vorhersage des Fehlersignals, einem der Teilaspekte im klassischen Modell des Belohnungslernens – zu finden. Mit Hilfe dieses Fehlersignals wird nach einer Handlung Bilanz darüber gezogen, ob die erwartete (interne) Belohnung mit tatsächlich subjektiv wahrgenommenen Belohnung nach Abschluss einer Tätigkeit übereinstimmt – tut sie es nicht, so passen wir unsere Erwartungen im Normalfall an.

Jugendliche reagieren allerdings nicht mit angepasster Erwartungshaltung, sondern mit noch riskanteren Handlungen. Alternativ, so fassen Cohen und Kollegen zusammen, hätte die übertriebene Risikobereitschaft auch durch eine andere, vielleicht ebenfalls im pubertären Hirnumbau bedingte Verrechnungsschwäche erklärt werden können – zum Beispiel dadurch, dass die Heranwachsenden sich des Risikos einer Handlung nicht wirklich bewusst sind. Dies treffe allerdings wohl weniger zu: Vielmehr braucht das pubertierende Gehirn die durchaus wahrgenommene Gefahr womöglich sogar, um dem aus dem Ruder gelaufenen zu starken Bedürfnis nach biochemischer Belohnung den nötigen Anreiz zu liefern. (jo)