Bevor sie volljährig werden und sich lebenslang binden, streifen Kolkraben (Corvus corax) in größeren Trupps auf Nahrungssuche umher. In diesen Junggesellengemeinschaften bleibt Streit mitunter nicht aus. Doch Orlaith Fraser und Thomas Bugnyar von der Universität Wien haben nun beobachtet, dass die Raben danach auch einander trösten – und damit den Stress für den Unterlegenen eines Disputs lindern.

Nach Verlassen des Nests schließen sich die gerade selbstständig gewordenen Jungraben zusammen, um gemeinsam auf Nahrungssuche zu gehen – eine Gemeinschaft, die den unerfahrenen Tieren einen gewissen Schutz vor Beutegreifern gewährt. Die Zweckgemeinschaft ist jedoch nicht immer harmonisch, und es kommt zu Auseinandersetzungen aus Futterneid oder weil mehrere Männchen um ein Weibchen konkurrieren. Ausgetragen werden die "Gefechte" dann mit Schnabelhieben und Scheinangriffen, bis sich einer zurückzieht.

Kolkrabe
© National Park Service
(Ausschnitt)
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In Mitteleuropa war der Kolkrabe lange als landwirtschaftlicher Schädling verfemt, weil er angeblich Kälber und Lämmer tötete. Das hat sich jedoch als falsch herausgestellt.
Damit verbunden ist jedoch zumindest für den Verlierer eine hohe emotionale Belastung, die auf Dauer seiner Gesundheit schaden könnte oder den Zusammenhalt der Gruppe sprengt. Im Gegensatz zu Primaten versuchen die Kontrahenten nicht, sich direkt wieder zu versöhnen – wohl weil die Gefahr zu groß ist, dass sie gleich wieder aufeinander losgehen, wie Fraser und Bugynar vermuten. Stattdessen spenden jedoch unbeteiligte Dritte dem Unterlegenen Trost: Sie näherten sich ihrem Artgenossen an, schnäbelten oder spielten mit ihm und boten Futter an. Zumeist handelte es sich dabei um Tiere, die entweder direkt mit dem Verlierer aufgewachsen sind oder die bereits erste zarte Paarbande geknüpft hatten.

Umgekehrt erbaten manche Vögel, nachdem sie gestritten hatten, auch Zuspruch von anderer Seite und näherten sich diesen Tieren an, um sich aufmuntern zu lassen. Beide Reaktionen fielen umso intensiver aus, je heftiger der Disput zuvor war und je stärker die emotionalen Folgen wohl waren. Erstaunlicherweise unterblieben weitere Aggressionen, wenn die Kolkraben selbst derart um Beistand gebeten hatten: Wahrscheinlich hatten sie gezielt Trost spendende Artgenossen ausgesucht, die mit dem Aggressor ebenfalls gut auskommen und somit beruhigend auf die ganze Gruppe wirken.

Empathische Gefühlsregungen könnten also auch in der Vogelwelt vorkommen, so die Biologen – zumal vor allem Tiere "Mitleid" zeigten, die mit dem Verlierer verwandtschaftlich verbunden waren. Ein ähnliches Verhalten hatte man zuvor bereits bei den nahe verwandten Saatkrähen beobachtet: Die jeweiligen Partner beruhigten die Streithähne, damit diese sich nicht gleich wieder ins Gehege kamen. (dl)