Schutz der Urwälder, der Korallenriffe, der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt – Forderungen, die immer wieder laut werden. "Und wovon sollen wir leben?", lautet oft die banale und nicht ganz unberechtigte Antwort. Warum schließlich sollte man nicht den natürlichen Reichtum der eigenen Heimat nutzen dürfen? Warum sollen ausgerechnet andere, die in Saus und Braus leben, einem verleiden, im Wald vor der Haustür zu jagen oder Felder zu bestellen? Haben diese doch selbst ihre ursprüngliche Natur weit gehend vernichtet – da sollten sie mal schön stille halten mit ihren Ansprüchen. Oder dafür bezahlen.

Warum überhaupt muss man Biodiversität schützen? Weil sie Ökosysteme stabiler gegenüber Störungen macht, weil sonst noch mehr Arten aussterben, weil wir eine ethische Verantwortung gegenüber der Natur haben – Antworten, die einen Ökonomen oder auch einen Kleinbauern kaum überzeugen werden: Sie können daran nicht verdienen, geschweige denn davon leben (es sei denn, sie betätigen sich im Ökotourismus). In einer Kosten-Nutzen-Analyse zählt Naturschutz daher zu den ungeliebten Posten, in den niemand gern investiert. Folglich leidet die Disziplin unter chronischem Geldmangel und sucht verzweifelt nach Methoden, die dünnen Mittel möglichst sinnvoll zu verteilen.

Doch erst in den letzten Jahren ging Ökologen und Ökonomen auf, dass ihre Rechnungen nicht ganz korrekt waren: Sie hatten die Dienstleistungen von Ökosystemen – wie Nahrungsquellen, Trinkwasserversorgung, Medizinköfferchen, Kohlenstoffspeicherung oder auch schlicht Erholungsraum – als kostenfreies Angebot gar nicht erst aufgelistet. Ein grober Fehler, denn wird ihnen ein entsprechender Wert zugestanden, sehen die Bilanzen plötzlich ganz anders aus. Und auch Naturschutzplanung bekommt ganz neue Gesichter und Visionen.

Eines der letzten Beispiele kommt aus Südamerika. Robin Naidoo und Taylor Ricketts vom World Wildlife Fund analysierten für das Mbaracayu-Biosphärenreservat in Ost-Paraguay, wie sich Schutzmaßnahmen in Kosten und Nutzen ausdrücken würden. Fünf Faktoren berücksichtigen die Forscher: das Angebot des Waldes als Fleisch- und Holzlieferant in nachhaltiger Bewirtschaftung, Quelle für mögliche Pharmazeutika, Kohlenstoffspeicher und seine schwer in Zahlen zu fassende emotionale Bedeutung für den Menschen. Diese Zahlen stellten sie dem zu erwartenden Gewinn gegenüber, wenn der Wald gerodet und in landwirtschaftliche Nutzfläche umgewandelt würde.

Insgesamt schwankten die Werte für alle berücksichtigten Komponenten räumlich stark. Am lukrativsten zu Buche schlug der potenzielle Kohlenstoffspeicher, weshalb die Forscher die schon andernorts geäußerte Forderung unterstreichen, auch die Vermeidung von Abholzung sollte als Klimaschutzmaßnahme global angerechnet werden können. Zählten sie die Einzelsummen der ökologischen Dienstleistungen der Teilgebiete zusammen, kamen sie auf zwei bis über tausend Dollar pro Hektar. Rodung und Nutzung hingegen lieferte nur bis zu 978 Dollar pro Hektar – mündete also zumindest auf manchen Flächen in einem deutlichen Verlust [1].

Ganz ähnlich gingen auch Kai Chan von der Universität von British Columbia in Vancouver und seine Kollegen vor, allerdings etliche Kilometer nördlich: Sie stellten eine Kosten-Nutzen-Analyse für die kalifornische Central Coast von Santa Barbara bis San Francisco auf und schätzten die Leistung der einzelnen Ökosysteme in Bestäubung und Futterangebot für Weidetiere, Überflutungsregulation, Wasserdargebot, Erholungsraum und wiederum Kohlenstoffspeicherung. Zusätzlich erfassten sie die Biodiversität der einzelnen Parzellen, in welche sie das Gebiet aufgeteilt hatten. Dann untersuchten sie, mit welcher Strategie sich Leistungen und Biodiversität am besten weiter steigern beziehungsweise erhalten ließen: Sollten sich Fördermaßnahmen auf die besonders artenreichen Regionen konzentrieren? Oder jene, die hinsichtlich Nutzen am stärksten abschnitten?

Beides hatte seine Licht- und Schattenseiten. Biodiversitätsschutz sicherte auch in gutem Maße das Leistungsangebot von Mutter Natur, und umgekehrt profitierte das Arteninventar, wenn besonders ergiebige Dienstleistungsareale im Fokus standen. Bei beiden Konzepten aber litt der jeweils "mitgehangene" Aspekt. Einen optimalen Mittelweg fanden die Wissenschaftler schließlich darin, jene Gebiete außen vor zu lassen, die sich hinsichtlich Bestäubung und das Futterangebot für Weidetiere auszeichneten. Dann deckten sich Regionen mit hoher Biodiversität mit solchen, in denen hinsichtlich der verbleibenden Ökosystemdienstleistungen gute Noten erzielt wurden. So gab es zwar auf allen Seiten leichte Einbußen, im Ganzen gesehen aber den größten Gewinn [2].

Der Schutz von Umwelt und Artenreichtum also lohnt sich – und das nicht nur aus vagen Argumenten heraus. Mögen die in Rechnung gestellten Leistungen der Natur auch eher hypothetisch wirken, sie sind Fakt. Und es sind Zahlen – Zahlen, mit denen sich vieles besser verdeutlichen lässt als mit ausführlichen, gewundenen Erklärungen, die sich schlecht fassen lassen. Derart nachgebesserte Bilanzen geben Naturschützern ein gutes Instrument für ihre Planung an die Hand, sie machen Entscheidungen auch prüf- und nachvollziehbar. Und genau darauf kommt es an, wenn die schwierige, aber berechtigte Frage nach dem Warum auftaucht.