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Weichtiersex : Recyclingpenis sticht Nebenbuhler aus

Nacktschnecke <em>Chromodoris reticulata</em>

Sex ist bei den zwittrigen Nacktschnecken eine verwickelte und grundsätzlich zwiespältige Geschichte: Die "simultanen Hermaphroditen" sind in flagranti gleichzeitig Mann und Frau; gleichermaßen verteilen und empfangen sie also Spermien beim Akt und können deshalb immer auch Mutter und Vater in einem werden. Um die Unübersichtlichkeit auf die Spitze zu treiben: Sie können theoretisch, müssen praktisch aber nicht. Denn ihre weibliche Seite sieht sich die Spermien des Partners bei einer postkoitalen Qualitätsüberprüfung zunächst immer sehr genau an. In einem spezialisierten Spermiensammelorgan wird minderwertiges Samenmaterial hierbei nicht zur Befruchtung zugelassen, sondern schlicht schnell verdaut.

Diese so möglich gewordene innere Selektion – Fachleute sprechen von "female cryptic choice", einer vom weiblichen Organismus verborgen vollzogenen Auslese – hat vor allem beim Sex mit rasch wechselnden Partnern Vorteile, weil die weibliche Anatomie die mannigfaltigen Spermien der unterschiedlichen Begatter hier im Vergleich begutachten und gegeneinander ausspielen kann.

Nacktschnecke Chromodoris reticulata | Die in asiatischen Meeren heimische Chromodoris reticulata gehört zu den Nacktkiemern (Nudibrancha) unter den Nacktschnecken. Wie fast alle seine Verwandten ist das Tier ein Zwitter – die Fortpflanzung von Chromodoris kann aber mit einigen zusätzlichen Besonderheiten aufwarten.

Der männliche Part müsste, nach den Spielregeln der Evolution, eigentlich dagegenhalten. Und genau das tut er auch, berichtet nun ein japanisches Forscherteam. Mittel der Wahl im Geschlechterkampf scheint – zumindest bei der Nacktkiemerschnecke Chromodoris reticulata – ein widerhakenbesetzter Putzpenis zu sein, den mann zwischen den Paarungen im Körper einschmilzt und bei Bedarf dann wieder neu wachsen lässt.

Dies schließen die Forscher nach der peniblen Vermessung peniler Weichtierauswüchse, die vor, während und nach 31 reziproken Kopulationsereignissen an Nacktschneckenzwittern im Labor zu beobachten waren. "Typischerweise treffen sich zwei Individuen, berühren einander mit ihren Geschlechtsöffnungen, kriechen in separate Ausgangspositionen und projektieren ihre Kopulationsorgane", erzählen die Forscher. Nach dem schließlich folgenden Akt trennten sich die Zwitter in einem allmählichen Prozess wieder, bei dem ihre zunächst noch verhakten und deshalb in die Länge gezogenen Penisse schließlich freikommen, um dann vollständig "autotomiert", also in der Gesamtheit in den eigenen Körper zurückgezogen und eingeschmolzen zu werden.

Bei ihren mikroskopunterstützten Nachforschungen über das postkopulatorische Schicksal der Penisse im Schneckenkörper deckten Sakiko Shiga und seine Kollegen von der Osaka City University dann auf, dass mit dem Organ offenbar auch größere Mengen von daran haftenden Spermien eingezogen werden, die der Penis beim Kopulationsakt aus der Geschlechtsöffnung des Partners freigeschabt hatte. Diese Spermien – sie stammen vermutlich vor allem von Konkurrenten, die zuvor mit dem Partner Umgang hatten – sind im Körper verloren und werden dort rasch abgebaut. Die anatomische Konstruktion erlaubt den Tieren also, Spermien der männlichen Konkurrenz in der weiblichen Geschlechtsöffnung durch eigene zu ersetzen. Damit begrenzen sie zugleich die Bedeutung der Selektionsprozesse im Weibchen und erhöhen die eigenen Chancen auf Nachwuchs.

Als möglichen Nachteil dieser Strategie im Hinblick auf weitere Kopulationsakte machten die Forscher allerdings den nun fehlenden Penis aus. Tatsächlich aber bilden die Zwitter ihr Begattungsorgan innerhalb erstaunlich kurzer Zeit wieder neu aus, wie die Auswertung der Kopulationsfrequenz von 108 Nacktschneckenpaaren belegt: Nach im Durchschnitt gerade einmal 24 Stunden waren stets neue Penisse einsatzbereit. In der Zwischenzeit verzichteten die Zwitter übrigens meist darauf, sich passiv von einem voll ausgestatteten Interessenten begatten zu lassen.

Das "äußerst eigenartige" Sexualverhalten von Nacktkiemern wie C. reticulata, so der an der Studie beteiligte Ayami Sekizawa, ist dennoch nicht ohne Beispiel. So kennt man etwa Libellen, die auf ähnliche Weise mit ihrem Penis die Spermien von früher zum Zug gekommenen Konkurrenten beim Kopulationsakt beiseiteschaffen.

Zudem wissen Zoologen von einigen weiteren Organismen, die ihre männlichen Reproduktionsanhängsel zwischenzeitlich abbauen, um sie dann "just in time" neu entstehen zu lassen. Hierzu zählen etwa Weichtiere wie das Papierboot – ein Kopffüßer – oder einige Rundnetzspinnen, die mit dem Verlust der Spermien übertragenden Pedipalpen die Effizienz des Spermientransfers erhöhen. Manche Strandschnecken sparen dagegen vor allem energetische Unterhaltskosten, indem sie Begattungsorgane nur zur Paarungszeit bereithalten. Weniger selbstbestimmt ist dagegen der Penisverlust der landlebenden Bananenschnecke: Ihr rekordverdächtig überdimensionierter Penis reißt gelegentlich beim Akt ab. Anders als C. reticulata kann die Landschnecke ihr Begattungsorgan allerdings nicht nachwachsen lassen – nach einem Totalverlust muss der Zwitter sich den Rest seines Lebens auf die weibliche Rolle beschränken.

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