News | 22.06.2009 | Drucken | Teilen

Frühe Jungsteinzeit

Reiche Ernte ohne Säen

Bevor die Menschen sich durch Ackerbau neue Nahrungsquellen erschlossen, verfeinerten sie die Nutzung der alten - so gut, dass sie eigene Gebäude für die Ernte brauchten.
Ausgrabung eines Getreidespeichers
© Kujit, I., Finlayson, B.: Evidence for food storage and predomestication granaries 11,000 years ago in the Jordan Valley. In: PNAS 106, S. 10966-10970, 2009, fig. 2
Rund eintausend Jahre vor Beginn des eigentlichen Ackerbaus sammelten die Menschen im heutigen Jordanien bereits in großem Umfang Wildgetreide und bewahrten es über einen längeren Zeitraum auf. Das belegen neu entdeckte Getreidespeicher, die jetzt bei Grabungen in Dhra' in direkter Nähe zum Toten Meer zum Vorschein kamen. Wie die Archäologen Ian Kuijt von der University of Notre Dame und Bill Finlayson vom Council of British Research in the Levant berichten, sind die Speicher laut Radiokarbondatierung rund 11 000 Jahre alt.

Rekonstruktion des Gestreidespeichers
© Illustration: E. Carlson; Courtesy of Dr. Ian Kuijt, University of Notre Dame
 Bild vergrößernRekonstruktion des Getreidespeichers
Schon lange bevor sie zu Ackerbauern wurden, nutzten die Menschen Getreidespeicher für gesammelte Wildpflanzen. Dieses in Dhra' gefundene Gebäude wurde vor 11 000 Jahren errichtet.
Den Wissenschaftlern zufolge waren die Bauten kreisrund und hatten einen Durchmesser von rund drei Metern. Ihre Wand bestand aus Lehm und Steinen, auf die ein Flachdach aus lehmverputzten Flechtwerk aufgesetzt wurde. Der besondere Clou lag im Innern des Silos: Hier konstruierten die Erbauer einen eingezogenen Boden, indem sie auf Steinblöcken ein Holzgerüst lagerten, das mit Lehm verschmiert wurde. Laut Kuijt und Finlayson sollte das Nagetieren den Zugang erschweren und Luft um das Getreide zirkulieren lassen.

Die Speicher stammen aus der Frühphase des so genannten Präkeramischen Neolithikums A, das vor allem durch eine Verfeinerung des Ressourcenmanagements gekennzeichnet sei, so die Wissenschaftler: Die Menschen verbrachten damals zumindest einen Großteil des Jahres sesshaft und kümmerten sich systematisch um das Wildgetreide in ihrer Umgebung. Die große Menge an Nahrungsmitteln, die sich so erwirtschaften ließ, machte den Bau von Silos notwendig, ermöglichte es aber auch, Nahrungsengpässe zu überwinden. Bevorratung sei mit der wichtigste Schritt bei der Umstellung auf den Ackerbau gewesen, meinen die Wissenschaftler.

Im Gegensatz zu späteren Phasen, in denen ähnliche Silos vor allem im Innern größerer Häuser auftauchen, ließen sich die Speicher aus Dhra' nicht einzelnen Wohngebäuden zuordnen. Möglicherweise sei die Nahrungsbeschaffung in der Frühzeit noch eine gemeinschaftliche Aufgabe gewesen, die erst später in den Zuständigkeitsbereich der einzelnen Haushalte fiel.

Das Präkeramische Neolithikum A, in dem im Unterschied zur eigentlichen Jungsteinzeit noch keine Gefäße aus Ton hergestellt wurden, folgt auf eine Zeit größerer Klimainstabilitäten, die die Menschen zu einer eher nomadischen Lebensweise gezwungen hatten. Die zuvor unternommenen Ansätze einer Sesshaftwerdung mussten dabei wieder aufgegeben werden. Unklar ist, ob bereits damals kleine, lehmverputzte Silos angelegt wurden. Über die Deutung entsprechender Grabungsbefunde würden laut Kuijs und Finlayson die Meinungen auseinandergehen.

Aus der Endphase des Präkeramischen Neolithikums A, dem achten vorchristlichen Jahrtausend, stammen auch der berühmte "Turm" und die "Stadtmauer" im nahe gelegenen Jericho, einer der ersten stadtähnlichen Ansiedlungen weltweit. (jd)
© Spektrum.de

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