Am 21. Juli 1983 sanken die Temperaturen rund um die russische Forschungsstation Vostok im Eis der Antarktis auf den tiefsten, jemals von Menschen gemessenen Wert: Minus 89,2 Grad Celsius notierten die Forscher auf ihren Thermometern. Knapp 30 Jahre später können Wissenschaftler erklären, wie es zu diesem extrem kalten Absturz kommen konnte – und prognostizieren noch tiefere Minusgrade.

Lage der Station Vostok
© NASA
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Mehrere Faktoren wirkten damals zusammen, meint John Turner vom British Antarctic Survey in Cambridge, der die Studie leitete. Hauptverantwortlich war demnach ein Wirbel aus kalter Luft, der großräumig um die Station Vostok in der Ostantarktis zirkulierte und diese vom Zustrom etwas milderer Luftmassen aus gemäßigteren Breiten abschirmte. Gleichzeitig herrschte wolkenloser Himmel, der die Abstrahlung der restlichen vorhandenen Wärmeenergie von der Erdoberfläche ins All erlaubte – unterstützt von windstillen Bedingungen: Die Luft war vollkommen klar und wurde auch nicht vom so genannten Diamantstaub – einer niedrigen, nebelartigen Wolkendecke aus Eiskristallen – getrübt, der den Wärmeverlust wenigstens etwas gemindert hätte.

Die Forscher auf Vostok frieren häufiger bei extremer Kälte, denn ihre Basis liegt fernab der Küste im Landesinneren auf knapp 3500 Meter Höhe, weshalb auch neue Kälterekorde im Bereich des Möglichen lägen, so Turner: "Wir denken, dass es hier sogar noch kälter werden könnte, wenn diese speziellen Bedingungen nicht nur zehn Tage wie damals, sondern länger andauern – möglicherweise sinken sie dann bis auf minus 96 Grad Celsius." Und auf dem höher gelegenen Eisschild Dome A könnten sie vielleicht auf Werte unter minus 100 Grad Celsius fallen. Seit 1958 werden Temperaturen vor Ort aufgezeichnet, die durchschnittlichen Juli-Temperaturen liegen normalerweise bei "milden" minus 66 Grad Celsius. (dl)