Bisherige Retina-Implantate zeigen bereits erste Erfolge, indem zuvor blinde Patienten damit Lichtflecken oder andere Hell-dunkel-Kontraste erkennen können. Ein von Tübinger Forschern entwickelter Prototyp ermöglichte einem Patienten nun sogar, Gegenstände des Alltags zu identifizieren und einfache Worte zu entziffern.

Die Wissenschaftler um Eberhart Zrenner von der Universität Tübingen und der Retina Implant AG in Reutlingen ersetzen mit ihrem Implantat die durch Krankheit zerstörten Fotorezeptoren im Auge durch Fotodioden, die einfallende Lichtsignale verstärken und als elektrischen Impuls in die Sehbahn einspeisen. Dazu pflanzen sie einen drei mal drei Millimeter kleinen Mikrochip mit 1500 Fotodioden unter die Netzhaut ins Auge ein. Bereits 2007 berichteten sie über erste viel versprechende Ergebnisse ihrer Pilotstudie.

Retina-Implantat
© Retina Implant AG
(Ausschnitt)
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Nun hatten sie einem Patienten den Chip direkt hinter den Gelben Fleck (Makula lutea) implantiert, dem Ort schärfsten Sehens. Der Mann war bereits bei ersten Tests in der Lage, eine Uhr abzulesen sowie die Gegenstände auf einem gedeckten Tisch zu erkennen. Außerdem identifizierte er korrekt einen Apfel und eine Banane, obwohl sie ihm zuvor unbekannt waren. Als ihm die Wissenschaftler Buchstaben von fünf bis acht Zentimeter Höhe und knapp zwei Zentimeter Strichdicke vorlegten, konnte er einfache Worte lesen und sogar Schreibfehler in seinem Namen aufdecken. Auch erfasste er Kontrastunterschiede von nur 15 Prozent bei verschiedenen Graustufen.

Alle Patienten bisher hatten die Operation gut vertragen und konnten bereits bei den ersten Versuchen entsprechende Seheindrücke schildern. Nach kurzer Gewöhnungszeit verschwanden auch erste Unschärfen oder Bewegungen der wahrgenommenen Strukturen. Allerdings berichteten sie mehrmals die Wahrnehmung von Infrarotlicht, für das die Fotodioden auch empfindlich sind.

Die bislang verwendeten Prototypen werden normalerweise nach wenigen Wochen wieder entfernt, unter anderem, weil Chipsteuerung und Stromversorgung außerhalb des Körpers liegen und so ein externes Kabel nötig machen. Bei der nächsten Generation setzen die Forscher darauf, auch den Energielieferanten hinter dem Ohr zu implantieren. Eine europaweite Studie mit 25 Patienten ist bereits gestartet. (af)