Am Anfang steht die Umarmung: Es gibt wohl nicht viele Konferenzen, bei denen der Veranstalter beinahe jeden einzelnen Teilnehmer am Anfang so herzlich begrüßt. Doch die Veranstaltung ist eigentlich keine Tagung im klassischen Sinn – sondern eine Unkonferenz. Auch die diskutierten Themen, über die sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits das ganze Jahr online ausgetauscht haben, sind nicht die typischen Themen, die sonst auf wissenschaftlichen Kongressen auftauchen.

Science Online heißt dieses jährliche Treffen zur Wissenschaftskommunikation, das in Raleigh, North Carolina, stattfindet. Es entstand aus einem regionalen Bloggertreffen und hat sich in den vergangenen sechs Jahren zu einem wichtigen Treffpunkt für Wissenschaftskommunikatoren aller Art entwickelt: Von Wissenschaftlern und Journalisten über Pressesprecher, Blogger, Podcaster, Filmemacher bis hin zu Open-Access-Advokaten, Programmierern oder Spieleentwicklern findet sich hier ein bunte Mischung von Berufsgruppen ein – mit stetig steigenden Teilnehmerzahlen. Und gleich ob Studenten, Doktoranden, Professoren, Pulitzer-Preisträgerinnen, Lokalreporter, Buchautoren, Politikberater oder Cheerleader: Sie sind praktisch permanent online vernetzt über Twitter, Blogs und Backchannels, wo sie zusammenarbeiten, diskutieren und Material tauschen. Selbst während des Treffens bleiben sie weiterhin online, wovon 17 000 Tweets bei Twitter zeugen.

Das klingt ein bisschen verrückt und für alle, die andere Konferenzen gewohnt sind, nach Chaos und Zeitverschwendung. Aber die Erfahrung zeigt: Es handelt sich um eine der dynamischsten, innovativsten und seltsam effizientesten Veranstaltungen in der ganzen Wissenschaftsszene, was vor allem am "Un" liegt. Denn dieses "Un" macht aus einer Konferenz, bei der die interessanten Gespräche  wenn überhaupt – in den Kaffeepausen und auf dem Gang stattfinden, eine Veranstaltung, in der die Gespräche wieder in die Sessions hineingeholt werden. Ein Erfolgsrezept, das maßgeblich auf die Teilnehmer zurückgeht, die das Programm über das ganze Jahr hinweg mitgestalten.

Wissenschaft und Medien im Umbruch

Einer der Organisatoren und Herz und Seele der Veranstaltung ist Bora Zivkovic, nach eigener Aussage ein "Chronobiologe, der niemals schläft". Zusammen mit Anton Zuiker und Karyn Traphagen hat er das Ziel, nicht nur ein möglichst vielfältiges Angebot zu präsentieren, sondern auch die Kosten für die Teilnehmer so gering wie möglich zu halten: "In einer Gesellschaft im Fluss, in der sich auch die Wissenschaft und die Medien derart im Umbruch befinden, sitzen viele Menschen zwischen den Stühlen oder erfinden neue Jobs für sich und andere. Sie sind Vorreiter, und das ist riskant. Und oft haben diese Leute wenig Geld in der Tasche, aber genau sie wollen wir hier haben", so Zivkovic über sein Anliegen. Für viele bedeuteten die Umbrüche auch, dass sie in beiden Welten zu Hause sind: mit einem Bein noch in den alten Strukturen, mit dem anderen auf neuem Terrain.

Science Online
© Perrin Ireland
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernScience Online

Einer dieser Pioniere ist Ivan Oransky, Executive Editor bei Reuters Health und einer der beiden Autoren von Retraction Watch – ein Blog über die Hintergründe von zurückgezogenen Artikeln in wissenschaftlichen Zeitschriften. Was auf den ersten Blick ziemlich trocken klingt, entpuppt sich oft als ein Konglomerat aus Intrigen und Betrug, das schon fast das Zeug zu einem Kriminalroman hätte. "Die Idee für dieses Blog kam mir hier bei Science Online vor zwei Jahren", sagt er. Inzwischen hat Retraction Watch im Durchschnitt 150 000 Seitenaufrufe pro Monat, Tendenz steigend. Das ist mehr als beachtlich für ein unabhängiges Blog über ein Nischenthema, und es ist sehr bezeichnend für den Kulturwandel, der sich gerade in der Wissenschaftkommunikation abspielt. Über Blogs und Social Media und viele andere Kanäle wird eine langfristige, feinkörnigere Beobachtung möglich. Statt den Fokus auf immer neue Durchbrüche oder Skandale zu legen, bieten die neuen Medien Einblicke in den Weg dahin – inklusive der Fehler.

Auch Oransky zielt im Blog nicht so sehr auf den großen Skandal, sondern bietet durch die fortlaufende Begleitung vor allem Einblicke in den wissenschaftlichen Prozess. Der kommt für ihn in den traditionellen Medien viel zu kurz. "Ich finde es schade, dass viele Wissenschaftsjournalisten es nicht als ihre Aufgabe empfinden, kritisch zu berichten. Sie gehen dem zwar nicht aktiv aus dem Weg, aber sie tun es ohne großen Enthusiasmus. Ich denke jedoch, dass der Kern von Journalismus die kritische Berichterstattung ist – und zu zeigen, wie sehr Wissenschaft ein menschliches Unterfangen ist. Für mich sind dies die interessantesten Geschichten." Oransky räumt allerdings auch ein, dass die Arbeitsbedingungen für Journalisten diese Art von Berichterstattung nicht gerade fördern: Er selbst schreibt Retraction Watch in seiner Freizeit.

Mehr Bürgerbeteiligung

Darlene Cavalier von der Suchplattform SciStarter für Citizen-Science-Projekte schafft ebenfalls einen ganz anderen Zugang zum wissenschaftlichen Prozess, indem sie interessierten Laien hilft, sich selbst daran zu beteiligen: "Wir bringen möglichst viele Menschen mit möglichst vielen Projekten in Verbindung, die für sie geeignet sind. Wir wollen Citizen Science einem breiten Publikum zugänglich machen – nicht nur jenen, die sich sowieso schon für die Natur interessieren." Gestartet hat Cavalier die Plattform 2006 mit 40 Projekten. Inzwischen sind es 500, und das Angebot wächst rasant. "Ich denke, bis zum Ende des Jahres werden wir über 1000 Vorhaben in unserer Datenbank haben."

Grund für das schnelle Wachstum, so Cavalier, seien zum einen Richtlinien der National Science Foundation, die Projekte mit Bürgerbeteiligung als Teil der Öffentlichkeitsarbeit ausdrücklich empfehlen. Zum anderen zwingen aber auch Budgetkürzungen viele Wissenschaftler dazu, über neue Wege der Datengewinnung nachzudenken. "Man kann Citizen Science sicher nicht für jede Forschungsfrage heranziehen – außer man macht es ausschließlich zu PR-Zwecken. Die erfolgreichen und langlebigen Arbeiten basieren dagegen auf einem echten Forschungsbedarf." Die Vermittlung zwischen Profis und Amateuren erfolgt bislang kostenlos, doch Cavalier plant mittelfristig mit kommerziellen Partnern über ihre Seite Produkte anzubieten, die man für die einzelnen Projekte benötigt – etwa Ferngläser oder Bestimmungsbücher. Riesige Profite erwartet sich die Initiatorin davon nicht. Aber: "Je größer und vor allem je finanziell nachhaltiger wir werden, desto mehr Leute können wir an neue Projekte heranführen. Das ist der entscheidende Punkt, denn wir wollen eine möglichst große Vielfalt unterstützen."

Vielfalt ist ohnehin ein zentraler Begriff bei Science Online, gleich ob es sich um Kommunikationswege, Interessen oder Minderheiten in der Wissenschaftsgemeinde handelt. Und auch die besondere Situation von Wissenschaftlerinnen und bloggenden Frauen gehört zu den regelmäßigen Themen. Eine von ihnen ist Kate Clancy, die als Professorin für Biologische Anthropologie an der University of Illinois arbeitet und sich mit der Fortpflanzungsphysiologie von Frauen beschäftigt. In ihrem Blog "Context and Variation" schreibt sie seit eineinhalb Jahren über ihre Forschung und "Ladybusiness" im Allgemeinen.

Viele dieser Themen sind durchaus umstritten, darum legt sie großen Wert darauf, ihre Darstellungen mit Zitaten aus der Fachliteratur zu untermauern. "Evidence, not rhetoric" ist ihre Maxime. "Ich hatte viel Freude daran, diese Stimme zu finden, mit der ich als Feministin schreiben kann, ohne gleich als aufgebrachte Emanze abgestempelt zu werden. Mir gefällt, dass es inzwischen genug von uns gibt und dass wir die Möglichkeit haben, die relevanten Themen von verschiedenen Seiten anzugehen." Manches könne sie als Professorin mit Zeitvertrag einfach nicht so deutlich sagen wie andere Bloggerinnen, sagt sie. Aber zumindest sei es inzwischen so, dass ihre Dekane sie ausdrücklich zum Bloggen ermunterten – auch wenn viele ihrer Kollegen sie noch immer mit einer gewissen wohlwollenden Skepsis betrachten. "Aber ich spiele ja auch Roller-Derby (ein Vollkontaktsport auf Rollschuhen, Anm. d. Redaktion). Das finden sie genauso schräg."