"Endlich kann ich wieder mit rechts das Telefon benutzen", freut sich der Mann euphorisch und tippt eine Nummer ein. Ihm fehlt der rechte Unterarm. Man merkt es kaum. Seine Prothese mit dem Gummiüberzug sieht täuschend echt aus. Mit seiner so genannten Fluidhand kann er lässig ein Victoryzeichen formen und auch sonst jeden Finger einzeln bewegen.
Fluidhände
© Jan Söfjer
(Ausschnitt)
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Ermöglicht wird das durch Kammern aus flexiblem Kunststoff – Aktoren genannt –, in die mit Hilfe einer Pumpe und Ventilen eine ölähnliche Flüssigkeit gedrückt wird. Myoelektroden, kleine elektronische Bausteine im Prothesenschaft, erfassen die Muskelbewegungen am Armstumpf und generieren daraus mit Hilfe eines Mikrocomputers die gewünschte Bewegung. Die menschlichen Muskelsignale sind jedoch je nach körperlicher und geistiger Verfassung nicht immer gleich. Der Computer in der Hand ist aber so "intelligent", dass er die Schwankungen erkennt.

Nur Klavier spielen ist noch nicht möglich

Konzipiert wurde die Prothese vom Institut für Angewandte Informatik am Forschungszentrum Karlsruhe unter der Leitung von Dr. Stefan Schulz. Dank fünfjähriger Entwicklung sind durch die, je nach Version, bis zu acht Gelenke viele, fließende Griffmuster möglich: die Hand flach auf den Tisch legen, den Zeigefinger strecken oder zusammen mit dem Daumen ein Taschentuch aus einer Packung ziehen. Einziger Nachteil: für grobe handwerkliche Tätigkeiten wie Hämmern besitzt sie zuwenig Kraft. Dafür ist die weit verbreitete Otto-Bock-Prothese (Otto Bock HealthCare GmbH aus Duderstadt), die optisch an eine Zange erinnert, besser geeignet. Doch der Fluid-Kontrahent ist immerhin kräftig genug, um eine gefüllte Zwei-Liter-Flasche sicher zu halten.

Bei Bedarf die Hand wechseln
Fluidhand mit Hautüberzug
© Jan Söfjer
(Ausschnitt)
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Der verantwortliche Programmierer und Softwaredesigner Reinhold Oberle will "den Menschen helfen, die eine Hand verloren haben", indem er dafür sorgt, die Prothesen funktioneller und schöner zu machen. Tägliche Anfragen bestärken ihn bei seiner innovativen Arbeit. Immerhin werden in Deutschland 100 neue Prothesen pro Jahr benötigt. Zurzeit tüfteln die Forscher daran, die Bluetooth-Tauglichkeit, sprich drahtlose Datenübertragung, soweit zu verfeinern, dass später die Wartung per Handscanner wie bei Star Trek erfolgen kann. Eine Kompatibilität zum Otto-Bock-Prothesenschaft ist das andere Ziel. Je nach Bedarf – Handwerk oder Geschäftsessen – kann der Träger dann eine andere Hand benutzen.

Dieses Jahr kommt die Prothese erstmals in den Praxistest: Ein Träger nutzte sie schon mehrere Tage lang zu Hause. Endgültig gebraucht sie noch niemand. "Wir können sie nicht einfach verkaufen. Das ist nicht unsere Aufgabe als Forschungsinstitut", erklärt Oberle. "Jedoch ist mittlerweile ein Vertriebspartner gefunden." Die Krankenkassen sind zwar noch zurückhaltend, jedoch willigten die Berufsgenossenschaften ein, die Kosten zu übernehmen.

Den Abendwind mit der künstlichen Haut fühlen

Bis zum Vertrieb werden die bis zu 15 Mitarbeiter sicherlich noch weitere Finessen austüfteln. Das indirekte Fühlen ist schon realisiert. Dabei überträgt ein Bauteil so groß wie ein Centstück Vibrationen auf den oberen Armteil. Je nach Stärke weiß der Träger, wie fest er beim Händedruck zugreifen muss.
Die wahre Revolution stünde jedoch bevor, wenn sich eine Prothese wirklich mit den Gedanken steuern ließe und einen authentischen Tastsinn vermitteln würde. Noch ist das Vision – in Anführungszeichen. Denn US-amerikanische Forscher meldeten bereits die ersten Erfolge solch einer Hirn-Maschine-Schnittstelle. Bei einem Rhesusaffen verbanden sie Areale seines Gehirns mit Elektroden. So vermochte er einen mit einem Computersystem verbundenen Roboterarm steuern – allein mit der Kraft seines Geistes.