Im letzten August sorgte ein "Supersturm" in der Arktis für Aufsehen, der ungewöhnlich lang anhielt, überdurchschnittlich groß war und enorme Mengen Meereis zertrümmerte, was den Eisverlust am Nordpol weiter beschleunigte. Nun überrascht eine Studie von Alan Condron, University of Massachusetts in Amherst, und Ian Renfrew von der University of East Anglia in Norwich, die nicht nur die reine Zahl der stürmischen Polartiefs nach oben setzt, sondern auch deren weit reichende meteorologische und marine Folgen beschreibt.

Polartief
© Universitiy of Dundee
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Demnach ziehen pro Jahr mehrere tausend Zyklone durch die Arktis, die zum Teil eher Hurrikanen gleichen, obwohl diese eigentlich für tropische Meere typisch sind. Doch auch im Nordpolarmeer können Stürme heranreifen, die von extrem niedrigen Luftdrücken begleitet werden, das charakteristische "Auge" im Zentrum ausbilden und haushohe Wellenberge vor sich her schieben. Viele dieser Polartiefs sind mit einem Durchmesser von etwa 500 Kilometern relativ klein, mit einer Dauer von 24 bis 36 Stunden eher kurzlebig und toben sich in Gebieten aus, die von Wettersatelliten häufig nur am Rande erfasst werden. Deshalb tauchten sie in den Statistiken kaum auf und wurden von Klimamodellen nicht ausreichend berücksichtigt.

Die beiden Atmosphärenforscher haben daher eine höher aufgelöste Klimasimulation durchgeführt, um herauszufinden, wie diese Stürme den Ozean vor Ort und in der Ferne beeinflussen. Wie tropische Wirbelstürme entziehen die Polartiefs dem Meer Wärmeenergie, was dieses relativ abkühlt. Damit verstärken sie die in der Region ohnehin vorhandene so genannte thermohaline Zirkulation, bei der kaltes, salzreiches Wasser in die Tiefe sinkt und an der Oberfläche warmes Wasser über das Golfstromsystem aus den Subtropen nachgezogen wird. Der Wärmetransport Richtung Nordatlantik und Nordwesteuropa wird dadurch also angeregt – mit entsprechenden Folgen für die klimatischen Bedingungen in der Region, die von feuchtmilden Luftmassen profitieren, die das Golfstromsystem mit sich bringt.

Durch die Meereisschmelze können die Polartiefs zukünftig noch weiter nach Norden vordringen und den Bereich der stärksten thermohalinen Zirkulation ebenfalls polwärts verlagern. Welche Auswirkungen dies auf das europäische Klima hat, lässt sich jedoch noch nicht abschließend vorhersagen. Unter anderem eine Studie von Hans von Storch vom Helmholtz-Zentrum für Material- und Küstenforschung in Geesthacht prognostiziert zudem, dass die Zahl der arktischen Stürme als Folge der Erderwärmung sinken könnte. Dadurch verliert die marine Umwälzpumpe im Nordatlantik womöglich an Kraft, was in den nächsten Jahrzehnten den Wärmetransport nach Norden abschwächen würde. Die Erwärmung von Teilen der Nordhalbkugel würde in diesem Fall etwas gedämpft.