Herr Sierks, warum gibt es nicht jeden Tag ein Rosetta-Bild?

Holger Sierks: Wir nehmen nicht jeden Tag Bilder auf. In der Anflugphase nähert sich Rosetta dem Kometen so langsam, dass in den Kameradaten Veränderungen von Tag zu Tag kaum auffallen würden. Die Auflösung der Kameras ist schließlich nicht besonders groß. Sie sind ausgelegt für die Beobachtungen am Kometen. Der Kometenkern war lange Zeit nur ein winziger Punkt, erst am 16. Juni überschritten wir die Ein-Pixel-Größe. Anfang Juli betrug die Auflösung drei Pixel, letzte Woche 20 Pixel, und das neueste Bild wird bei etwa 60 Pixeln liegen. Auch das ist aber immer noch sehr klein für einen Vier-Megapixel-Sensor. Deshalb versuchen wir, die Aufnahmen mit Algorithmen zu filtern, um erste Oberflächendetails erahnen zu können. Wir machen momentan auch deshalb weniger Aufnahmen als erwartet, weil die Aktivität des Kometen noch nicht sehr ausgeprägt ist.

Komet 67P/Tschurjumow-Gerasimenko am 20. Juli 2014
© ESA / Rosetta / MPS for OSIRIS Team MPS / UPD / LAM / IAA / SSO / INTA / UPM / DASP / IDA
(Ausschnitt)
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Diese drei Ansichten des Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko wurden am 20. Juli 2014 aus einer Entfernung von 5500 Kilometern aufgenommen. Die einzelnen Bilder liegen jeweils zwei Stunden auseinander.

Der Kernpunkt ist, dass die Kamera nur eine begrenzte Lebenszeit aufweist. Ihre Mechanik ist nicht ewig belastbar. Der Verschlussmechanismus beispielsweise ist auf 30 000 Aktivierungen ausgelegt. Jedes Bild, das wir beim Anflug machen, bedeutet ein Bild weniger am Kometen. Auch deshalb begrenzen wir momentan die Zahl der Aufnahmen. Später, bei höherer Auflösung, haben wir allerdings auch eine Begrenzung wegen der großen Menge an Bilddaten, die übertragen werden muss.

Aber warum geben Sie nicht die Rohdaten schnell frei, die Sie ohnehin erhalten: Haben Sie Bedenken wegen eines Missbrauchs?

Die Vorstellungen, dass wir Daten Monate zurückhalten, sind schlicht nicht richtig: Wir geben wöchentlich Bilder heraus. Wir bearbeiten diese, interpretieren sie und schreiben erklärende Texte. All das muss international abgestimmt werden, da wir länderübergreifend in einem internationalen Team arbeiten. Sie sehen die gleichen Bilder wie ich: Die neuesten Bilder gehen so schnell wie möglich raus. Wir müssen aber auch Wissenschaft betreiben und benötigen Zeit, um die Informationen selbst zu verstehen.

Bei anderen Missionen wie Curiosity auf dem Mars war es doch aber auch möglich, der Öffentlichkeit mehr Material zur Verfügung zu stellen?

Das kann man meines Erachtens schlecht vergleichen. Schließlich handelt es sich bei Curiosity bei Weitem nicht um die erste Marsmission. Man kennt den Mars schon vergleichsweise gut. Wissenschaftliche Durchbrüche finden sich am Mars deshalb mittlerweile eher im Detail. Die komprimierten und reduzierten Daten, die freigegeben wurden, enthalten nicht unbedingt wissenschaftlich Brisantes. Bei Rosetta hingegen ist alles sehr, sehr neu, und selbst die frühen Bilder beinhalten deutlich mehr wissenschaftliche Informationen als alles, was wir bisher über 67P wussten. Ich möchte allerdings betonen, dass wir bisher ausschließlich Kamerabilder mit voller Auflösung veröffentlicht haben. Das haben wir auch 2010 beim Vorbeiflug an Lutetia so gehandhabt: Noch in der Nacht stellten wir Bilder in höchster Auflösung öffentlich zur Verfügung. Für uns bedeutete das auch ein Novum, und wir mussten uns interner Kritik stellen, da im Team unterschiedliche Vorstellungen zu diesem Thema vorhanden sind.

Noch mal zurück zu den Rohdaten: Was spricht dagegen, diese unverzüglich freizustellen?

Das hat technische und organisatorische Gründe: Die Daten müssen reduziert und kalibriert werden. Man kann sie nicht ohne Weiteres einfach interpretieren, etwa ob Artefakte in den Aufnahmen vorhanden sind, sehen wir Streulicht oder die Staubkoma? Wir müssen entsprechend viel Arbeit hineinstecken – deutlich mehr, als ein Außenstehender wahrscheinlich vermuten würde. Unsere Leistung bei dieser Mission wird zudem in Konferenzbeiträgen und wissenschaftlichen Publikationen gemessen. Wir müssen zeigen, dass sich die Investitionen in diese Mission, die alle beteiligten Institute und Nationen geleistet haben, gelohnt haben.

Was planen Sie nach der Ankunft von Rosetta beim Kometen, erhöhen Sie dann die Häufigkeit der Veröffentlichungen?

Das haben wir international noch nicht abgesprochen. Wir bemühen uns stets, die neuesten und aktuellsten Aufnahmen schnell online zu bringen. Am Donnerstag erwarten wir ein hochgenaues Bild der Oberfläche aus 60 Pixeln. Das ist sehr beachtlich. Zudem veröffentlicht die ESA täglich ein Bild der Navigationskamera. Am 6. August kommen wir am Kometen an und bereiten die Landung vor. In der Escort-Phase, nach der Landung, werden wir den Kometen aus 100 Kilometer Entfernung beobachten und nur in Vorbeiflügen näher herangehen. Diese Fly-bys werden wir sicher besonders intensiv mit der Öffentlichkeit teilen.

Wie hat das bisherige Medienecho auf Sie gewirkt?

Durchweg sehr positiv. Ich bin erfreut, auf welch große Resonanz die Mission stößt. Ich bedauere allerdings auch ein bisschen die Kritik. Es entspricht schlicht nicht der Wahrheit, dass wir Daten um Monate zurückhalten oder höhere Auflösungen nicht zeigen würden. Was wir sehen, veröffentlichen wir auch – nach der Bearbeitung der Aufnahmen und mit wissenschaftlichen Erläuterungen. Wir sind sehr aktiv, und wir möchten die Öffentlichkeit durch interpretierbare Bilder mitnehmen. Das kostet allerdings ein wenig Zeit. Weiterhin erhalte ich Anfragen von Privatpersonen und Beobachtern, die ich gern beantworte. Ich unterstütze auch beispielsweise die Arbeit der Planetarien durch die Bereitstellung des Formmodells des Kometen in groß darstellbarem Datenformat. Auch durch diese Zusammenarbeit erreichen wir die Öffentlichkeit mit unseren Erkenntnissen.

Vielen Dank für das Gespräch.