Es gibt gutes Cholesterin und es gibt schlechtes Cholesterin, so lautet die gängige Meinung. Denn während ein hoher LDL-Cholesterinspiegel im Blut die Gefahr von Arteriosklerose bis hin zum Infarkt steigern soll, kann auf der anderen Seite eine stärkere HDL-Cholesterinkonzentration dieses Risiko senken. Doch eine Genstudie zeigt, dass die Realität wohl deutlich komplexer ist und selbst stark erhöhte HDL-Werte nicht gegen Herzerkrankungen schützen können. Dazu hatte ein Team um Sekar Kathiresan vom Massachusetts General Hospital in Boston das Genom von 852 Menschen mit hohen LDL-Cholesterinwerten im Blut mit jenem von 1156 Personen mit geringen Konzentrationen verglichen. Dabei stieß es auf Mutationen in einem Protein namens SR-BI, das an das HDL-Cholesterin bindet und dessen Verlagerung aus dem Blut in die Leber auslöst. Die Träger der Veränderungen wiesen höhere HDL-Werte im Blut auf, weil bei ihnen der Transport in die Leber gehemmt war – sie hatten aber auch ein erhöhtes Risiko für Arteriosklerose, wie die Wissenschaftler überrascht feststellten.

Normalerweise schreibt man diese Rolle dem LDL-Cholesterin zu, dem Low Density Lipoprotein: Es sammle sich an den Wänden von Blutgefäßen, bis es irgendwann die Arterien so stark verengt, dass ein Herzinfarkt oder Schlaganfall ausgelöst wird. Zahlreiche Gen- und molekularbiologische Studien unterstützen diese These und haben zur Entwicklung von LDL-senkenden Medikamenten geführt. Die Rolle des HDL-Cholesterins – des High Density Lipoprotein – war dagegen weniger eindeutig festgelegt. Hohe Werte wurden zwar mit gesünderen Herzen in Verbindung gebracht, doch ob es tatsächlich schützt, ließ sich bislang wissenschaftlich nicht zweifelsfrei belegen. Entsprechende Medikamente, die die HDL-Konzentration im Blut erhöhen sollten, erwiesen sich bislang als mehr oder weniger nutzlos.

Schon vor einigen Jahren hatten Studien an Mäusen, denen SR-BI fehlte, darauf hingewiesen, dass dies den HDL-Spiegel im Blut anhebt. Dennoch entwickelten die Tiere rasch und stark Plaques in ihren Arterien: Sie litten unter Arteriosklerose. Kathiresan und Co bestätigten, dass dies ebenso auf Menschen zutreffen kann. Unter den Probanden entdeckten sie 19 Personen, die mindestens eine Mutation im SR-BI trugen; eine Frau war sogar der erste Mensch überhaupt, bei dem zwei Mutationen nachgewiesen wurden. Die Studie der Mediziner wirft daher einige Fragen auf – etwa warum Menschen mit einem bestimmten HDL-Gehalt im Blut tatsächlich ein verringertes Herzinfarktrisiko besitzen. Kathiresan vermutet, dass der Körper von Personen mit "günstigen" Cholesterinwerten beispielsweise vorteilhafte biochemische Mechanismen nutzt, um schädliche Triglyceride aus der Blutbahn zu entfernen. Erhöhte Konzentrationen stellen ebenfalls ein Risiko dar, da sie die Bildung von Thrombosen oder zusammen mit dem Cholesterin eine Arteriosklerose der Blutgefäße begünstigen können.

Wie die Medizin auf das neue Wissen reagieren soll, ist den Forschern noch nicht ganz klar, weil auch die Rolle des HDL-Cholesterins weiterhin nicht vollständig verstanden ist. Eines möchte Kathiresan dennoch schon empfehlen: "Wir sollten vielleicht aufhören, vom guten Cholesterin zu sprechen." Denn unklar sei, ob das tatsächlich immer stimme.