Schimpansen sind im Umgang mit Artgenossen nicht grundsätzlich friedlich: Sie leben in sozialen Gruppen mit komplexen Rangordnungen, die durchaus mit Gewalt gebildet und stabilisiert werden. Für im Feld beobachtende Primatenforscher sind auch extrem handfeste Auseinandersetzungen keine große Überraschung. Was nun aber ein Team um Jill Pruetz von der Iowa State University im Film dokumentieren konnte, hat auch hartgesottene Experten überrascht: Mit bisher nie gesehenen Gewaltakten traktierten die Mitglieder einer Schimpansengruppe über Stunden noch den längst toten Körper eines ehemaligen Alphamännchens, das offenbar nach Jahren der Isolation wieder in die Gruppe hatte zurückkehren wollen.

Das Verhalten der Tiere erlaube tiefe neue Einblicke in Furchtbewältigungsstrategien und Gruppendynamik sowie die Verarbeitung des Todes von Artgenossen – es erlaube aber auch gewisse Rückschlüsse darauf, dass Schimpansen Formen der Rache kennen und einzelne Individuen einer Gruppe über Jahre ein bestimmtes Image zu behalten scheinen, so die Primatenforscher in einer aktuellen Publikation, in der der Fall zusammengefasst wird. Ein solcher Ruf wurde nun offenbar dem Schimpansenmännchen Foudouko zum Verhängnis: Das alte Männchen, einst ein Alphatier, war der Gruppe als ausgestoßener Einzelgänger über fünf Jahre hinweg gefolgt. Derartiges kommt ohnehin selten vor – nun aber wollte das Tier sich der Gruppe nicht nur wieder anschließen, sondern auch eine angemessen hohe Position annehmen. Daraufhin wurde es wohl in einer gemeinschaftlichen Aktion mehrerer junger Männchen getötet.

Damit aber nicht genug: Anschließend misshandelten, kannibalisierten und verstümmelten die Schimpansen die Leiche über Stunden hinweg. Dabei ließen sie auch immer wieder ab, zeigten eindeutiges und andauerndes Furchtverhalten und attackierten anschließend erneut. Einzelne Tiere, die früher Verbündete des verstorbenen Alphamännchens gewesen waren, beteiligten sich daran nicht.

Die Forscher spekulieren über zwei mögliche Ursachen des Geschehens, das trotz aller Neigung der Schimpansen zu gelegentlichen Gewaltausbrüchen bisher nie beobachtet wurde: Zum einen könnten die Schimpansen Verhaltensstörungen zeigen, weil ihre Umwelt durch die zunehmend schwerer zu ignorierende Aktivität des Menschen deutlich verändert wird. Zum anderen könnte es aber auch sein, dass die Reaktion der jungen Schimpansen die besondere Aggressivität widerspiegelt, mit der einst das Männchen Foudouko vor Jahren seine Position als Alphatier verteidigt hatte. Demnach scheinen individuelle Unterschiede etwa bei der Interpretation einer Führungsposition einen über Jahre anhaftenden persönlichen Ruf zu festigen – mit allen möglichen Konsequenzen.