Er ist nur 17 Zentimeter lang, unscheinbar gefärbt, bewegt sich vor allem zu Fuß – und versteckt sich am liebsten im dichten Unterholz. Dazu kannten Ornithologen seinen Ruf nicht, und der Vogel lebt in einer entlegenen Ecke Venezuelas. Es ist also kein Wunder, dass der Táchira-Ameisenpitta (Grallaria chthonia) seit seiner Entdeckung 1955 nur noch einmal ein Jahr später beobachtet wurde. Seitdem galt die Art als eines der größten ornithologischen Rätsel Südamerikas. Etwas mehr als 60 Jahre später gelang es Ornithologen um Jhonathan Miranda von der Red Siskin Initiative im Juni 2016 endlich, die Art wiederzufinden und ihr Verhalten zu erforschen, wie die American Bird Conservancy jetzt berichtet.

Ursprünglich hatte Ramon Urbano die Art am Rio Chiquita im südwestlichen Teil des venezolanischen Bundesstaats Táchira entdeckt und gesammelt, drei weitere Exemplare folgten in den Monaten darauf. Doch trotz einer intensiven Nachsuche 1990 und 1996 fanden sich keine anderen Hinweise auf die Art; ein Teil ihres Lebensraums war in der Zwischenzeit auch in Kaffeeplantagen umgewandelt worden. Ihr Lebensraum erstreckt sich allerdings auf steile Berghänge mit üppigem Nebelwald, so dass Hoffnung bestand, die Vögel seien nicht ausgestorben, sondern hätten überlebt. Erschwert wurde die Suche zudem durch das Fehlen von Stimmaufzeichnungen, denn die zu den Schreivögeln zählenden Ameisenpittas lassen sich am ehesten über ihre Rufe aufspüren – doch war dieser bislang nicht bekannt.

Um dennoch Hinweise auf die Ameisenpittas zu finden, starteten die American Bird Conservancy und die Red Siskin Initiative eine Expedition in die venezolanischen Anden. Dabei bezogen sich die Teammitglieder auch auf die alten Aufzeichnungen aus dem Jahr 1955, die sie tief in den El-Tamá-Nationalpark führten. Im Zielgebiet angelangt hatten Miranda und Co schon am ersten Morgen Erfolg: Sie hörten Ameisenpittarufe, die sie keiner ihnen bekannten Art zuordnen konnten – vom Táchira-Ameisenpitta. Anschließend konnten sie zum ersten Mal die Art fotografieren und die Rufe aufzeichnen, so dass zukünftige Beobachtungen leichter fallen dürften. Zudem hoffen die Ornithologen, dass der scheue Vogel in benachbarten Teilen Kolumbiens ebenfalls vorkommt und damit weniger selten ist als gedacht.