Vier sorgfältig geschnitzte Löcher zieren das rund 20 Zentimeter lange Stück Mammutelfenbein. In ihre Wandung wurden tiefe spiralförmige Einschnitte gekerbt. Wozu dieses Fundstück aus der berühmten Höhle "Hohle Fels" in der Schwäbischen Alb einst diente, zeigte sich jetzt bei einem praktischen Versuch: Es lassen sich damit Pflanzenfasern zu dicken Seilen verdrillen.

Entsprechende Experimente führten jetzt Archäologen um Veerle Rots von der Universität Lüttich durch. "Dieses Werkzeug beantwortet die Frage, wie im Paläolithikum Seile hergestellt wurden", sagt Rots, "ein Rätsel, das Wissenschaftler für Jahrzehnte beschäftigt hat." Ähnliche Fundstücke kennt man auch von andernorts, zum Teil wurden sie als Hebelgerät, Kunstwerk oder Musikinstrument interpretiert. Dass die Menschen der Altsteinzeit bereits Seile und Stricke benutzten, war aus Abdrücken in gebranntem Ton und durch bildliche Darstellungen bekannt. Wie sich mit Hilfe des gelochten Stabs ein Seil herstellen lässt, zeigt dieses Video der Forscher.

Spiralförmige Rillen
© Universität Tübingen
(Ausschnitt)
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Das Stück kam bei Ausgrabungen Tübinger Forscher in der Höhle zum Vorschein, in der sich bereits eindrucksvolle Zeugnisse eiszeitlicher Kunst fanden, darunter die "Venus vom Hohle Fels". Es ist etwa 40 000 Jahre alt und stammt damit aus einer Zeit, als der moderne Mensch gerade erst nach Europa eingewandert war. Der Neandertaler, der sich zuvor in der Höhle aufgehalten hat, war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgestorben oder an die Ränder des europäischen Kontinents verdrängt.

Interessierte können das eiszeitliche Seilerwerkzeug mit eigenen Augen betrachten: Es wird seit vergangenem Wochenende im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren (urmu) als "Fund des Jahres" ausgestellt.