Die katholischen Religionspädagogen Hans-Georg Ziebertz und Boris Kalbheim befragten Studienanfänger aus allen Fakultäten der Universität Würzburg nach ihrer Religiosität, ihrer Persönlichkeit und ihrem Lebensglück. Laut Ziebertz ist statistisch gesehen das Ergebnis eindeutig: "Religiöse Studentinnen und Studenten sind glücklicher."

Zur "Messung des persönlichen Lebensglücks" erhielten die Befragten eine ausführliche Liste mit Aussagen zu unterschiedlichsten Lebensbereichen: Gestellt wurden Fragen nach dem Lebenssinn, nach sozialen Beziehungen, persönlicher Attraktivität, Zukunftsoptimismus beziehungsweise -pessimismus, nach Gefühlen, Arbeitsleben, Freizeit und so fort. So konnte festgestellt werden, ob die Studenten das Leben mögen, das sie führen. Dieses Untersuchungsinstrument haben die Würzburger Theologen aus der psychologischen Forschung übernommen. Laut Kalbheim hatte dies einen methodischen Grund: "Wir wollten die Befragten nicht mit christlich gefärbten Glücksideen beeinflussen."

Die Forschungsergebnisse, welche die Wissenschaftler am 8. Juli 2000 während der Würzburger Universitätsmesse JUMAX 2000 vorstellen wollen, zeigen, dass sich etwa die Hälfte der Befragten als "nicht glücklich" und etwa 40 Prozent als "glücklich" bezeichnen. Nur eine Minderheit besetzt die extremen Ränder "sehr glücklich" oder "sehr unglücklich". Diese Befunde seien unabhängig von Lebensalter oder Geschlecht.

Die Wissenschaftler haben auch die Persönlichkeit der Studierenden untersucht. Denn sollte es sich bei religiösen Menschen mehrheitlich um extrovertierte Persönlichkeiten handeln, so Ziebertz, dann wäre ein Zusammenhang zwischen Religiosität und Glück unter Umständen nicht auf die Religiosität, sondern auf die Persönlichkeit zurück zu führen – "denn man hat herausgefunden, dass extrovertierte Menschen häufig glücklicher sind als introvertierte". Aus den Ergebnissen sei aber deutlich geworden, dass sich religiöse und nich-treligiöse Menschen hinsichtlich ihrer Persönlichkeit nicht unterscheiden. Beide seien im Durchschnitt gleich extrovertiert oder introvertiert beziehungsweise gefühlslabil oder -stabil.

Um religiöse von nicht-religiösen Befragten zu unterscheiden, benutzten Ziebertz und Kalbheim mehrere Untersuchungsinstrumente: Sie fragten nach der Kirchenmitgliedschaft, nach der persönlichen religiösen Praxis sowie nach Einstellungen zu Religion, Kirche, christlichem Glauben und zu Gott.

Für 15 Prozent der Studierenden gibt es demnach keinen Gott, für eine ähnlich große Gruppe ist der christliche Glaube die einzige oder wichtigste Möglichkeit, Gott zu erkennen. 70 Prozent der Studierenden halten seine Existenz "für möglich", sehen aber in allen Religionen einen Weg, Gott zu finden. Speziell der christliche Glaube findet bei den Studierenden Zustimmung: 56 Prozent haben dem Christentum gegenüber eine eher positive Einstellung, 20 Prozent sind unentschieden und 25 Prozent lehnen es schlicht ab.

Das eigentliche Interesse der Studie lag auf der Frage, ob die persönliche Religiosität eine Art Voranzeiger für Lebensglück ist. Als "Glücksverstärker" zeigten sich die Kirchenmitgliedschaft, eine positive Haltung zu einer Reihe von Glaubensaussagen, die typisch sind für den christlichen Glauben, sowie ganz allgemein der Glaube an die Existenz Gottes. "Überraschend zeigte sich, dass sich Befragte, welche die Position 'Es gibt keinen Gott' vertreten, sich im Vergleich zu Gott-Gläubigen als signifikant weniger glücklich einstufen", so Ziebertz.

Die persönliche religiöse Praxis, ob also beispielsweise Kirchgang, Beten oder Bibellesen bevorzugt wird, habe dagegen keine Bedeutung für das Glücksempfinden. Als "Glücksverstärker" kommen vor allem die innere Haltung zu Gott und zum Christentum, einschließlich der Mitgliedschaft in einer Kirche, in Betracht. Alter, Geschlecht oder politische Orientierung haben keinen Einfluss auf das Glücksempfinden.

Die Forscher untersuchten auch, ob sich Studierende der Theologie von anderen Studierenden unterscheiden. Sie konnten aber keine Unterschiede finden: Die "berufsmäßige" Befassung mit religiösen Fragen sei nicht dasselbe wie die persönliche Religiosität. Persönliche Religiosität und Gläubigkeit können stark oder schwach sein – unabhängig vom Studienfach.

Die Bedeutung dieser Ergebnisse liegt nach Meinung der Wissenschaftler darin, dass – trotz mancher berechtigter Kritik an Religion, Christentum und Kirche – Religiosität auf der Ebene der persönlichen Lebensgestaltung eine durchaus positive Lebenskraft sein kann. Zudem könne der alte Vorwurf gegen das Christentum entkräftet werden, es kümmere sich allein um das "jenseitige" Heil des Menschen, nicht aber um das Leben im "Hier und Jetzt": "Die Hoffnung auf ein ewiges Leben hat positive Auswirkungen auf das gelebte Leben", meinen die Wissenschaftler.

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