Wenn ein Lehrer die gleichen Schülerantworten in einer Mathematikarbeit einige Wochen später ein zweites Mal bewerten soll, vergibt er dann wieder die gleiche Note? Und erhält ein Schüler in Berlin die gleiche Note für seine Leistung wie in Bayern? Wenn Noten zuverlässig wären, wäre das so. Die Realität ist eine andere.

Seit Jahrzehnten diskutieren Pädagogen und Bildungsforscher über den Sinn oder Unsinn von Schulnoten. Zu subjektiv, zu wenig vergleichbar, zu ungerecht, so die Kritik. Die bisherigen Studien zur Benotung stützen die Vorbehalte. Schulnoten bilden demnach nicht nur die Kompetenz und das Wissen eines Schülers ab.

In ihrem Buch "Wie vorhersagbar sind Grundschulnoten?" gibt Katrin Lintorf vom Institut für Bildungsforschung in der School of Education an der Bergischen Universität Wuppertal unter anderem eine Übersicht darüber, welche Schwächen Noten haben. Wenn verschiedene Lehrkräfte zum Beispiel ein und denselben Aufsatz zur Korrektur erhalten, kommt dabei in der Mehrheit der Fälle nicht die gleiche Note heraus, wie eine Untersuchung mit 92 Lehrern Mitte der 1960er Jahre zeigte. Nur vier von zehn vergaben die gleiche Zensur. Die Noten für die Schülerleistung reichten dabei von sehr gut bis ausreichend, also von 1 bis 4. Nun gelten Aufsätze generell als schwer zu bewerten. In Mathematik müsste es doch verlässlicher zugehen, oder? Nicht unbedingt: In einer Studie aus den 1970er Jahren sollten 79 Hauptschullehrer eine Mathematikarbeit von Schülern bewerten – und nach drei Monaten ein zweites Mal. Von den 24 Lehrern, die beim zweiten Durchgang antworteten, gaben nur acht dieselbe Note wie beim ersten Mal.

Viele Faktoren fließen in die Benotung ein

In Befragungen geben Lehrer zudem selbst zu, dass in ihre Bewertung nicht nur die Leistung per se einfließt. Zwar macht diese einer Untersuchung aus den 1990er Jahren zufolge den Hauptteil der Note aus, wichtig sei aber auch, wie motiviert und engagiert der Schüler sich zeige, ob er lernfähig ist und eine positive Einstellung gegenüber der Schule und dem Lernen aufweise. Bemühungen und Fortschritte honorieren ebenfalls viele mit besseren Zensuren.

Doch außer dem Wissen und Einsatz eines Schülers spielen noch mehr Faktoren in die Benotung mit hinein, wie Lintorf auflistet. Längere Aufsätze etwa werden besser bewertet als kürzere Abhandlungen. Wer öfter Rechtschreib- oder Grammatikfehler macht, erhält auch auf den Inhalt eine schlechtere Benotung. Ebenso begünstigt eine ordentliche Handschrift eine gute Zensur. Sympathien zwischen Schüler und Lehrer schlagen sich in der Bewertung nieder. Selbst die Reihenfolge, in der ein Lehrer Klassenarbeiten korrigiert oder mündlich prüft, beeinflusst, wie ein Schüler dabei abschneidet. Eine Untersuchung mit Abiturienten, die mündlich geprüft wurden, bestätigen das. Schüler, die in ihrer Abiturklausuren gut abschnitten, wurden in der mündlichen Prüfung noch besser benotet, wenn vor ihnen ein schlechter Abiturient vorsprach. Der schlechtere Schüler hingegen erhielt in der mündlichen Prüfung eine noch schlechtere Bewertung, wenn er nach dem guten drankam.

Fairness nicht gegeben
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Eine faire Beurteilung ist durch das Notensystem nicht gegeben – zu viele Faktoren machen die Beurteilung willkürlich und nicht vergleichbar. Über die Konsequenz aus dieser Feststellung gehen die Meinungen jedoch auseinander.

Lehrer vergleichen. Studien zeigen daher auch: Je nach Klassenzusammensetzung, ob Hauptschule oder Gymnasium, je nach Stadt oder Land fallen die Noten für einen Schüler anders aus, auch wenn er das Gleiche leistet.

Zahlreiche Erhebungen bekräftigen die Annahme, dass Mädchen bessere Zensuren erhalten als Jungen – in Sprachen ebenso wie in Mathematik. In einer ergänzenden Datenauswertung der Pisa-Erhebung von 2003 erlangten die Mädchen in ihren Schulen einen Notenvorsprung von einer Viertelnote gegenüber den Jungen. Auch die Auswertung der IGLU-Untersuchung von 2005 in den deutschen Grundschulen zeigt: Schülerinnen hatten sowohl in Deutsch und Sachkunde als auch in Mathematik die besseren Zensuren.

Hingegen finden Forscher für Schüler mit Migrationshintergrund gemischte Ergebnisse. Einige Studien zeigen, dass diese systematisch schlechter wegkommen, andere finden diesen Effekt nicht oder beobachten mitunter sogar Vorteile für diese Kinder und Jugendlichen. Der soziale Status kann ebenso einen Einfluss auf die Benotung durch die Lehrerschaft haben. Dieser scheint aber nicht so drastisch wie oft beschworen.

Warum zahlreiche Schulen Noten abschafften

All diese Forschungsbefunde haben nicht an Bedeutung verloren und sickern zunehmend in die Praxis durch. Einige Bundesländer stellen inzwischen den Schulen bis zur 9. Klasse frei, ob sie Noten geben wollen oder nicht. Zahlreiche staatliche Grundschulen haben daraufhin die Bewertung mit Ziffern abgeschafft, aber auch Oberschulen und Gemeinschaftsschulen, die die Kinder von der 1. Klasse bis zum Abitur betreuen, haben die Notenvergabe bis zum gesetzlich möglichen Limit verbannt.

"Nicht das Kind steht im Mittelpunkt, sondern seine Leistung und dessen Bewertung" (Wolfgang Vogelsaenger)

Neuen Schwung erhält die Debatte um Schulnoten nun auch wegen der Inklusion. "In der inklusiven Schule verlieren Vergleichsnoten ihre Berechtigung als selektive Instrumente. Gleiche Leistungen zur gleichen Zeit von allen Schülerinnen und Schülern zu verlangen, ergibt keinen Sinn mehr", erklärt die ehemalige Schulleiterin einer Kölner Gesamtschule Anne Ratzki gegenüber der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die dem Thema in ihrer Zeitschrift "E&W" einen Schwerpunkt widmete.

"Eine klassische Notengebung wäre in unseren Klassenverbänden gar nicht denkbar", sagt auch der Lehrer Wolfgang Vogelsaenger. Er ist seit 2002 Schulleiter der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule Göttingen. In einer Klasse arbeiteten mitunter Hochbegabte mit Durchschnittsschülern und Kindern mit geistigen Handikaps in einer Tischgruppe. Bis zum Ende der 8. Klasse lernen sie alle notenfrei. Kein Kind wird aussortiert, kein Kind bleibt sitzen. Diesen Weg geht die Schule bereits seit 40 Jahren. Mit Erfolg: Bei den zentralen Abiturprüfungen in Niedersachsen zählen die Schüler zu den besten fünf Prozent. Vor drei Jahren erhielt die Schule zudem den Deutschen Schulpreis.

Alternative: Schwer verständliche Texte

"Schulnoten erzeugen bei Lehrern eine innere Haltung, die unserem Berufsethos widerspricht. Nicht das Kind steht im Mittelpunkt, sondern seine Leistung und dessen Bewertung", sagt Schulleiter Vogelsaenger. Natürlich könne man auch Noten gerecht gestalten. Das passiere aber viel zu selten. Dennoch bestimmten die Ziffern über die Zukunft der Schüler. "Zensuren allein sollten nicht darüber entscheiden, ob ein Schüler ein guter Arzt oder ein guter Tischler sein wird. Das müssen doch die Institutionen prüfen, die ihn ausbilden würden", sagt er.

"Die Alternativen zu Noten sind meist schön klingende und gefällige Texte", kritisiert hingegen Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Die Texte seien oft nicht ehrlich sowie für die Eltern und Schüler schwer verständlich. Nicht selten würde zudem die Persönlichkeit eines Schülers mitbewertet. Auch der Grundschulverband, der eine notenfreie Schule befürwortet, hegt Zweifel an verbalen Beurteilungen. "Da sie in der Regel wie Noten auf den Beobachtungen und Bewertungen von LehrerInnen basieren, unterliegen sie denselben Einschränkungen", schreiben der Pädagoge Hans Brügelmann und seine Kollegen in einer Stellungnahme des Verbands. Der Anspruch von Lernberichten sei, Leistungen differenzierter zu erfassen, stärker auf den Lernfortschritt eines Schülers zu achten und die Maßstäbe der Lehrperson deutlich erkennbar zu machen. "In der Realität werden Verbalgutachten diesen Anforderungen in vielen Fällen aber nicht gerecht", so die Autoren. Spezielle Schulungen und mehr Austausch unter Kollegen seien nötig.

"Verzichten wir auf Noten, wachsen die Jugendlichen in einem Elfenbeinturm auf" (Josef Kraus)

An der Gesamtschule in Göttingen erhalten die Schüler statt Zeugnissen jene ausformulierten Lernentwicklungsberichte. Diese werden in den Lerngruppen, die es innerhalb einer Klasse gibt, sowie individuell mit den Schülern und Eltern besprochen. "Sie enthalten natürlich nicht nur Positives. Die Schüler würden uns doch sonst auch gar nicht ernst nehmen", sagt Vogelsaenger. Stattdessen fänden Schüler und Eltern darin konkrete Hinweise für Verbesserungen wie: "Die Rechtschreibung liegt dir schon gut, aber die Groß- und Kleinschreibung musst du noch üben." Daraus könnten die Schüler viel mehr Informationen über ihre Leistung gewinnen als aus einer Note, meint der Schulleiter. "Wenn die Schüler ab der 9. Klasse dann Zensuren erhalten, kommen viele trotzdem zu den Lehrern und sagen: 'Aha, ich habe eine 3. Aber wie bin ich eigentlich in dem Fach?'", berichtet er. Sie fordern die ausführliche Rückmeldung. Die Zahl allein genügt ihnen nicht.

Was gibt die bessere Rückmeldung?

Schule habe die Aufgabe, die Schüler auf das Leben vorzubereiten, entgegnet Lehrerverbands-Präsident Kraus. Später erhielten die jungen Menschen ständig klare und eindeutige Rückmeldungen über ihre Leistung. Und genau das seien Schulnoten: eindeutige, gut zu verstehende Rückmeldungen zum Leistungsstand eines Schülers. "Verzichten wir auf Noten, wachsen die Jugendlichen in einem Elfenbeinturm auf", sagt Josef Kraus, der selbst Schulleiter an einem bayerischen Gymnasium ist. "Warum soll man die Schüler in Watte packen und ihnen die Realität bis zum Schulabschluss vorenthalten?"

Sein Vorschlag für eine gerechte Bewertung: Lehrer sollten vor einer Prüfung klare Kriterien mitteilen, nach denen bewertet wird, sowie die Zensuren nicht nutzen, um innerhalb der Klasse eine Rangreihe aufzustellen oder gar Einzelne wegen schlechter Noten vor den Mitschülern abzuwerten. Und: Noten sollten nie allein stehen, sondern immer in Verbindung mit Kommentaren gegeben werden, die dem Schüler aufzeigen, wo er Fehler gemacht hat und wo Verbesserungsbedarf besteht.

Noten sind (zu) einprägsam

Eine ältere Untersuchung der Bildungsforscherin Ruth Butler von der Hebrew University of Jerusalem in Israel verweist auf Probleme, die diese Kombination mit sich bringen kann. Den 132 Fünft- und Sechstklässlern in ihrer Studie wurden Aufgaben erteilt. Eine Drittel erhielt zur Bewertung Noten, ein weiteres Drittel ausschließlich schriftliche Kommentare mit Hinweisen, was zu verbessern wäre, und der Rest Noten mit einem Kommentar kombiniert.

Schüler, die Kommentare bekommen hatten, wollten anschließend deutlich häufiger noch mehr Aufgaben dieser Art lösen als die anderen beiden Schülergruppen. Ihre Leistung verbesserte sich über drei Sitzungen hinweg, vor allem in den Aspekten, zu denen sie in den Kommentaren eine Rückmeldung erhielten. Diese Entwicklung zeigten weder die Schüler mit Noten noch jene, die Noten und Kommentare erhielten. Ein Großteil aus der letzten Gruppe verschlechterte sich sogar in der dritten Sitzung, und die, die sich verbesserten, taten es nicht in Hinblick auf die Kommentarinhalte.

Die Auswertung zeigte: Auch diejenigen, die sich verbesserten, konnten sich nach ein paar Tagen nur noch an die Note, nicht an den konkreten Hinweis für Verbesserungen erinnern. Die Zahl verdrängte die Hilfestellung, die ihnen beim Fortschritt geholfen hätte.