"Sehr besorgt" – so äußert sich Vidir Reynisson, Direktor der isländischen Zivilschutzbehörde, zur Entwicklung am Vulkan Bárðarbunga. Denn die Wahrscheinlichkeit einer großen Eruption und einer gewaltigen Schmelzwasserflut am Feuerberg unter dem Gletscher des Vatnajökull ist in jüngster Zeit stark gestiegen: Seit letzter Woche hat sich die Kaldera des Vulkans um 20 Meter abgesenkt, weil das Magma sich zur momentan aktiven Ausbruchsspalte im Holuhraun-Lavafeld ausbreitet. Dadurch nimmt die Zahl und Stärke der Erdbeben im Bereich der Kaldera zu – und gleichzeitig wächst damit das Risiko, dass sich Spalten im Krater öffnen. Schmelzwasser geriete dann in Kontakt mit dem Magma, heftige Dampfexplosionen wären die Folge.

Satellitenbild der vulkanischen Aktivität
© NASA Earth Observatory / Jesse Allen
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernSatellitenbild der vulkanischen Aktivität
Noch tritt die Lava im eisfreien Lavafeld Holuhraun nördlich des Vulkans aus. Doch die Gefahr einer Eruption des Hauptkraters unter dem Gletschereis ist noch nicht gebannt: Dann drohen heftige Dampfexplosionen und Schmelzwasserfluten.

"Dieser Ausbruch könnte eine riesige Menge an Gletschereis schmelzen und zu einer gewaltigen, explosiven Eruption mit starkem Aschefall führen", so der Geophysiker Magnus Tumi Gudmundsson von der Universität von Island in Reykjavík zum öffentlichen isländischen Fernsehsender RUV. Immer wieder bebt der Grund hier mit einer Stärke von 4 oder 5, allein während der letzten zwei Tage zählten die Wissenschaftler mehr als 450 Erdstöße. Mittwochmorgen kam es sogar zu einer Eruption der Stärke 5,5 – eine der heftigsten seit Beginn der seismischen Aktivität. Womöglich drückt der absinkende Kalderaboden die Gesteinsschmelze aus der Magmakammer in Richtung der offenen Spalte, doch mindert das nicht unbedingt die Gefahr einer größeren Eruption: Gasreiche Restschmelzen tendieren bei Druckentlastung, bedingt durch das Verschwinden des dünnflüssigen Magmas am Holuhraun, zu einer explosiven Expansion, die das Gestein des Kraterbodens absprengt. Die Folgen wären ähnlich wie beim Ausbruch des Eyjafjallajökull im Jahr 2010. "In der Geschichte des Bárðarbunga kam es immer wieder zu großen und gewaltigen Eruptionen nahe oder in der Kaldera. Wir nehmen diese Entwicklung sehr ernst", so Vidir Reynisson im isländischen Fernsehen.

Die Kaldera des Vulkans hat eine Fläche von 80 Quadratkilometern und wird von einer 700 bis 800 Meter dicken Eisschicht bedeckt. Entstehendes Schmelzwasser füllt zuerst den Krater auf, bahnt sich aber nach einer gewissen Zeit den Weg nach außen: Es entsteht ein so genannter Gletscherlauf – gigantische Wasserfluten wälzen sich dann unter dem Gletscher hervor, reißen Eisberge mit sich und formen die Landschaft um. Bis zu einem Kubikkilometer Wasser kann die Kaldera fassen, bevor sie quasi überlauft. Treffen könnte die Flut unter anderem Wasserkraftwerke westlich des Vatnajökull, die einen großen Teil der isländischen Stromversorgung gewährleisten.

Derweil zeigen Satellitenbildaufnahmen, dass schwefelhaltige Wolken der Eruptionen nach Osten Richtung Norwegen ziehen – und dort entsprechende Duftspuren hinterlassen. Die festgestellten Konzentrationen seien aber so gering, dass sie keine gesundheitliche Gefahr darstellen, sondern nur übel riechen, so die norwegische Meteorologin Vibeke Thynes.