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Umstrittene Experimente

Skandal oder normal?

Experimente mit Dieselabgasen und Stickstoffdioxid machen Schlagzeilen. Ist es ethisch vertretbar, Gifte an Menschen und Tieren zu testen?
Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Manipulierte Abgaswerte lösten den Dieselskandal aus.

Menschenversuche sind kein Skandal. Im Gegenteil, in der Medizin sind sie Alltag, wenn es darum geht, neue Medikamente zu entwickeln. Schlagzeilen jedoch macht nun ein Experiment, bei dem die Versuchspersonen nicht etwa einen hoffnungsvollen Wirkstoffkandidaten testeten, sondern einen Stoff, der vor allem in Dieselmotoren entsteht: Stickstoffdioxid. Besonders in den Städten ist das Molekül NO2 in geringen Mengen fast überall nachzuweisen – leider, denn konzentriert ist das rotbraune Gas ätzend und sehr giftig.

Ins Fadenkreuz öffentlicher Empörung geriet das Team um Peter Brand von der Uniklinik Aachen und den Umweltmediziner Thomas Kraus von der RWTH Aachen wegen des Auftraggebers – die von der Automobilindustrie gegründete Vereinigung EUGT finanzierte nicht nur die Studie von Kraus und Brand, sondern auch fragwürdige Dieseltests an Affen. "Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen", sagte sogar Regierungssprecher Steffen Seibert.

Doch ist das wirklich so einfach? Die Ethikkommission der RWTH Aachen, die über die Genehmigung der Experimente an Menschen zu befinden hatte, erlaubte die Versuche. Tatsächlich handelt es sich um eine ethische Grauzone: Darf man Menschen gezielt einen Giftstoff aussetzen, um mehr über seine Wirkung herauszufinden?

Der große ethische Unterschied

Solche Versuche ähnelten nur oberflächlich den Studien aus der Medizin, bei denen routinemäßig Stoffe an Tieren und Menschen getestet werden, erklären Ethikerin Nadia Primc und die Medizinhistorikerin Maike Rotzoll vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg. In der klinischen Studie werde ein potenzieller Nutzen für einzelne Patientengruppen angenommen. "Das kann man bei so einer Expositionsstudie erst einmal überhaupt nicht sagen. Da wird getestet, ob ein Schaden erfolgt. Das ist ethisch ein grundsätzlicher Unterschied", so die beiden Forscherinnen.

Diese fundamentale Unterscheidung macht derartige Forschung ethisch weit problematischer als Menschenversuche in anderen Gebieten wie Psychologie, Erziehungswissenschaft oder eben bei der Medikamentenforschung. Grundsätzlich kritisch sieht solche Versuche Eve-Marie Engels vom Lehrstuhl für Ethik in den Biowissenschaften in Tübingen: "In den hier vorliegenden Fällen braucht man solche Tests meiner Meinung nach nicht zu machen, weil es ja erwiesen ist, dass die Abgase gefährlich sind und sogar tödlich sein können. Warum sollten wir Affen oder Menschen diesen Versuchen aussetzen?"

Darauf gibt es verschiedene Antworten. Das Ziel der Aachener Studie sei gewesen, die NO2-Belastungen an Arbeitsplätzen zu untersuchen, zum Beispiel von Schweißern, schreiben Brand und Kraus auf Nachfrage von "Spektrum.de". Beim Schweißen entstehen vergleichsweise große Mengen Stickstoffdioxid, Vorschriften regeln, wie viel von dem Gas Menschen bei der Arbeit einatmen dürfen. "Eine solche Studie wurde von der Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft damals eingefordert, um den neu eingeführten Arbeitsplatzgrenzwert besser zu unterfüttern", erläutert Kraus. Er verweist unter anderem auf das Studiendesign, das speziell auf die Belastungssituation am Arbeitsplatz zugeschnitten sei.

Die Untersuchung der Aachener Forscher ist keineswegs ohne Vorbild. Erst 2017 stellten die National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine der USA in einem Bericht fest, dass analoge Schadstoffexperimente der US-Umweltbehörde legitim seien. In den 1990er Jahren entwickelte ein Team vom University Hospital of Northern Sweden in Umeå sogar eine spezielle Apparatur, um Menschen unter kontrollierten Bedingungen verdünnten Dieselabgasen auszusetzen: Die Probanden berichteten von Augen- und Nasenreizungen.

Im Einzelfall legitim

Im Einzelfall seien derartige Experimente in der Umwelttoxikologie legitim, erläutert auch Gilbert Schönfelder, Abteilungsleiter für Experimentelle Toxikologie beim Bundesinstitut für Risikobewertung: Untersuchungen an Probanden in der Umwelttoxikologie könnten Fragen zur natürlichen Aufnahme von Stoffen zum Beispiel durch die tägliche Ernährung klären. "Natürlich unter der Bedingung, dass keine gesundheitliche Beeinträchtigung durch die aufgenommen Stoffmenge entsteht. Diese Daten könnten bei der Regulierung und der Grenzwertfestlegung helfen." Und damit, so die Hoffnung, Menschen schützen.

Eine andere, sinistre Antwort legen die publik gewordenen Aktivitäten des inzwischen aufgelösten EUGT nahe. Das Institut finanzierte laut Medienberichten eine ganze Reihe von Untersuchungen und Aktivitäten, die die Abgase von Dieselmotoren als möglichst wenig gefährlich darstellen sollten – teils mit unfreiwillig komischen Resultaten: Man könne fast sagen, dass ein moderner Dieselmotor in vielen Situationen sozusagen die Luft reinige, ließ sich ein Funktionär des Verbands der Automobilindustrie 2013 im Newsletter der Organisation zitieren.

Weniger amüsant sind die Affenexperimente am Lovelace Respiratory Research Institute in New Mexico, die Anfang des Jahres publik wurden – zehn Affen, die in Käfigen sitzend Dieselabgase direkt aus dem Auspuff einatmeten. Die Software der Fahrzeuge erwies sich als manipuliert, es gab Kritik an der Methode; eine Publikation ging aus der Forschung nicht hervor. Recherchen unter anderem der "New York Times" deuten darauf hin, dass diese Versuche keine wissenschaftliche Motivation hatten, sondern Teil einer Lobbykampagne waren.

Das verstoße gegen die Grundlagen der Tierethik, kritisiert Engels: "Es gibt ja die drei Prinzipien von Russell und Burch für wissenschaftliche Tierversuche – Vermeidung, Verminderung und Verbesserung der Versuche (replace, reduce, refine) –, die auch in der entsprechenden EU-Richtlinie genannt werden. Und ich würde sagen, dass die Versuche, um die es hier geht, diesen Prinzipien widersprechen."

Prekäres Gleichgewicht zwischen Kosten und Nutzen

Hinter dem 3R-Prinzip, dessen Grundlagen die Biologen William Russell und Rex Burch bereits 1959 vorschlugen, steht der Gedanke, dass Tierversuche zwar unter Umständen nötig sind, aber so weit wie möglich vermieden werden sollten. Es ist die Frage, die hinter der Diskussion um die von der EUGT finanzierten Untersuchungen an Tier und Mensch steht: Sind solche toxikologischen Expositionsstudien wirklich nötig? Oder handelt es sich um sinnlose Forschung, gar um reine Propaganda für die Dieseltechnik auf Kosten von Mensch und Tier?

Aus ethischer Sicht jedenfalls sind auch die Experimente in Aachen grundsätzlich problematisch, wie Primc und Rotzoll erläutern: "Insgesamt ist eine Expositionsstudie fremdnützige Forschung, denn die gesamte Gesellschaft ist zu abstrakt, um einen individuellen Nutzen für die Versuchspersonen zu konstruieren." Anders als in der medizinischen Forschung lasse sich bei solchen Experimenten mit Giftstoffen nicht so einfach ein Nutzen für die Versuchsperson herleiten, der das individuelle Risiko aufwiegt und so die Studie rechtfertigt. "Sinn der Forschung ist zwar, Wissen zu generieren, das der gesamten Gesellschaft nützt, aber das darf niemals Vorrang vor den Rechten des Individuums haben."

Dass dieses Gleichgewicht gewahrt bleibt, ist in Deutschland Aufgabe der Ethikkommissionen, die sich an der Deklaration von Helsinki orientieren, die ethische Standards für die medizinische Forschung international festgelegt hat. Kraus' Studie an 25 Menschen wurde von einer Ethikkommission genehmigt – ob das umstrittene Experiment an Affen hier möglich gewesen wäre, ist offen. "Die Ergebnisse sind abhängig von der jeweiligen Ethikkommission. Natürlich fließt dort die jeweilige persönliche Bewertung des einzelnen Kommissionsmitglieds ein", erklärt Gilbert Schönfelder vom BfR.

Die Bioethikerin Engels sieht das skeptischer: "Man muss sich die Frage stellen: Selbst wenn sich Menschen diesen Versuchen freiwillig aussetzen, sollte es nicht dennoch ein Verbot bestimmter Arten von Studien geben? Weil es nämlich eine ethische Grenze geben muss."

05/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 05/2018

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