Eingehüllt in eine Staubwolke fressen sich 22 knallrote Mähdrescher durch die endlosen Sojafelder der Fazenda Boa Esperança im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso. Die "Farm der guten Hoffnung" liegt tief im Westen Brasiliens, wo der Sojaanbau aus dem einst lückenlosen Amazonasregenwald einen löchrigen Flickenteppich gemacht hat. Die Rodung von Regenwald, Savanne und anderen wertvollen Biotopen für den Sojaanbau ist einer der Gründe für das schlecht Image der gelblichen, proteinreichen Bohne. Bilder wie aus diesem Youtube-Film tragen zum negativen Bild bei. Seit mit der BSE-Krise die Verfütterung von Tiermehl an Nutztiere verboten wurde, ist Soja zum wichtigsten Eiweißfutter für Hühner und Schweine aufgestiegen. Aber Soja ist der Buhmann unter den Hülsenfrüchten. Wer Soja hört, sieht riesige Monokulturen und Pestizidwolken vor sich.

Trotzdem steht Soja auf der Liste der Proteinlieferanten der Zukunft ganz oben – als Tierfutter, aber auch als Speisesoja für den Menschen. Die UNO hat 2016 als Jahr der Hülsenfrüchte ausgerufen, und Soja könnte die Renaissance von Erbsen, Linsen & Co anführen. Achim Walter, Agrarwissenschaftler an der ETH Zürich, plädiert für eine Rehabilitierung der Sojapflanze und hält sie für einen Tausendsassa: "Wenn die Castings für 'neue' pflanzliche Proteinquellen in Europa zu einem Gewinner führen, dann wird dies meiner Ansicht nach die Sojabohne sein. Sie hat das Zeug dazu, Biolandwirtschaft und Big Business gleichermaßen für sich zu gewinnen, denn sie kann es sowohl umweltschonend als auch massentauglich. Ich finde, sie ist damit der George Clooney der Hülsenfrüchte, wenn nicht sogar der Ackerfrüchte insgesamt." Steckt in der bösen Bohne also doch ein guter Kern? Ihre inneren Werte jedenfalls sind sehr überzeugend. Die Bohnen enthalten einen hohen Proteinanteil mit besonders vielen wertvollen Aminosäuren.

Beflügelt durch den Trend zur vegetarischen und veganen Ernährung steigt die Nachfrage nach ökologisch angebauter Soja. Darüber hinaus wollen immer mehr Verbraucher ihre Schnitzel, Hähnchen und Eier ohne Gentechnik produziert wissen. Aber das ist gar nicht so einfach, denn die Abhängigkeit der Futtermittel- und damit der Fleischindustrie von Sojaimporten aus den drei wichtigsten Anbauländern USA, Brasilien und Argentinien ist immens. Zusammen produzieren die drei Länder 266 Millionen Tonnen oder 83 Prozent der Weltsojaernte. Die gentechnisch programmierte Herbizidresistenz der dort hauptsächlich eingesetzten Sorten erlaubt den Einsatz von Breitbandherbiziden wie Glyphosat; die Soja wird so in riesigen Monokulturen billig angebaut und nach Europa verschifft.

Brandrodung im Amazonasgebiet
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Viele verbinden mit dem Sojaanbau in Südamerika zerstörische Eingriffe in die Natur, bei denen gewaltige Monokulturen aus dem Boden gestampft werden. Doch Soja kann auch umweltverträglich angebaut werden.

Von den 40 Millionen Tonnen Soja, die wir Europäer jährlich verbrauchen, werden mehr als drei Viertel als Tierfutter genutzt. "Europa hat seine Futtermittelflächen 'outgesourct'. Wir importieren Futtermittel, die unter Bedingungen angebaut werden, die in Europa aus gutem Grund nicht möglich sind", sagt WWF-Landwirtschaftsexpertin Birgit Wilhelm. Nach Berechnungen des WWF vertilgt jeder EU-Bürger durchschnittlich 61 Kilogramm Soja im Jahr, hauptsächlich indirekt über den Verzehr von Fleisch. Für 100 Gramm Hühnerfleisch werden demnach 109 Gramm Soja benötigt, für 100 Gramm Schweinefleisch 51 Gramm und für 100 Gramm Käse werden 25 Gramm Soja verfüttert.

Die Donauregion als das Brasilien Europas

Aus europäischem Anbau stammt bislang nur ein geringer Teil. Dass sich das ändert, dafür setzen sich Organisationen wie der Deutsche Sojaförderring, das Schweizer Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) oder Donau Soja ein. Die züchterischen Grundlagen legte das staatliche Forschungsinstitut Agroscope in der Schweiz, wo man seit über 30 Jahren GVO-freie Sorten für den Anbau in Europa entwickelt. "Die Donauregion eignet sich besonders gut für den Sojaanbau; wenn man es richtig macht, stehen die Erträge denen in Brasilien in nichts nach", meint Ursula Bittner, Vereinsmanagerin und Kommunikationschefin bei Donau Soja in Wien.

Mit dem Donau-Soja-Standard hat die Organisation eigene Qualitätskriterien festgeschrieben, die unter anderem Gentechnikfreiheit, die Herkunft aus der Donauregion und die Respektierung von Naturschutzgebieten garantieren. "Unsere Vision ist es, im Jahr 2025 die Hälfte des Bedarfs an pflanzlichem Eiweiß mit Soja aus Europa und den Rest über andere Eiweißpflanzen wie Raps, Bohnen oder Erbsen und über nachhaltig zertifizierte Importe abzudecken", sagt Bittner. In Österreich werden inzwischen 80 Prozent der Legehennen mit Donau Soja gefüttert. Seit 2012 hat sich die Anbaufläche in Europa von 680 000 Hektar auf fast 1,2 Millionen Hektar nahezu verdoppelt. Italien, Serbien und Rumänien sind EU-weit die größten Anbauländer, in Österreich wurden vergangenes Jahr 57 000 Hektar angebaut, in Deutschland 17 500 und in der Schweiz 1700. Nimmt man die großen Anbauregionen in der Ukraine (2,2 Millionen Hektar) und im europäischen Teil Russlands (etwa 800 000) hinzu, kommt Europa im Jahr 2015 auf 4,2 Millionen Hektar Sojaanbau und eine Produktionsmenge von 7,7 Millionen Tonnen.

Die Nachfrage nach Speisesoja ist größer als das Angebot

Donau Soja arbeitet eng mit Partnern in Deutschland und der Schweiz zusammen. Einer davon ist Volker Hahn, Agrarwissenschaftler an der Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim. Er und seine Kollegen züchten neue Sojasorten, die sich für das hiesige Klima eignen. "Wir haben zehn Sojasorten untereinander gekreuzt und daraus 1700 Sortenlinien erhalten, die wir nun testen." Unter anderem geschieht das im gerade angelaufenen 1000-Gärten-Projekt, in dem mit Hilfe von 2400 Gärtnern, Hobbygärtnern und Landwirten die neuen Sorten über ganz Deutschland verteilt auf ihre Praxistauglichkeit getestet werden sollen. "Wir sind schon sehr gespannt auf die Daten, die gerade beginnen reinzukommen. Bei dem Projekt geht es uns auch darum, Soja bekannter zu machen und etwas gegen den schlechten Ruf der Bohne zu unternehmen", erläutert Hahn.

Zusätzlich zu den Zuchtlinien hat jeder Hobbyforscher eine neue Tofusorte erhalten. Wie diese bei dem Anbauversuch abschneidet, dafür interessiert sich vor allem der Projektpartner Taifun aus Freiburg. Der Tofuhersteller aus dem Breisgau wird mit seinem "Tofu-Labor" für die Tests bei der Weiterverarbeitung der Speisesoja verantwortlich sein. Taifun bezieht nach eigenen Angaben 80 bis 90 Prozent seiner Biosoja aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz und etwa zehn Prozent aus Kanada. Die Schweizer Handelskette Coop und der Anbauverband Bio Suisse vertreiben Tofu aus Schweizer Biosoja. Ab 2019 will Bio Suisse auch beim Futtersoja nur noch aus Europa importieren. Selbst wenn der Anbau von Speisesoja eine Nische darstellt: Die Nachfrage ist größer als das Angebot, Saatgut ist knapp.

"Wir importieren Futtermittel, die unter Bedingungen angebaut werden, die in Europa aus gutem Grund nicht möglich sind" Birgit Wilhelm

Bauern zeigen großes Interesse an Soja

Bei vielen landwirtschaftlichen Kulturen gilt der europäische Markt als gesättigt. Nicht so bei Soja. "Gerade sind viele Landwirte an Soja interessiert, weil die Nachfrage am Markt groß ist und sie die ideale Kultur für viehschwache Betriebe ist", sagt Matthias Klaiss vom FiBL im schweizerischen Frick. Bauern mit wenig oder keinem Vieh fehlt der hofeigene Dünger und sie müssen etwa für den Weizenanbau Dünger hinzukaufen. Soja aber braucht wie alle Leguminosen keinen zusätzlichen Dünger. Dank einer Symbiose mit dem Bodenbakterium Bradyrhizobium japonicum und der starken Durchwurzelung des Bodens wirkt Soja besonders förderlich auf die Bodenfruchtbarkeit. Bakterien und Pflanze tun sich zusammen, bilden Wurzelknöllchen – und während die Bakterien den Luftstickstoff aus den Bodenporen binden, versorgt die Pflanze die Einzeller mit Nährstoffen.

Edamame-Snack
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Für die japanischen "Bohnen am Zweig" werden frische Sojabohnen in Salzwasser gekocht und dann mit Gewürzen als Fingerfood serviert. Man isst nur die Bohnen im Inneren, die Schale bleibt liegen.

Ein weiterer Grund für den Run der Bauern auf die Bohne ist die gemeinsame Agrarpolitik der EU. Die Bauern müssen eine Fruchtdiversifizierung einhalten und einen Teil ihrer Betriebsfläche als "ökologische Vorrangflächen" führen, um Direktzahlungen aus dem EU-Fördertopf zu erhalten. Das können bunte Ackerrandstreifen oder Brachflächen sein, aber eben auch der Anbau von Leguminosen, wie Ackerbohne, Erbse, Lupine oder Soja. Zusätzlich gibt es teilweise eine staatliche "Eiweißprämie" für den Anbau von Soja.

Werden statt Maiswüsten also bald Sojawüsten das Land bedecken, oder gar beides? Volker Hahn teilt diese Bedenken nicht und sieht in der Sojakultur gerade durch die Eignung zur Fruchtfolge und die Einsparung an mineralischem Dünger eher eine Chance als eine Gefahr. Achim Walter von der ETH in Zürich betont: "Es ist die Frage, was wir mit der Soja anfangen. Wenn wir keine bessere Idee haben, als das Protein dann wieder nur an Tiere zu verfüttern, hat man nicht viel gewonnen".

Es wird also auch darauf ankommen, den Leuten Soja, Linsen und Co schmackhaft zu machen. Kenner der Materie empfehlen Edamame – salzige, grüne Sojabohnen frisch vom Strauch – als knackigen Snack, und die Welternährungsorganisation FAO hält auf ihrer Webseite zum Jahr der Hülsenfrüchte Rezepttipps für Kinder bereit. Linsen und Spätzle wären ja schon mal ein hülsenfruchtiger Anfang, aber erst derjenige, der sich in den kulinarischen Kosmos der asiatischen und afrikanischen Küchen vorwagt, wird erfahren, wie vielfältig und delikat Bohnen, Linsen und Co schmecken können.