Frühkindliche Sprachprägung wirkt jahrelang nach, zeigt jetzt eine Studie kanadischer Sprachwissenschaftler: Das Gehirn "erinnert" sich gewissermaßen an eine Muttersprache, der es ausschließlich in den ersten Lebensmonaten ausgesetzt war. Das schließen Fred Genesee von der McGill University in Montreal und seine Kollegen aus einer Hirnscanneruntersuchung.

Die Forscher hatten 21 Jugendliche untersucht, die in einem chinesischsprachigen Umfeld geboren wurden und mit maximal drei Jahren von einer Französisch sprechenden Familie adoptiert wurden. Nun beherrschten die 9- bis 17-Jährigen zwar bewusst kein einziges Wort Chinesisch, doch ihre Hirnaktivität offenbarte, dass die Areale der Sprachverarbeitung noch immer auf typisch chinesischen Input reagierten – und zwar umso stärker, je länger sie als Kleinkind der chinesischen Sprache ausgesetzt waren.

Hörten die Probanden beispielsweise chinesische Pseudowörter, verhielt sich ihr Gehirn ganz ähnlich wie das von zweisprachigen Französisch-Chinesisch-Sprechern: Es zeigte eine vermehrte Aktivität in sprachverarbeitenden Arealen der linken Gehirnhälfte, namentlich dem supratemporalen Gyrus und dem Planum temporale.

Letzteres ist ein Gebiet, das nach Auskunft der Forscher bei der Verarbeitung von so genanntem lexikalischem Ton eine Rolle spielt, einem phonetischen Merkmal des Chinesischen. Es handelt sich dabei um den charakteristischen Tonhöhenverlauf, mit dem eine Silbe ausgesprochen wird und der in dieser Sprache notwendig ist, um sonst gleich lautende Wörter voneinander abzugrenzen. Exakt um dieses dem Französischen fremde Merkmal hatten die Wissenschaftler ihr Audiomaterial gestrickt.

Aufnahmen mit dem fMRT
© mit frdl. Gen. von Jen-Kai Chen
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAufnahmen mit dem fMRT
Das Bild zeigt die überlagerten Ergebnisse der Messungen mit dem Hirnscanner: Während bei den einsprachigen Jugendlichen (ganz links) vor allem sprachunspezifische, rechtshemisphärische Areale aufschienen, waren es bei den Adoptierten auch solche der linken Hirnhälfte – und das, obwohl die Probanden seit ihrer Adoption keinerlei Kontakt zu Chinesisch hatten.

Die Gehirne reiner Französischsprecher ignorierten dieses sprachliche Merkmal hingegen: Die fraglichen Zentren blieben stumm, stattdessen traten melodieverarbeitende Regionen der rechten Hemisphäre auf den Plan.

Nach Meinung der Wissenschaftler zeigt ihre Studie, wie dauerhaft das Gehirn durch einen frühen sprachlichen Input geprägt wird. Offenbar sei die im Kleinkindalter stattfindende Fixierung auf bestimmte sprachliche Muster von so großer Wichtigkeit, dass sie selbst dann noch aufrechterhalten werden, wenn eigentlich kein Bedarf mehr daran bestehe.