Im November 2014 erwachte der Vulkan Pico do Fogo auf den Kapverdischen Inseln wieder zum Leben: Seine Lava füllte die riesige Caldera des Feuerbergs und zerstörte mehrere Ansiedlungen. Verglichen mit der Katastrophe, die hier vor etwa 73 000 Jahren stattfand, war dieser Ausbruch allerdings harmlos. Denn damals kollabierte offensichtlich eine der Flanken des Vulkans komplett und auf einen Schlag – und löste dadurch einen gewaltigen Tsunami aus, der in der Geschichte der Menschheit weit gehend seinesgleichen sucht, wie Ricardo Ramalho von der Columbia University und sein Team nun in "Science Advances" berichten. Sie hatten auf der nahe gelegenen Insel Santiago bis zu 770 Tonnen schwere Gesteinsbrocken auf einem Hochplateau gefunden, deren Zusammensetzung und Alter nicht zur restlichen vulkanischen Geologie der Umgebung passten. Analysen ergaben schließlich, dass es sich dabei um Material aus dem umliegenden Meer handelte: Riffkalksteine, verschiedene Konglomerate und ozeanische Basalte, die durch gigantische Kräfte von der Küstenlinie ins 200 Meter hohe Hinterland getragen worden sein mussten.

Isotopenanalysen deuten darauf hin, dass dieses Ereignis vor etwa 73 000 Jahren stattgefunden haben muss. Frühere Studien hatten ergeben, dass in diesem Zeitraum sehr wahrscheinlich auch die Flanke des 55 Kilometer entfernten Fogo zusammengebrochen ist. Als die Forscher kalkulierten, welcher Energieaufwand für den Transport notwendig war, kamen sie auf gigantische Tsunamiwellen mit bis zu 240 Meter Höhe – nur sie hätten die teilweise busgroßen Steine bis in diese Höhe und Entfernung ins Hinterland Santiagos schwemmen können. Zum Vergleich: Die verheerenden Flutwellen, die 2004 Südostasien und 2011 Nordjapan verwüsteten, erreichten maximale Höhen von etwa 35 Metern. Diese wurden allerdings von Seebeben ausgelöst.

Abrutschende Vulkanhänge hatten in kleinerem Umfang auch während der letzten paar hundert Jahre Tsunamis ausgelöst – etwa in Alaska, Japan und Neuguinea –, Megatsunamis wie jenen von Fogo hatten die meisten Vulkanologen bislang aber eher ausgeschlossen. Einen plötzlichen, kompletten Kollaps großer Vulkane hielten sie für unwahrscheinlich, stattdessen sollte sich dieser Zusammenbruch in Etappen vollziehen, während der immer wieder Teile des Hangs ins Meer rutschen und so die Wellen auslösen. In einer Studie hatten französische Forscher dies bislang auch für den Fogo in Betracht gezogen, dessen Seite vor 124 000 bis 65 000 Jahren nach und nach im Atlantik verschwand. Die dadurch ausgelösten Tsunamis hätten jedoch "nur" Höhen von etwa 15 Metern erreicht – und sie wären viel zu schwach gewesen, um die Felsen auf Santiago zu erklären. Heute leben hier 250 000 Menschen. Die Wahrscheinlichkeit für ein derartiges Unglück schätzt der Tsunamiexperte Bill McGuire vom University College in London jedoch eher gering ein: Es trete maximal alle 10 000 Jahre einmal auf, so der nicht an der Studie beteiligte Forscher.

Immer wieder werden auch Befürchtungen laut, dass der Vulkan Cumbre Vieja auf der Kanarischen Insel La Palma eine solche Katastrophe auslösen könnte: Ein Abrutschen seiner Flanke würde einen Megatsunami im Atlantik auslösen, der selbst noch die Küsten Nord- und Südamerikas mit rund 45 Meter hohen Wellen treffen könnte. Sedimentanalysen in der Tiefsee vor den Inseln weisen jedoch darauf hin, dass die Vulkanhänge der Kanaren bislang zumindest Stück für Stück ins Meer gleiten und so keine globalen Folgen zeitigen.