Dass das Relief des mit Fässern voll geladenen Weinschiffs aus der Moselregion stammt – wen wundert’s? Wirklich erstaunlich ist hingegen der gute Erhaltungszustand der Stele mit der Weingaleere: Er ist der Tatsache zu verdanken, dass die Einwohner des rheinland-pfälzischen Ortes Neumagen das Relief aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert etwa 100 Jahre später in das Fundament ihrer Festungsmauer einbauten.

Ende des 19. Jahrhunderts förderte eine sensationelle Grabung die steinernen Ruderer und Weinfässer zu Tage – und außerdem etwa 50 ebenfalls zweckentfremdete Grabdenkmäler. Seither bilden diese die "Neumagener Gräberstraße" im Rheinischen Landesmuseum Trier, der ältesten archäologischen Sammlung in Deutschland. Abbildungen der Grabdenkmäler fanden ihren Weg in viele Latein- und Geschichtsbücher. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass jeder, der einmal ein Lateinbuch in den Händen hatte, auf eine der rund 40 Stelen gestoßen ist.

Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Thomas Zühmer
© Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Thomas Zühmer
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 Bild vergrößernDas Neumagener Weinschiff
Die Galeere mit den sechs Ruderern ist ein Aufsatz zum Grabdenkmal eines wohlhabenden Weinhändlers.
Seit knapp einem Monat haben das Schiff und die anderen Reliefs allen angestaubten, an trockenen Lateinunterricht erinnernden Charakter abgelegt. Der gesamte Stelensaal ist nun Teil der Multimediashow "Im Reich der Schatten". Stünden Sessel im Halbkreis, könnte man sich nach Verlöschen des Lichts wie in einem Planetarium fühlen. Allerdings finden die Projektionen auf den Seitenwänden und Grabreliefs statt, haben nichts mit Sternen zu tun und die Zuschauer wandern durch den Saal von Stele zu Stele: "Mediales Raumtheater" nennen die Macher das Konzept ihrer Show, die etwa eine Dreiviertelstunde dauert.

Grabmäler modern beleuchtet

Während die Beleuchtung ständig wechselt, spielt sich für die Ohren der Zuschauer ein reizvoller Dialog ab, wobei die Lichtschau das Gehörte verdeutlicht und die Reliefs in Szene setzt. Dabei werden die Grabreliefs so kunstvoll ausgeleuchtet, dass die Ruder des Weinschiffes sich scheinbar zu bewegen beginnen. In einem anderen Relief diskutieren Schüler und in einem dritten bearbeiten Sklavinnen das Haar ihrer Herrin.

Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Thomas Zühmer
© Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Thomas Zühmer
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 Bild vergrößernDie Stele des Trierer Bürgers Gaius Albinius Asper
Neben Asper steht seine Frau Secundia in Stein gemeißelt.
Der Plot des Hörspiels mag einem zunächst banal und vor allem verdächtig bekannt vorkommen: Der Trierer Bürger Gaius Albinius Asper ist vom Tod seiner Ehefrau, die bezeichnenderweise an einem Schlangenbiss starb, tief getroffen. Daher überredet er Merkur, ihn in die Unterwelt zu begleiten, um dort nach ihr zu suchen. Doch wer jetzt meint, eine Nacherzählung von Orpheus und Eurydike zu hören, täuscht sich.

Gelungene Mischung antiker Elemente

Denn während dieser Unterweltreise spielt sich vor den Augen der Suchenden eine mit "höllischen" Elementen gewürzte Version des Alltags in der römischen Provinz ab: Die Herrin tyrannisiert ihre Sklavinnen, ein Schüler auf einer anderen Stele hat vergessen, wer die Medusa getötet hat und behilft sich mit einem: "Der Typ mit dem Schwert!", während sein Mitschüler sich eifrig zu Wort meldet. Asper wird Zeuge von gefährlicher Weinpanscherei mit Hilfe von Most und Blei und empört sich über das schamlose Geschäftsgebaren. Merkur hingegen ist hier, wie auch in anderen Szenen, bei weitem kecker und sorgenfreier als Asper, wodurch die Dialoge kurzweilig und kontrastreich ausfallen.

Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Thomas Zühmer
© Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Thomas Zühmer
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 Bild vergrößernBunte Reliefs
Pigmente auf den Stelen legen nahe, dass die Grabsteine mit Farben verziert waren. Wie stark sie allerdings leuchteten, lässt sich heute nicht mehr mit letzter Gewissheit sagen.
Nicht nur der Inhalt des Hörspiels hat antike Vorbilder: In den einzelnen Szenen kommen zeitgenössische Dichter zu Wort wie beispielsweise Vergil in einer Jagdszene oder – ganz zu Beginn – der Trierer Lokaldichter Ausonius. Doch auch wer nicht jedes eingestreute Zitat erkennt, hat seine Freude an der Schau: Der Text kann an manchen Stellen sehr komisch sein, beispielsweise wenn Merkur sich ereifert, dass niemand seinen Beitrag zu Perseus' Sieg über die Medusa würdigt. An anderen Stellen wird der Text sehr tiefgründig, beispielsweise wenn das berühmte Horaz-Zitat "Wir sind Staub und Schatten" fällt.

Die Idee zur Schau

Eckart Köhne, der Direktor des Rheinischen Landesmuseums, erklärt, was ihn auf die Idee zu dieser ungewöhnlichen, knapp eine Million Euro teuren Installation brachte: "Als 2007 die Konstantin-Ausstellung im Museum stattfand und bei einer Podiumsdiskussion ein Fernsehteam den Saal mit Scheinwerfern in Szene setzte, hat uns der Raum gleich viel besser gefallen." Da an den Pyramiden von Gizeh seit Jahren eine Show mit Lichteffekten sehr erfolgreich läuft, ließ er sich von Mediengestaltern beraten. Daraus entwickelte sich ein Drehbuchkonzept, das die Figuren auf den Steinen zum Leben erweckt. Die Show als Ergänzung zur Dauerausstellung könnte ein größeres Publikum ansprechen.

Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Thomas Zühmer
© Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Thomas Zühmer
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 Bild vergrößernWeinkrüge an der Wand
In dieser Szene will Merkur Asper von den Vorzügen des Weins überzeugen.
Das funktioniert offenbar – und Köhne zieht ein positives Resümee der letzten beiden Monate: "Das Feedback ist grundsätzlich sehr gut." Allerdings räumt er selbst ein, dass zwei Punkte verbesserungsfähig sind: Wegen der Steine mitten im Raum ist die Akustik teilweise so schlecht, dass der Zuhörer den Erzähler kaum verstehen kann. Und an manchen Stellen in der Show weiß der Besucher nicht, zu welchem Relief er als Nächstes gehen soll – er irrt umher. Vermutlich muss der Weg durch die seit den 1970er Jahren beinahe unverändert stehenden Grabmonumente noch angepasst werden. Bis September sollen beide Negativpunkte behoben sein.

Gerade Kinder begeistern sich für das Multimediale. Doch erziehen nicht Lichtshows wie diese die Kleinen dazu, über die althergebrachte Ausstellung in Zukunft nur noch die Nase zu rümpfen? Köhne reagiert hier gelassen: "Es wird die Kinder eher neugierig machen, die Reliefs auch einmal ohne Beleuchtung zu sehen. Diese Gefahr wäre viel größer, wenn ein Bildschirm daneben stünde. Hier hingegen sind die Exponate die Präsentationsfläche."

Schöne Schau für die ganze Familie – aber nicht zum Faktenlernen

Das leuchtet ein. Das Gesamtkonzept der in Szene gesetzten Gräber wird erstaunlich gut den verschiedensten Besuchergruppen gerecht, so dass man es – nach den erwähnten Verbesserungen – der ganzen Familie empfehlen kann. "Im Reich der Schatten" hat den Charme des Museums ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit viel Freude am Betrachten. Mit dem dozierenden Ton fehlt zwar auch das Bestreben, mehr als nur die Schönheit und den Inhalt der Reliefs darzustellen – doch die Multimediashow ist nur als Ergänzung zum restlichen Museum gedacht. Vielleicht wäre Latein wieder attraktiver, wenn Schüler erneut das Staunen lernten, wenn sie vor den knapp 1800 Jahre alten Stelen stehen.


Das Landesmuseum zeigt die Multimediashow in der Saison 2010 dreimal täglich, außer montags.