Jedes Jahr ziehen über eine Million Gnus und andere Huftiere aus der Serengeti Tansanias nach Norden. Sie folgen den Regenfällen in Richtung Kenia, um dort zu weiden. Doch auf ihrem Weg werden sie nicht nur zahlreich zur Beute von Löwen oder Leoparden, die sie begleiten. Sie sterben auch zu Tausenden beim Versuch, den Mara-Fluss zu überqueren, der sie von den Gräsern im Nationalpark Masai Mara trennt. Und das hat dramatische Folgen für das Ökosystem des Flusses, wie Amanda Subalusky vom Cary Institute of Ecosystem Studies in Millbrook und ihr Team in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" schreiben.

Dicht an dicht drängen sich die Gnus an den Furten des Mara, wo sie an schmalen Stellen über den Fluss kommen wollen. Dabei müssen sie nicht nur mit lauernden Krokodilen rechnen, die ihren Tribut fordern, sondern auch die steilen Uferkanten mit ihren lockeren Sand- und Lehmschichten überwinden. Immer wieder kommt es hier zum Rückstau, oder Tiere werden von nachdrängenden Artgenossen ins Wasser gestoßen und tot getrampelt. Die Daten von Subalusky und Co aus den letzten Jahren zeigen, dass dabei durchschnittlich mindestens 6200 Gnus jährlich direkt am oder im Fluss starben – umgerechnet bedeutet dies ungefähr 1100 Tonnen Biomasse. In 13 der 15 überwachten Jahre kam es sogar zu regelrechtem Massenertrinken, bei denen Dutzende oder hunderte Tiere auf einmal im Wasser beziehungsweise unmittelbar am Ufer verendeten.

Aasfresser delektieren sich an toten Gnus
© Amanda Subalusky, Cary Institute of Ecosystem Studies Millbrook
(Ausschnitt)
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Für Marabus und Geier ist der Tisch gedeckt: Massenweise starben Gnus beim Durchqueren des Flusses – ihre Überreste ernähren andere Arten.

Ein Teil der Kadaver wird dann direkt von Krokodilen, Fischen oder landlebenden Aasfressern wie Geiern, Hyänen, Schakalen oder Marabus verwertet. Die Masse verrottet jedoch einfach und setzt direkt große Mengen Stickstoffverbindungen, Phosphate und andere Nährstoffe im Wasser frei, von denen die Nahrungskette im Fluss profitiert – von Algen bis hin zu Fischen und Krokodilen. Die Hausse hält nicht nur die ersten zwei bis zehn Wochen an, während deren das weiche Gewebe zersetzt wird. Die Knochen der Gnus zerfallen über mehrere Jahre hinweg und führen dem Ökosystem damit langfristig vor allem Phosphate zu – immerhin macht das Skelett ungefähr die Hälfte der Gnu-Biomasse aus.

Mit Isotopenanalysen von beispielsweise Fischgräten und Algen sowie mit Filmaufzeichnungen und anschließenden Modellierungen konnten die Biologen nachweisen, wie bedeutend das Massensterben in dieser Zeit ist. In den ein bis zwei Monaten der Wanderung beziehungsweise des Verwesens macht das Aas ungefähr ein Drittel bis zur Hälfte der gesamten Fischnahrung aus; verschiedene Geierarten – darunter stark gefährdete Spezies – konsumieren bis zu einem Zehntel des weichen Gewebes, und der Biofilm aus Algen, Bakterien und Pilzen auf den frei gelegten Knochen bildet in den Wochen danach einen wesentlichen Teil des Futters von drei häufigen Fischarten im Mara. Krokodile verschlingen dagegen nur zwei Prozent der Biomasse – mehr lässt ihre niedrige Stoffwechselrate nicht zu. Die Studie bestätigt, dass Aas ein lebenswichtiger Bestandteil vieler Ökosysteme ist. Das gilt auch für andere Regionen, wo das Phänomen der Tierwanderungen mittlerweile kaum noch oder gar nicht mehr auftritt, wie Koautor David Post zu bedenken gibt: "Der Mara gehört zu den letzten Orten der Erde, wo wir untersuchen können, wie sich das massenhafte Ertrinken von Tieren auf ein Wasserökosystem auswirkt."