Nach vorsichtigen Schätzungen leben im Nordatlantik noch rund 450 Nordkaper (Eubalaena glacialis), was die Art zu einem der seltensten Großwale der Erde macht. Verluste wiegen schwer – und deshalb war 2017 aus Sicht von Meeresbiologen ein verheerendes Jahr für den Nordkaper. Denn mindestens 17 der Wale starben während der letzten zwölf Monate, nachdem sie mit Schiffen kollidierten oder sich in Fischnetzen und -leinen verfangen hatten. Gleichzeitig hatten die Weibchen in der abgelaufenen Saison nur wenig Nachwuchs, was bei den sich nur sehr langsam fortpflanzenden Tieren die Bestandserholung zusätzlich erschwert. Außerdem sterben weibliche Nordkaper überdurchschnittlich häufig, so dass sich mit etwa 100 verbliebenen Walkühen ein starkes Geschlechterungleichgewicht eingestellt hat – das klassische Rezept fürs Aussterben von Spezies.

"Wir müssen vom Aussterben sprechen, denn dahin weist der Trend eindeutig", sagte der NOAA-Wissenschaftler John Bullard während einer Konferenz zum Thema Anfang Dezember. Seit 2010 erleiden die Nordkaper einen nahezu kontinuierlichen Bestandsrückgang, der mit veränderten Lebensweisen der etwa 71 Tonnen schweren Meeressäuger zusammenhängen könnte. Sie halten sich demnach weniger in der Bay of Fundy zwischen den kanadischen Provinzen Nova Scotia und New Brunswick am Golf von Maine auf und dafür verstärkt entlang der US-Ostküste. Dort befinden sich jedoch einige der am stärksten befahrenen Schifffahrtsrouten der Welt, was das Kollisionsrisiko beträchtlich erhöht. Auch in der Cape Cod Bay versammeln sich mehr Nordkaper, wo sie sich in Fischfanggeräten verheddern können. Die Untersuchung von Walkot hat außerdem ergeben, dass Tiere, die sich in Netzen verfangen hatten, extrem stark gestresst sind, was ihr Immunsystem schwächt und womöglich die Fortpflanzung behindert.

Nordkaper heißen im Englischen "Right Whales". Da sie langsam nahe den Küsten schwimmen, waren sie die ersten Opfer der kommerziellen Waljagd und wurden fast bis zur Ausrottung getötet. Die Population der europäischen Nordkaper gilt als erloschen. Weibchen sind ein Jahr schwanger und stillen ihr Junges ein weiteres Jahr, so dass jeder weitere unnatürliche Tod die Art näher ans Ende bringt, da Verluste kaum ausgeglichen werden. Der Nordkaper könnte daher die erste Großwalart sein, die von Menschen ausgerottet wurde.