Empirische Studien zu Religion sind offensichtlich "in": Kurz nachdem der Cambridger Ökonom Robert Rowthorn Modellrechnungen vorgestellt hat, wie sich religiöse Veranlagungen durch die durchschnittlich höhere Kinderzahl von Gläubigen ausbreiteten, äußern sich nun auch Physiker und Mathematiker. Daniel Abrams und Haley Aple von der Northwestern University in Illinois sowie Richard Wiener von der University of Arizona in Tucson präsentierten nun eine Modellrechnung, nach der Religionszugehörigkeit in einigen Gesellschaften aussterben könnte. Sie orientierten sich dabei an einer Studie, mit der sie bereits das Aussterben von Sprachen erkundet hatten.

Die drei Forscher widmeten sich der Frage, warum in vielen wirtschaftlich entwickelten Staaten der Anteil der Konfessionslosen seit Langem steige. Und sie rechnen durch, was passieren würde, wenn sie diese Entwicklung in die Zukunft verlängern. Als Grundannahme gehen die Wissenschaftler davon aus, dass Menschen so lange Religionsgemeinschaften angehören, wie ihnen dies "soziale, ökonomische, politische und sicherheitsrelevante Vorteile" beschere sowie "spiritueller und moralischer Einklang" mit der Gruppe bestünde.

In entwickelten Wohlfahrtsstaaten würden aber die Nutzenfunktionen von Religionsgemeinschaften sinken. Zugleich steige mit der wachsenden Zahl der Konfessionslosen wiederum der soziale Druck auf die schrumpfenden Netzwerke der Glaubenden. Ihr Modell könne die wachsende Konfessionslosigkeit in den von ihnen getesteten neun Staaten erklären: Australien, Finnland, Irland, Kanada, Neuseeland, Niederlande, Österreich, Tschechische Republik und Schweiz. Abschließend kommen sie zu der Feststellung, dass auf diesem Wege "Religion ausstirbt."

Aktuelle Säkularisierungstheorien minus zwei Faktoren

Außerhalb der Physik sind Säkularisierungstheorien jedoch nun nicht wirklich neu: In den letzten Jahren hat es bereits eine ganze Reihe von empirischen, internationalen Studien zu Prozessen von Säkularisierungen und religiösem Wiederaufschwung gegeben – beispielsweise die viel beachtete Auswertung der World Value Surveys in "Sacred and Secular" aus dem Jahr 2004 durch Ronald Inglehart und Pippa Norris.

An diese oder ähnliche Befunde knüpfen jedoch Abrams, Aple und Wiener leider in keiner Weise an. Dabei lässt sich ein Teil ihrer Grundannahmen durchaus bestätigen: Säkularisierung findet tatsächlich vorwiegend in jenen Gesellschaftsschichten statt, die soziale, wirtschaftliche und andere Angebote religiöser Netzwerke weniger "brauchen" – die genannten neun Staaten fallen in diese Kategorie.

Allerdings beobachteten Norris, Inglehart und Co parallel zur Ausbreitung von Konfessionslosigkeit eben auch die gleichzeitigen Gegenbewegungen: Jene Menschen, die in verbindlichen Religionsgemeinschaften verblieben, grenzten ihre Netzwerke etwa durch den teilweisen Rückzug aus der Gesellschaft, durch Ehe-, Speise-, Kleidungs- und Zeitgebote, den Aufbau eigener Kindertagesstätten und Schulen bis hin zu Home Schooling sowie durch eigene Unternehmen, Freizeiteinrichtungen und so weiter vor der vermeintlich "sündigen Außenwelt" zunehmend ab. In nahezu allen freiheitlichen Gesellschaften – einschließlich Deutschland – wachsen entsprechend parallel und in Abgrenzung zur allgemeinen Säkularisierung auch die Anteile konfessioneller Kindergärten und Schulen.

Dagegen gehen Abrams, Aple und Wiener ohne Hinweis einer Quelle schlicht davon aus, dass "in modernen säkularen Gesellschaften" die Vernetzung nach außen "durch die Prävalenz sozial integrierter Institutionen wie Schulen, Arbeitsplätzen, Freizeitklubs et cetera" gewährleistet sei. Dies aber stimmt so einfach nicht einmal für Sprachen – man denke etwa an immer wieder aufflammende Abgrenzungen in Belgien oder Kanada – und noch viel weniger für Religionen.

Vor allem aber übergehen die Wissenschaftler, dass Mitglieder von Religionsgemeinschaften durchschnittlich deutlich höhere Geburtenraten als die Konfessionslosen aufweisen und in den jüngeren Generationen daher wieder zunehmend vertreten sind. Sowohl in Fallstudien – etwa an den Old Order Amish oder jüdisch-orthodoxen Gemeinschaften – wie auch an ganzen Gesellschaften, wie zum Beispiel den USA oder Israel, ist dieses demografische Rückschwingen des Pendels bereits gut erforscht. Es ist daher bemerkenswert, dass die in den USA wirkenden Wissenschaftler genau diese beiden Gesellschaften ohne Begründung ausklammern.

Und auch für einige der von ihnen ausgewählten Staaten wie Australien, Kanada, Österreich oder die Schweiz liegen bereits religionsdemografische Auswertungen auf Basis von Volkszählungen vor, die ausnahmslos bestätigen: Säkularisierung findet statt, aber konfessionslose Populationen weisen zugleich ausnahmslos Kindermangel auf. Es ist schwer vorstellbar, wie Abrams, Aple und Wiener all diese Beobachtungen und Datensätze übersehen konnten.

Die Prognose einer linearen Entwicklung zu einer religionslosen Gesellschaft steht damit auf ebenso schwachen Füßen wie vergleichbare Hochrechnungen, die aus wachsenden Minderheiten von Muslimen linear eine umfassende Islamisierung Europas berechnen wollen. Beides ist unzutreffend, da sich religiöse Entwicklungen eben nicht einfach linear vollziehen.

Religiöse Konjunkturzyklen und fehlende Prognostik

Vielleicht sollte man die Sache aber auch nicht gar so ernst sehen: In Äußerungen gegenüber anfragenden Medien weisen Wiener und Kollegen bereits darauf hin, dass sie die Grundannahmen ihrer Modellrechnungen bewusst vereinfacht haben. Ihre Studie hat jedenfalls bereits einiges Interesse gefunden und lebhafte Debatten ausgelöst, die Wissenschaften grundsätzlich nicht schaden können.

Wer dabei generell über unterkomplexe Modellrechnungen von Ökonomen, Physikern und Mathematikern die Nase rümpfen mag, möge sich jedoch auch daran erinnern, dass die Auf- und Abwärtsbewegungen von Religiosität und Säkularisierung seit der Antike und bis heute in den Geschichts- und Religionswissenschaften selbst bereits durchaus reichhaltig erforscht und beschrieben sind. In der Öffentlichkeit und in benachbarten Disziplinen scheint dies jedoch kaum angekommen zu sein.

Die Vorstöße der Kollegen lassen sich also durchaus als ernst gemeinte Anregung verstehen, endlich auch in der Erforschung von Religion(en) den Mut zu mehr interdisziplinären Arbeiten, Hypothesen, Modellen und Studien zu finden, wie wir sie etwa in Wirtschafts-, Umwelt- und Politikwissenschaften längst selbstverständlich erwarten. Anregungen aus Physik und Mathematik – etwa der Spieltheorie – sollten dabei hoch willkommen sein.