Das Zeitalter des Menschen beginnt in Berlin-Grunewald. Dort steht der Teufelsberg, ein 120 Meter hoher Hügel aus fast 30 Millionen Kubikmetern Kriegstrümmern und Bauschutt, die zwischen 1950 und 1972 dort abgeladen wurden. Das macht die höchste Erhebung Berlins in den Worten des Berliner Geowissenschaftlers Reinhold Leinfelder zu einer "klassischen geostratigrafischen Einheit des Anthropozäns", einem materiellen Zeugnis des Menschenzeitalters.

Der Begriff Anthropozän ist bisher eine informelle Bezeichnung dafür, dass der Mensch seit einer Weile die Geschicke seines Heimatplaneten prägt. Doch viele Fachleute plädieren inzwischen dafür, ein Erdzeitalter dieses Namens formal zu definieren. Seinen Beginn setzen sie um das Jahr 1950 an, als die untersten Lagen des Teufelsberges aufgetürmt wurden.

Unser geologischer Fußabdruck

"Wir sind der Ansicht, dass mittlerweile genug Daten die Einführung dieser neuen Epoche stützen", erklärt Leinfelder. Die Argumente dafür haben er und 23 andere Fachleute der Anthropozän-Arbeitsgruppe der Internationalen Kommission für Stratigrafie in einer ausführlichen Veröffentlichung dargelegt. Im Sommer tagt in Kapstadt die International Union of Geological Sciences (IUGS), dann fällt möglicherweise eine erste Entscheidung.

Der Widerstand gegen das neue Menschenzeitalter ist allerdings nicht zu unterschätzen. Dabei ist die rein geowissenschaftliche Frage, ob das Anthropozän sich auch physikalisch in der erdgeschichtlichen Überlieferung auffinden lässt, noch am einfachsten zu beantworten: Eine geologische Epoche muss sich an Veränderungen in der Ablagerungsgeschichte erkennen lassen, also gegenüber älteren Überresten anhand einer eigenständigen Signatur unterscheidbar sein. In diesem Fall der eindeutigen Signatur des Menschen.

Schon im Holozän, der bisherigen Jetztzeit nach dem Ende des Eiszeitalters, veränderte unsere Art Ökosysteme im großen Stil, zum Beispiel indem sie Wälder rodete oder große Pflanzenfresser bejagte. Doch die von den Anthropozänbefürwortern zusammengetragenen Daten zeigen, dass menschliche Aktivität seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine völlig neue Qualität haben: Mit dem Jahr 1950 begann die "große Beschleunigung", eine bis heute anhaltende Periode exponentiellen Wachstums in praktisch allen Parametern der technischen Entwicklung. Dank dieses rasanten Wachstums prägt die Menschheit nun die geologische Überlieferung unserer Zeit global, statt nur ein Faktor unter vielen zu sein.

Drei Effekte sind nach Ansicht des Autorenteams für diese grundlegende Veränderung hauptsächlich verantwortlich: die sehr schnelle technische Entwicklung, das immense Bevölkerungswachstum und die Menge an verbrauchten Ressourcen, umso mehr, als sich diese drei Multiplikatoren gegenseitig begünstigen.

Damit begann die Produktion menschengemachter geologischer Spuren, zum Beispiel neuer Werkstoffe, in ganz großem Stil. Beton und Glas gab es schon zuvor, aber erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestehen ganze Städte daraus. Neu hinzu kamen Kunststoffe und Aluminium, Mülldeponien oder Strände voller Plastikpellets. Subtiler, aber mindestens ebenso aussagekräftig wie die neuen Materialien sind chemische Spuren, zum Beispiel Verbrennungsrückstände von Holz oder fossilen Brennstoffen. Blei aus Millionen Autotanks wird für die nächsten paar Äonen von unserer Aktivität zeugen, ebenso wie langlebige Radioisotope oder die Zerfallsprodukte des bei Atomtests freigesetzten Plutoniums.

Beton, Glas, Plastik

Auch die Natur der Ablagerungen selbst verändert sich charakteristisch. Durch Landwirtschaft und Abholzung steigt die Erosion, Düngemittel tragen Stickstoff und Phosphor ins Meer, was sich nicht nur chemisch bemerkbar macht, sondern sogar ganzen Schelfmeeren den Sauerstoff entzieht und so die Ablagerung schwarzer Faulschlämme begünstigt. Sauerstofffreie Meeresgebiete erkennen Fachleute auch noch nach Jahrmillionen an diesen charakteristischen Rückständen. Bergbau schließlich bewegt heute allein dreimal so viel Material wie alle Flüsse der Erde, wie das Studienteam darlegt.

Diese Argumente sollen im Sommer die mit der Frage betraute Unterkommission für Quartärstratigrafie der IUGS überzeugen, die festlegt, wie die geologische Zeitskala der letzten 2,6 Millionen Jahre aufzuteilen ist. Doch so populär der Begriff Anthropozän inzwischen ist, so hitzig tobt die Debatte im Hintergrund. Es geht längst nicht nur um Geologie.

Die meisten Erdzeitalter entstanden auf der Basis einer Veränderung in den Gesteinsablagerungen – ein neues Fossil kommt hinzu, Meeresschlamm überdeckt einstige Wüste. Das Anthropozän dagegen begann seine Existenz als politisches Statement zur Klimapolitik. Diese Herkunft aus völlig anderen Sphären verursacht vielen Fachleuten Unbehagen. Nicht zuletzt bestehen große Bedenken, mit der geologischen Zeitskala das Opus magnum der Geowissenschaften selbst zu politisieren. In ihrer Bedeutung für das Fach ist die Abfolge der Erdzeitalter wohl am ehesten mit dem Periodensystem der Elemente vergleichbar. Einige der Anthropozänfans seien vor allem angetreten, um mit der neue Epoche die Umweltzerstörung der Menschheit anzuprangern, lautet die Befürchtung. Ein Kommentar der Geological Society of America bezeichnete das Anthropozän gar als "Popkultur".

Kritiker sehen die Gefahr, dass in der allgemeinen Begeisterung um den auch in den Massenmedien populären Begriff berechtigte Vorbehalte gegen das neue Zeitalter schlicht untergebuttert werden. So ist nicht klar, ob man das Anthropozän überhaupt braucht – die Präsenz des Menschen sei bereits mit der 2008 erfolgten Definition des Holozäns hinreichend berücksichtigt. Kritiker hinterfragen außerdem, ob das Anthropozän derzeit überhaupt global nachweisbar ist. Die Tiefseesedimente des neuen Zeitalters, zumindest in der Anfang 2015 von der Anthropozän-Arbeitsgruppe vorgeschlagenen Variante, wären teilweise weit weniger als einen Millimeter dick.

Popkultur oder Zeitenwende

Es sind unter anderem derartige Bedenken, die der neue Bericht ausräumen soll, denn die Hürden für das Anthropozän sind hoch. Neben der Unterkommission für Quartärstratigrafie muss auch die Internationale Kommission für Stratigrafie den Vorschlag mit deutlicher Mehrheit annehmen. Schlussendlich hat dann das Exekutivkomitee der IUGS das letzte Wort.

Bis dahin sind so oder so noch einige Fragen zu klären, nicht zuletzt welchen Status das Anthropozän innerhalb der geologischen Zeitskala hätte. Es könnte einerseits als neue Epoche auf das Holozän folgen – die von der Arbeitsgruppe favorisierte Variante. Genauso wäre aber denkbar, es zu einer Stufe innerhalb des Holozäns zu machen oder umgekehrt das Holozän analog zu den vorherigen Warmzeiten zu einer Untereinheit des Pleistozäns zu machen, so dass das Anthropozän als Epoche direkt auf das Eiszeitalter folgt.

Wann das Anthropozän begonnen hat, ist derzeit ebenfalls Gegenstand von Diskussionen. Die Arbeitsgruppe favorisiert zwar derzeit den Beginn des Atomzeitalters, etwa wegen der praktischen Markerstoffe, die die Bombentests auf dem gesamten Planeten verteilt haben. Im Raum stehen aber auch der Beginn der Industriellen Revolution oder gar die Ausrottung der nordamerikanischen Urbevölkerung im 17. Jahrhundert.

Das letzte Wort in Sachen Anthropozän ist also noch lange nicht gesprochen. Es könnte auch sein, dass sich die IUGS in der Sache noch ein bisschen Zeit lässt. Diese Variante stellte Anthropozän-Arbeitsgruppenmitglied Erle Ellis von der University of Maryland vor einiger Zeit in den Raum. Demnach sollte man die Entscheidung über das Anthropozän für eine bestimmte Zeit zurückstellen und erst einmal weiter untersuchen, welche menschlichen Spuren das Erdsystem auf lange Sicht prägen. Vielleicht in etwa 1000 Jahren könnte man die Frage dann offiziell angehen, so Ellis. Den Teufelsberg dürfte es dann immerhin noch geben.