Als im vergangenen Monat Wissenschaftler von der University of North Carolina die Ergebnisse ihrer Genomanalysen von Hypsibius dujardini veröffentlichten, versetzten sie damit die Fachwelt in Aufregung. Im Lauf der Evolution habe das Bärtierchen mehr als 6600 Gene aus fremden Quellen – von Bakterien, Pilzen, Pflanzen und Viren – übernommen. Das entspreche gut 17 Prozent ihres Gesamtgenoms, berichteten die Forscher um Bob Goldstein. Eine erstaunliche Anzahl, denn damit hätten die Bärtierchen in etwa doppelt so viele Fremdgene wie Rädertierchen, die bisherigen Rekordhalter.

Doch mittlerweile regen sich daran Zweifel. Mark Blaxter, Professor für evolutionäre Genetik an der University of Edinburgh, hält die Studie für fehlerhaft. Bestünde das Erbgut des Bärtierchens tatsächlich zu einem großen Teil aus Fremdgenen, müsse sich das auch in anderen Laboren nachvollziehen lassen, erklärte Blaxter am Montag gegenüber der "Washington Post". Als er von den erstaunlichen Ergebnissen seiner Forscherkollegen erfahren hatte, habe er deren Daten angefordert und sie schließlich anhand eigener Genanalysen überprüft.

Sein Team fand in demselben Tierstamm allerdings lediglich 500 Gene, die theoretisch von fremden Arten stammen könnten. Und bei gerade einmal 37 davon ließ sich dies bisher eindeutig belegen. Die von den Kollegen der University of North Carolina in Chapel Hill gefundenen Fremdgene müssen aus Verunreinigungen stammen, offenbar hätten die Forscher nicht sauber genug gearbeitet, mutmaßt er. "Von Winzlingen wie Bärtierchen kann man Bakterien nicht abschrubben, genau wie Menschen haben sie Bakterien auf ihrer Haut und in ihrem Darm. Es ist sehr schwer, sie loszuwerden."

Ob die Kritik der Forscher aus Edinburgh berechtigt ist, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Im Gegensatz zum Original hat die Gegenstudie den Prozess des Peer-Reviews noch nicht durchlaufen, sondern wurde vorab auf BioRxiv, einem Preprint-Server für Biowissenschaften, veröffentlicht.

Die Autoren der Originalstudie bedankten sich ausdrücklich für die "Hinweise der Kollegen". Sie nähmen die Einwände ihrer Kollegen sehr ernst und würden ihre Ergebnisse nochmals überprüfen, kommentiert Goldstein auf BioRxiv.

Eigentlich hatten die Forscher während ihrer Arbeit verschiedene Maßnahmen ergriffen, um auszuschließen, dass ein großer Anteil der identifizierten Fremd-DNA auf Verunreinigungen zurückzuführen sein könnte. Um den Darm der Bärtierchen möglichst frei von Bakterien zu halten, hatten sie diese ausschließlich mit Kulturalgen ernährt. Die als fremd identifizierten Gene wurden auf charakteristische Eigenschaften wie Exons und Introns untersucht, die bei den meisten Einzellern nicht vorkommen. Zudem hatten sie in aufwändigen Gensequenzierungen überprüft, ob die Fremd-DNA mit dem Genom der Bärtierchen physisch verbunden war.

Bis zum Abschluss weiterer Analysen zur Aufklärung der Sache wollen sich Goldstein und seine Teamkollegen nicht mehr öffentlich äußern.