Informationen können Verwirrung stiften, wenn sie pädagogisch lieblos aufbereitet unter die Zuhörer geschüttet werden. Etwa – kurzer Test – so: Meerkats sind keine Meerkatzen, sondern waren eine Zeit lang Schleichkatzen – während Meerkatzen ihrerseits noch nie Katzen waren, sondern Affen sind – um die es hier aber nicht gehen soll. Sondern eben um Erdmännchen. Verwirrt?

Erdmännchen mit Jungem
© A. Radford/S. Lanfear/A. Thornton/K. McAuliffe
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Also noch mal von vorn: Erdmännchen (auf englisch meerkats, dies abgeleitet aus dem Afrikaans-Wort für die Tiere), gehören allgemein zur Systematik-Schublade der Katzen und früher speziell in die Verwandtschaft der Schleichkatzen – werden nun aber in einer eigenen Gruppe, den Mangusten geführt. Mit den äffischen Meerkatzen, um die es hier eben nicht geht, haben sie nichts zu tun.

Außer um Erdmännchen ging es Alex Thornton und Katherine McAuliffe von der Universität Cambridge aber auch um Pädagogik – um Erdmännchen-Pädagogik. Die Tiere, genauer Suricata suricatta, gehören nach Meinung der Forscher zu den ganz wenigen Tieren, die sich gegenseitig etwas aktiv beibringen. Natürlich sind viele Spezies in der Lage zu lernen, einige auch durch Zuschauen und Nachahmen der Leistungen von Artgenossen. Nur sehr wenige Arten neben dem Menschen aber gehen typische Schüler-Lehrer-Verhältnisse ein, bei denen, per strikter Definition des Lehrbegriffes, ein erfahrenes Tier eigene Nachteile aktiv in Kauf nimmt, um ohne sofortige Belohnung anderen Sozialpartnern etwas Nützliches beizubringen – oder gar aufzudrängen.

Thornton und McAuliffe beobachteten mit dieser klassischen pädagogischen Definition im Hinterkopf eine wildlebende Suricata-suricatta-Gruppe im südlichen Afrika. Typische Rotten der possierlichen Tiere bestehen aus bis zu 30 Individuen jeden denkbaren Alters – sie ernähren sich in der Savanne von vielerlei zoologischen Schmankerln, wobei rund neun Zehntel aller erjagten Leckerbissen bedauernswerte Gliederfüßer sind, die dann zwischen einer Jagdmeute und daheimgebliebenen Baubewachern redlich geteilt wird.

Skorpione sind nahrhaft – aber stachelig
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Jagen und Essen will dabei gelernt sein, denn unter den Beutetieren gibt es solche und solche. Sehr wehrhafte Opfer sind etwa Skorpione, die sich gegen den finalen Eintritt in Erdmännchenmägen mit Giftstachel und Beißzange wohl zu wehren wissen. Bis Erdmann oder -frau gelernt haben, sich die Beute trotzdem gefahrlos einzuverleiben, müssen erst ein paar notwendige Jagdstrategien und Handgriffe verinnerlicht werden. Das Durchschnittserdmännchen beherrscht stilvolles Skorpionverspeisen, berichten nun Thornton und McAuliffe, meist erst im Alter von rund 80 Tagen. Bis dahin durchläuft ein Jungerdmännchen einen ausgefeilten, zur gefahrlosen Skorpionvertilgungskompetenz führenden pädagogischen Prozess.

Wie sie erkannten, vermitteln erfahrene Erdmännchen naiven Artgenossen gefährliche oder komplizierte Nahrung gemächlich in verdaulichen Häppchen: Sie erjagten zunächst Gliedertiere, verspeisten diese aber nicht selbst, sondern warfen sie interessierten Jungerdmännchen vor die Füße – zunächst meist eher tot als lebendig.

Nach und nach bringen die lehrreichen Jäger hungrigem Jungvolk so zunehmend ausgefeilte Esskompetenzen bei. So fingen sie etwa weglaufendes Fressen, das ahnungslosen, an unbewegliche Beute gewöhnten Kleinen durch die Lappen zu gehen drohte, oft wieder ein und legten es erneut auf den Präsentierteller. Bewegungslose, noch ungewohnte Jagdbeute stupsten die Lehrer zudem vor den Augen des interessiert zuschauenden Nachwuchses mit den Pfoten an – und dies umso häufiger, je unbekannter die Nahrung und je jünger die Schüler. Je häufiger die Stupser, desto häufiger aßen die Zuseher denn auch unbekannte Nahrung.

Junge betteln um Unterweisung – oder nur um Futter?
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Erst fortgeschrittene Erdmännchenklassen wurden dann auch immer häufiger mit fortschreitend anspruchsvollerem Stoff gefüttert, berichten die Forscher nach Auswertung ihrer Beobachtungen. Skorpione etwa wurden jungen Tieren häufig leblos, mittelalten dann lebendig, aber demoliert kredenzt – etwa mit eigens vom jagderfahrenen Lehrer-Erdmännchen abmontierten Giftstachel. Erst Erdmännchen mit gewisser Skorpionerfahrung durften sich dann in Fortgeschrittenenkursen einmal auch an lebenden, bestachelten und gereizten Skorpione versuchen. Vorher hatten sie aber erst lernen müssen, sich von einem gekappt-stumpfen Stachelschwanz besser nicht stechen zu lassen. Die Klassenreife ihrer Schützlinge erkennen die Lehrer-Erdmännchen übrigens an der Hungerschreihöhe des Nachwuchses, ermittelten die Wissenschaftler.

Ganz klar jedenfalls, so Thornton und McAuliffe: Erdmännchen sind Jäger, Sammler – und Lehrer, die altruistisch Energie in das Wohlergehen Jüngerer stecken, ohne davon zunächst eigene Vorteile zu haben. Das muss natürlich keine Folge höherer Einsicht sein, bauen die Forscher sogleich falsch verstandener Vermenschlichung von Suricata vor: In Situationen, in denen Individuen lebenswichtige Fähigkeiten benötigen, diese aber aus Mangel an Gelegenheit oder wegen erhöhter Lebensgefahr beim Üben nur kostspielig erwerben können, mögen sich Mechanismen bevorzugt herausselektieren, bei denen Erfahrene den Naiven diese Kenntnisse auf irgendeinem Weg aufdrängen. Derlei kommt vielleicht selten vor, sei aber wohl noch seltener auf den ersten Blick zu erkennen, so die Forscher – und daher bestimmt häufiger, als unsere Lehrweisheit bisher hat glauben wollen.