Die wenigsten Menschen sagen von sich, dass sie keine Freunde brauchen – evolutionär bedingt ist unser Gehirn auf das Zusammenleben in Gruppen programmiert. Während sozialer Interaktionen wird eine Vielzahl von Hormonen ausgeschüttet, unter anderem Oxytozin, Testosteron, Vasopressin und Cortisol. Zwei davon hat ein Team um Sarah Ketay von der University of Hartford nun in einem Experiment zur Entstehung von Freundschaften ganz genau unter die Lupe genommen: das Sexualhormon Testosteron, das sowohl bei Männern als auch bei Frauen (allerdings in unterschiedlichen Konzentrationen) auftritt, und das Stresshormon Cortisol.

Beide Hormone beeinflussen bekanntermaßen das Miteinander der Geschlechter: So bevorzugen Frauen etwa bei der Wahl eines romantischen Partners zumeist Männer mit einem hohen Testosteronspiegel. Dieser verändert sich allerdings innerhalb der Beziehung: Er sinkt bei Männern wie Frauen, die in Partnerschaft leben, und mit niedrigeren Testosteronspiegeln sind beide Partner dann zufriedener mit der Qualität ihrer Beziehung. Zudem neigen Menschen mit hohem Testosteronspiegel eher zum Einzelgängertum: Sie sind dominanter, wollen sich aber nicht binden und wirken auf andere abweisender. Und auch der Cortisolspiegel hat einen Einfluss auf Beziehungen: Stress am Arbeitsplatz überträgt sich – über den Umweg der schlechten Stimmung des betroffenen Partners – auch auf die Beziehungsqualität in der Partnerschaft. Aber all diese Befunde lassen offen, wie sich die Hormone auf das Verhalten und die Gefühle auswirken, wenn es sich nicht um romantische Beziehungen handelt, sondern um die Entstehung von Freundschaften.

Freundschaft auf dem Prüfstand

Dies stand nun im Zentrum der Experimente von Ketay und ihren Kolleginnen, bei denen sie nacheinander zwei Versuchsgruppen getestet haben. Die erste Gruppe bestand aus 26 Paaren von Probanden – es waren immer entweder zwei Frauen oder zwei Männer. Die Teilnehmer lasen ihrem Partner abwechselnd Fragen vor, die im Lauf des Experiments immer persönlicher wurden, oder beantworteten diese. Anfangs ging es zum Beispiel darum, wen sie gerne zum Abendessen einladen würden; gegen Ende des Versuchs sollten sie hingegen Fragen beantworten wie: "Wenn du heute Abend sterben würdest, ohne jegliche Chance, davor mit jemandem reden zu können – was würdest du am meisten bereuen, nicht gesagt zu haben?"

Bei der zweiten Versuchsgruppe mit 32 Paaren war das Ziel der Forscher, dass diese einander am Ende nicht so nahe standen. Sie mussten sich gegenseitig beschreiben, wie man zu verschiedenen Stellen am Universitätscampus kommt, spielten ein Geografie-Spiel, lasen einander vor und beantworteten danach Fragen zum Leseverständnis. Beide Gruppen gaben vor und nach der Partnerübung Speichelproben ab, damit ihr Testosteron- und Cortisolspiegel analysiert werden konnte. Außerdem sollten die Probanden auf einer Skala angeben, wie verbunden sie sich aktuell mit ihrem Experimentalpartner fühlten und ob sie diesem gerne noch näher wären oder nicht.

Die Auswertungen zeigten, dass niedrige Werte an Testosteron und Cortisol – neben in der Studie nicht erfassten anderen Hormonen – die Entstehung von sozialen Beziehungen scheinbar begünstigen. Wenn der Testosteronspiegel schon zu Beginn der Untersuchung niedrig war und währenddessen sank, fühlten sich die Probanden stärker mit ihrem Versuchspartner verbunden und wollten ihm näher sein. Die Forscher gehen aber davon aus, dass es auch eine Verbindung in die andere Richtung gibt: Wenn wir mit jemandem eine Beziehung aufbauen, sinkt unser Testosteronspiegel.

Niedrige Hormonspiegel sind förderlich

Auch beim Stresshormon Cortisol zeigten sich interessante Zusammenhänge zur Entstehung von Freundschaften. In der ersten Versuchsbedingung fühlten sich Probanden, die hohe Cortisolwerte hatten, weniger mit ihrem Partner verbunden und sehnten sich auch nicht nach mehr Nähe. Besonders spannend ist, dass dieser Effekt sich auf ihre Partner übertrug: Wenn jemand während des Versuchs sehr gestresst war, wollte der Übungspartner auch nicht so gerne mit ihm befreundet sein.