"Ob der Philipp heute still wohl bei Tische sitzen will?" Im "Struwwelpeter" selbstverständlich nicht. "Er gaukelt und schaukelt, er trappelt und zappelt" und reißt schließlich das Tischtuch mitsamt dem Essen zu Boden. Neben dem Zappel-Philipp widerfährt in dem berühmten Kinderbuch noch zahlreichen anderen Sprösslingen Unheil, weil sie nicht auf ihre Eltern hören wollen. Die Geschichten, geschrieben und gezeichnet von einem Frankfurter Psychiater, haben bereits unzählige Kinder auf der ganzen Welt begeistert, sind aber auch wegen der als brutal empfundenen Erziehungsmethode in Kritik geraten.

Der Struwwelpeter
© Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
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Im Urmanuskript des "Struwwelpeter" platzierte Heinrich Hoffmann die spätere Titelfigur noch auf der Rückseite.
Heinrich Hoffmann hatte das Kinderbuch ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für seinen damals dreijährigen Sohn angefertigt. Eigentlich wollte er ihm ein Bilderbuch kaufen. "Ich hatte in den Buchläden allerlei Zeug gesehen", schreibt er in seinen Lebenserinnerungen. "Als ich nun gar einen Folioband entdeckte mit den Abbildungen von … Bänken, Töpfen und Kesseln, alle mit der Bemerkung 1/3, 1/8, 1/10 der Lebensgröße, da hatte ich genug. Was soll damit ein Kind?"

Schließlich machte er sich 1844 selbst an die Arbeit und brachte die "lustigen Geschichten und drolligen Bilder" zu Papier. Das später in "Der Struwwelpeter" umbenannte Buch hatte seinen Zweck erfüllt. "Mein Söhnchen hatte seine helle Freude daran", schreibt Hoffmann stolz.

Hobby und Beruf

Aus einem Weihnachtsgeschenk wurde ein riesiger Erfolg. Schon einen Monat später waren bereits 1500 Exemplare verkauft. Hoffmann verfasste noch zahlreiche andere lustige Geschichten. Doch das Schreiben und Zeichnen war nur ein Hobby. "Ich lege diesen Sachen keinen sehr großen Wert bei."

Heinrich Hoffmann 1861
© Historisches Museum Frankfurt am Main
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Denn der am 13. Juni 1809 in Frankfurt am Main geborene Mediziner übte seinen Beruf mit Leib und Seele aus. Seit 1835 war er am Leichenschauhaus auf dem Friedhof in Sachsenhausen beschäftigt. Daneben ließ er sich als praktischer Arzt und Geburtshelfer nieder und arbeitete in einer Armenklinik. Von 1844 bis 1851 unterrichtete er zudem noch Anatomie am Senckenbergischen Institut.

Im Jahr 1851 ist er "endlich in eine definitiv ärztliche Stellung hineingeraten", die seinen Wünschen entsprach, berichtete Hoffmann einem Freund: Er wurde zum ärztlichen Leiter der Frankfurter "Anstalt für Irre und Epileptische".

Doch die Bedingungen in der alten Klinik gefielen ihm gar nicht. Das Haus in der Frankfurter Innenstadt erwies sich als vollkommen überbelegt, die Insassen wurden nicht nach Krankheitsbildern getrennt und hatten keinerlei Beschäftigungsmöglichkeit. "Die Patienten wurden einfach weggesperrt", erklärt Beate Zekorn-von Bebenburg, Leiterin des Struwwelpeter-Museum in Frankfurt.

Unheilbare Sünden

Hoffmann wollte das ändern. Er besuchte Psychiatrien in ganz Europa, um Ideen zu sammeln, wie er die Anstalt menschenfreundlicher machen konnte. "Meine Aufgabe war, alle Gebrechen unserer alten Anstalt zu erkennen und über unsere zukünftigen Bedürfnisse nachzudenken", schreibt er. Sein Ergebnis: Die Stadt brauchte einen Neubau.

Hoffmanns "Irrenschloss"
© Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin
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Heinrich Hoffmann errichtete in Frankfurt am Main auf dem Affensteiner Feld eine nach damaligem Maßstab äußerst moderne psychiatrische Klinik, die im Volksmund auch als "Irrenschloss" bezeichnet wurde.
Damals herrschte die Vorstellung vor, eine psychische Krankheit sei die Folge von Sünde und damit nicht heilbar. Menschen mit psychischen Störungen wurden eingesperrt, damit sie keinen Schaden anrichteten. Dass sie jemals wieder rehabilitiert werden könnten, erschien undenkbar. Einige naturwissenschaftliche Somatiker dagegen, wie etwa Wilhelm Griesinger (1817-1868), gingen davon aus, Geisteskrankheiten hätten körperliche Ursachen. Folglich mussten solche Patienten auch therapierbar sein.

Hoffmann vertrat diese moderne psychiatrische Schule, er verabscheute Zwangsjacken und Isolierzellen.
"Es muß vor allem so sein, daß der Eintritt des Arztes in eine Abteilung etwas vom Sonnenaufgang an sich habe"
(Heinrich Hoffmann)
"Heinrich Hoffmann verfolgte eine Therapie der Liebe", berichtet Zekorn-von Bebenburg. Diese Einstellung veranlasste ihn, mit einem enormen Engagement für eine neue psychiatrische Klinik zu kämpfen. Seine erste große Aufgabe war es nun, Geld für einen Neubau zu sammeln. Der Arzt gründete zu dem Zweck eine Bürgerinitiative, zerriss einen Stadtplan von Frankfurt in kleine Schnipsel und verteilte sie unter die Leute. Jeder sollte in dem ihm auf diese Weise zugewiesenen Teil der Stadt so viel Geld wie möglich zusammentragen.

Zeichnung von Heinrich Hoffmann
© Sammlung Hessenberg, Struwwelpeter-Museum
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Diese Aktion hatte großen Erfolg, und so wurde im Jahr 1859 mit dem Bau einer neuen Klinik auf dem Affensteiner Feld in Frankfurt begonnen. Hoffmann legte großen Wert darauf, dass das Gebäude hell und freundlich gestaltet wurde. Es sollte den Patienten "soweit als möglich den Verlust der Freiheit vergessen machen". So entstand ein Saal für Lesungen und Konzerte sowie ein großer Garten, und Hoffmann sammelte zahlreiche Bilder für die Flure. "Der Bau sollte nicht wie ein Gefängnis aussehen", erläutert Zekorn-von Bebenburg.

Fünf Jahre nach Baubeginn war die Anstalt bezugsfertig und öffnete sich den Kranken als eine der modernsten Kliniken ihrer Zeit. Sie beherbergte die Patienten nach Geschlecht und Krankheitsbild getrennt, war zweckmäßig eingerichtet und verletzte dennoch nicht das "Zartgefühl der Kranken".

Ordnung, Arbeit und Liebe

Hoffmann konnte sich nun endlich seinen Patienten zuwenden. Nach und nach gab er den Kranken immer weniger Medikamente und beschränkte seine Therapie auf "Ordnung, Arbeit, Teilnahme, Liebe, Freundlichkeit und Ernst, je nach Bedürfnis".

Hoffmann entwickelte erste Ansätze von Gesprächs- und Arbeitstherapie. Er ließ beispielsweise seine Patienten Zigarren drehen und Gemüse anbauen.
"Ich war und bleibe Optimist"
(Heinrich Hoffmann)
Diese waren so glücklich mit ihrem Arzt, dass sie sich immer wieder für seine "wahrhaft väterliche Fürsorge" bei ihm bedankten. So schrieb etwa ein Patient in einem Brief: "Sie bleiben fortwährend bemüht, einen recht unglücklichen Menschen, wie ich es bin, aus seinem Elende zu heben."

Die Irrenanstalt sah Heinrich Hoffmann als sein Lebenswerk. Er ging erst mit knapp 80 Jahren in den Ruhestand und starb am 20. September 1894 an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Lebenserinnerungen schließt er mit den Sätzen: "Ich war und bleibe Optimist. Die Menschen sind besser, als viele meinen."