Ein beliebter Spruch über die Tiefsee lautet, dass wir weniger über sie als über die Rückseite des Mondes wissen. Daran hat sich trotz aller Forschungen der letzten Jahre wenig geändert. Dabei findet sich in den lichtlosen Weiten Leben, das durchaus außerirdisch anmutet. Eine Ende Februar 2017 beendete Expedition des US-Forschungsschiffs "Okeanos Explorer" zum Archipel Amerikanisch-Samoa lieferte dafür wieder zahlreiche Beispiele. Das von der NOAA betriebene Schiff sollte über mehrere Jahre hinweg verschiedene Daten zur Artenvielfalt, Geologie und auch zur Archäologie in US-Meeresschutzgebieten im Pazifik erheben. Mit Hilfe von Tauchrobotern sammelten die beteiligten Biologen und Geowissenschaftler Tiere sowie Gesteinsproben in den praktisch völlig unerforschten Tiefseebereichen dieser Gebiete – und stießen dabei selbst 6000 Meter unter der Meeresoberfläche noch auf Leben.

Rund um Amerikanisch-Samoa existieren die typischen Korallenriffe nicht nur in der Nähe der Wasseroberfläche, sondern auch in der Tiefsee, wo die Forscher unter anderem Schwammriffe entdeckten. Diese werden, wie der Name schon andeutet, nicht durch Nesseltiere, sondern durch Schwämme aufgebaut. Insgesamt fanden sie auf den Tauchfahrten mindestens ein Dutzend bislang wissenschaftlich unbeschriebener Arten von Seesternen, Schwämmen, Korallen, Muscheln oder Quallen. Einige der spektakulärsten präsentiert die NOAA auf der Homepage der Expedition mit Bildern und Videos. Sehr begeistert hat die Forscher um Santiago Herrera von der NOAA beispielsweise eine Rippenqualle, die in bunten Farben blitzte und blinkte. Sie wurde am unterseeischen Vulkan Vailulu'u gefilmt, während sie durch das Wasser schwebte. Das Tier besitzt lange Tentakel mit haarähnlichen Fortsätzen, den Cilien, die einfallendes Licht (in diesem Fall vom Tauchroboter) brechen und in die Farben des Regenbogens zerlegen. Es kann dieses Lichtspiel wohl nicht selbst durch Biolumineszenz erzeugen.

Aus dem Film "Der kleine Horrorladen" entsprungen könnte eine Tiefsee-Anemone sein, die auf einer abgestorbenen Tiefsee-Koralle wächst. Sie ähnelt einer Venusfliegenfalle, und ähnlich wie die Fleisch fressende Pflanze schnappt sie zu, wenn Beute ihre Tentakel berührt. Laut Herrera besitzen die Tiere wahrscheinlich Nesselzellen mit Gift, die bei Kontakt das Toxin mittels winziger Torpedos in den Körper des Opfers jagen.

An einem weiteren Unterwasserberg namens Utu stießen die Forscher bei einer Tauchfahrt in etwa 3000 Meter Tiefe auf eine Qualle, die wie ein Ufo wirkt. Durch die durchsichtige Hülle sieht man die gelben Fortpflanzungsorgane und das rote Verdauungssystem. Die zwei Reihen entgegengesetzter Tentakel dienen höchstwahrscheinlich dazu, Beute zu fangen und zu überwältigen. Unterwasserberge sind in den Weiten der Ozeane so etwas wie Oasen: Hier steigt kaltes und nährstoffreiches Tiefenwasser auf und verbessert damit die Lebensbedingungen, wovon zahlreiche Arten profitieren. Wegen ihrer überragenden Bedeutung für die Artenvielfalt und als Kinderstube vieler Fischarten plädieren zahlreiche Forscher dafür, sie unter strengen Schutz zu stellen.

An der Grenze zischen der Wirtschaftszone der Cook-Inseln und jener von Amerikanisch-Samoa befindet sich der Leoso-Unterwasserberg. Dort filmten die Biologen ein Mitglied der Hydrozoen – eine eigene Klasse von Nesseltieren, die normalerweise fest am Meeresgrund verankert sind. Ob sie mit ihrem merkwürdigen Auswuchs Beute anlocken, die sie dann in ihr zweistufiges, mit Tentakeln umkranztes Maul saugen, ist nicht bekannt.

In der Tiefsee leben allerdings auch höhere Lebewesen wie Fische. Besonders fasziniert hat Herrera und Co dabei eine Panzerknurrhahnart, die auf ihren Flossen wie mit Beinen über den Meeresgrund "läuft". Neben ihrem Maul wachsen zwei gabelförmig nach vorne gerichtete Hörner, deren Bedeutung ebenfalls noch unklar ist.