Herr Professor Kotrschal, wie wahrscheinlich ist es, dass ein Wolfsrudel die Wanderin in Griechenland angegriffen und getötet hat?

Bis der Fall eingehend untersucht wurde, bin ich skeptisch. Wie in vielen anderen Ländern gibt es in Griechenland starke Bewegungen gegen den Wolf. Daher tauchen solche Geschichten gerne auf. Natürlich ist es möglich, dass eine einzelne Person von Wölfen angegriffen wird, aber es würde mich wundern. Sowohl die Bissspuren, die an den Überbleibseln des Körpers der Frau festgestellt wurden, als auch die Tatsache, dass Teile des Körpers der Frau fehlen, kann auf Wölfe hindeuten. Allerdings schließt das auch große Hunde als Täter nicht aus. In Griechenland gibt es ja verwilderte Hunde, und bei Schafen haben sich in der Vergangenheit viele Wolfsrisse als Hunderisse herausgestellt. Auf tollwütige Tiere dagegen deuten die Funde eher nicht hin: Sie beißen unterschiedslos irgendwo hin, zerlegen aber ihre Opfer danach nicht. Um es auf den Punkt zu bringen: Ohne einen DNA-Nachweis kann man nicht wissen, ob Wölfe die Frau getötet haben.

Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen Wölfe Menschen angegriffen oder getötet haben?

In Europa hat es schon lange keine Unfälle mehr mit Wölfen gegeben. Im so genannten NINA-Report haben internationale Wolfexperten im Jahr 2002 weltweite Fälle zusammengetragen, bei denen Wölfe Menschen attackiert haben. Vorrangig sind das historische Ereignisse aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Zu den Zeiten waren die europäischen Wälder praktisch wildfrei. Heute ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich Wölfe an lebenden Menschen vergreifen. Der derzeitige Hype um den Wolf ist vollkommen ungerechtfertigt. In den Vororten von Berlin laufen beispielsweise Wildschweine herum und verletzen dort Menschen. Trotzdem ist die Angst vor ihnen nicht groß. Genauso verhält es sich mit Pferden, die jedes Jahr Menschen töten.

Unter welchen Umständen greifen Wölfe einen Menschen an?

Das passiert hauptsächlich, wenn sie hungrig sind. Dies wird umso wahrscheinlicher, je geringer die Wilddichten im Wald sind.

In Deutschland oder Österreich nehmen die Wolfbestände zu. Wird es dadurch nicht wahrscheinlicher, von einem Wolf bedroht zu werden?

In Deutschland gibt es derzeit um die 600 Wölfe. Und was ist bisher passiert? Nichts. Abgesehen von ein paar Schafen, die zu Schaden gekommen sind. Aber weder Hunde noch Menschen wurden je von einem Wolf angegriffen, seit diese nach Deutschland zurückkehrten. Das heißt nicht, dass das nie passieren kann, denn das kann man bei Wölfen nicht sagen. Dass sie etwas jahrelang nicht gemacht haben, heißt nicht, dass man das nicht morgen bei ihnen erleben kann. Wie Raben und Menschen gehören sie zu den innovativen Tieren. Dennoch ist es sehr unwahrscheinlich, dass man in Deutschland von Wölfen attackiert wird. Die Wälder sind voll mit Wild, das die Raubtiere fressen können.

Außerdem ist das Management, das in Deutschland momentan läuft, klug. Es wurden bisher zwei Wölfe abgeschossen, die die Distanz zum Menschen verloren hatten. Ich kann vertreten, dass man da rasch reagieren muss, denn wild lebende Wölfe würden sich auch nicht für eine Gehegehaltung eignen.

Kürzlich ist ein kurzweiliges Video aus Hoyerswerda in Sachsen aufgetaucht, in dem zwei Forstarbeiter, die den Waldrand säuberten, von zwei Jungwölfen begutachtet wurden. Die Tiere waren zwar neugierig, aber nicht zudringlich. Bei jeder Bewegung sind sie sofort auf ein paar Meter Distanz zurückgesprungen. Bedrohlich hat das nicht ausgeschaut, und für junge Wölfe ist dieses Verhalten normal. Wenn das ein älterer Wolf machen würde, hätte ich Bedenken. Die Forstarbeiter haben jedoch meines Erachtens nicht richtig reagiert.

Wie sollte man sich denn verhalten, wenn man auf einen Wolf trifft?

Wenn man einem Wolf im Wald begegnet, sollte man sich erst einmal freuen, einen Wolf zu sehen. In den allermeisten Fällen ist es das Beste, in eine andere Richtung gehen. Da die Wölfe den Forstarbeitern so nahe gekommen sind, hätten sie einen Stein oder Ast vom Boden aufheben und auf die Tiere werfen sollen. So lernen diese, dass Menschen keine netten Zeitgenossen sind. Und das ist eine gute Erfahrung für einen frei lebenden Wolf. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolf so nahe kommt, ist gering, denn im Großen und Ganzen sind sie sehr scheu. Selbst wenn ein Wolf in der Nähe ist, merkt man das in den meisten Fällen nicht. Sollte sich ein Wolf doch annähern oder ein paar Meter entfernt stehen bleiben, ist es durchaus zu empfehlen, etwas auf ihn zu werfen. Einem Bären gegenüber wären Sie damit wiederum nicht gut beraten, die sind da ein bisschen humorlos.