Angeblich kann es jeder. Briefträger, Hausfrauen, Finanzbeamte, sogar Online-Redakteure – sie alle sind nach Meinung von Sportwissenschaftlern in der Lage, mit der richtigen Vorbereitung einen Marathonlauf zu bewältigen. 42,195 lange Kilometer zu Fuß und am Stück. Ein bisschen Training muss schon sein, doch bei regelmäßiger ärztlicher Kontrolle braucht niemand um seine Gesundheit oder gar sein Leben zu bangen. In Anbetracht des Volkssport-Charakters, den Marathonlaufen langsam annimmt, drängt sich die Frage auf, warum der antike griechische Vorläufer seinen Einsatz damals mit dem Leben bezahlen musste. War er etwa weniger fit als unsere heutigen Hobbyrenner?

Ein Blick in die Quellen der griechischen Historiker lässt die Mär von der schlechten Fitness rasch unter den Tisch fallen. Athens Kämpfer hatten durchaus eine beachtliche Kondition. Ihre übliche Angriffsmethode war, in Rüstung und Waffen auf den Gegner zuzulaufen, um möglichst nur für kurze Zeit den Bogenschützen ein Ziel zu bieten und den Feind mit Wucht niederzustrecken. Dieser "Waffenlauf" war sogar eine der klassischen olympischen Disziplinen. So kleine Sprints mit Schwert und Schild – die dürften ein gewisses Quäntchen an Kraft voraussetzen.

Um die Ausdauer wird es auch nicht schlechter bestellt gewesen sein. Der Mangel an fortgeschrittenen Methoden zur Telekommunikation machte immer mal wieder Läufe über wirklich lange Strecken nötig. So legte der Heroe Pheidippides kurz vor der Schlacht mehr als 200 Kilometer zurück, um die Spartaner zur Hilfe gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Perser zu holen. An einem Tag aufgebrochen erreichte er sein Ziel am nächsten. Dort fiel er keineswegs tot um, erfuhr jedoch zu seinem Kummer, dass die Spartaner gerade aus religiösen Gründen sehr beschäftigt waren und erst beim nächsten Vollmond in sechs Tagen aufbrechen konnten. Mit dieser wenig erfreulichen, aber überaus wichtigen Meldung musste Pheidippides also auch noch zu seinem Heer, was abermals eine schöne Laufstrecke gewesen sein mag. Und brach er dort etwa tot zusammen? Nein! Einen echten Läufer aus Athen brachte so schnell nichts um.

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© Sky & Telescope/ Casey B. Reed
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Auch kein Perser, gegen deren Streitmacht die Athener nun alleine antreten mussten. Herodot berichtet, dass rund 10 000 Griechen gegen die zwei- bis dreifache Anzahl Perser im wahrsten Sinne des Wortes anrannten und etwa 6 400 von ihnen töteten bei nur 192 Mann eigenen Verlusten. Die Besiegten retteten sich auf ihre Schiffe und fuhren zum Schrecken der Griechen in Richtung Athen, das ohne seine Soldaten schutzlos dalag. Wieder musste ein Bote her, der einerseits die Nachricht vom Sieg und zugleich die Warnung vor der persischen Flotte überbringen sollte. Wer diesen namensgebenden Prototyp des modernen Marathonlaufs von Marathon nach Athen bewältigt hat, lässt sich nicht zweifelsfrei klären. Auf jeden Fall soll er bei seiner Ankunft ausgerufen haben: "Wir haben gesiegt!" – und daraufhin schlagartig verstorben sein. Ein griechischer Spitzenathlet, nach lediglich 42 Kilometern, die jeder heutige Büroangestellte schafft. Da kann doch etwas nicht stimmen, oder?

Auch der Astronom Donald Olson von der Texas State University und einige seiner Kollegen wunderten sich über dieses rätselhafte Ende des Laufs. Die Wissenschaftler stellten daher einige Nachforschungen an und führten Berechnungen durch, die sie zu dem Schluss brachten: Der Mond ist schuld! Die alten Griechen nutzten nämlich zur Zeitrechnung Mondkalender, die sie dann und wann mit Hilfe der Tagundnachtgleichen in Frühling und Herbst neu kalibrierten. Aus den Angaben in den Quellentexten schloss im 19. Jahrhundert der deutsche Gelehrte August Böckh, dass die Schlacht bei Marathon am 12. September 490 v. Chr. stattgefunden hat. Dabei hatte er sich jedoch auf den Mondkalender Athens gestützt, der akkurat geführt wurde – und leider mitunter vom weniger penibel gepflegten Mondkalender Spartas abwich. Ausgerechnet im betreffenden Zeitraum gab es zwischen der Herbst-Tagundnachtgleiche des Vorjahres und der Sonnenwende 490 v. Chr. zehn anstelle der üblichen neun Neumonde, fanden Olson und seine Kollegen heraus. Böckh hatte diesen Umstand sowie die daraus folgenden Unterschiede zwischen dem athenischen und dem spartanischen Kalender nicht berücksichtigt, was ihn zu einem falschen Datum führte. Nicht Mitte September kämpften Griechen und Perser bei Marathon, sondern bereits am 12. August (nach dem aktuellen gregorianischen Kalender war es sogar schon der 5. August).

Nun wäre das Datum an sich nur für verbissene Historiker von Interesse, wenn da nicht die Erfahrung unzähliger Griechenland-Touristen wäre: Im Sommer ist es heiß um Athen. Glaubt man der Statistik, dann herrschen im September Temperaturen bis 29 Grad Celsius. Im August liegt aber schon der Mittelwert um 33 Grad Celsius, das Maximum erreicht durchaus 40 Grad Celsius. Der Tag des ruhmreichen Marathonläufers sah demnach so aus, dass er nach dem Aufstehen eine anstrengende Schlacht mit aggressiven Persern hatte und ohne Verschnaufpause in voller Bewaffnung unter sengender Sommersonne so schnell wie möglich nach Athen eilen musste, um seine Mitbürger zu warnen. Mag er noch so gestählt und durchtrainiert gewesen sein – es ist kein Wunder, wenn ihn nach dieser Tortour ein Hitzschlag dahingestreckt hat.

Immerhin haben die Menschen gelernt aus jener Geschichte. Mögen sie auch noch immer nicht von den Kriegen lassen, so beachten sie inzwischen beim Sport die Wetterlage. Darum startet der Marathonlauf im olympischen Jahr 2004 erst in den Abendstunden des 29. August und beendet hoffentlich ohne gesundheitliche Folgen für die Beteiligten die Spiele.