"Ich nahm ein edles Weinglas vom Tisch und schlug mit der Faust darauf ein, mit aller Kraft, und dachte zugleich darüber nach, wie gefährlich es wäre, dies im Wachzustand zu tun. Doch das Glas blieb unversehrt. Aber sieh! Als ich es nach einiger Zeit wieder betrachtete, war es kaputt. […] Ich hatte das seltsame Gefühl, in einer falschen Welt zu sein, schlau imitiert, aber mit kleinen Fehlern."

Kaum Beachtung findet heute die Erfahrung, die der Niederländer Frederik van Eeden in seiner bald einhundert Jahre alten Arbeit "The Study of Dreams" berichtet: Dem Schlafenden wird im Traum bewusst, dass er träumt. Obgleich Menschen schon seit Jahrtausenden von solchen Träumen berichten, wie Aristoteles in seinem Aufsatz "Über Träume" oder der Heilige Augustinus in einem Brief aus dem Jahre 414, unternahm erst Van Eeden den Versuch, ihrer wissenschaftlich habhaft zu werden. Von ihm stammt auch der Begriff "luzide Träume", später auch als "Klarträume" übersetzt.

Berichte von luziden Träumen rangieren von schwächeren Formen, in denen sich der Träumer seines Zustands nur kurz bewusst wird, bis zu den stärksten und wohl auch interessantesten: Der Träumer gelangt zu voller geistiger Klarheit und Handlungsfähigkeit, die Intensität der Wahrnehmung und Gefühle nimmt sprunghaft zu, die Traumwelt erscheint stabiler und stimmiger als gewöhnlich, und die Erinnerung reicht zurück bis in den Wachzustand. Anstatt sich passiv vom Geschehen treiben zu lassen, kann der Träumer die Traumwelt nach seinem Willen beeinflussen.

Auch wenn sich nur etwa ein Viertel der Bevölkerung an ein Klartraumerlebnis erinnert, sollte – mit Geduld und Disziplin – praktisch jeder dazu fähig sein. Eine der bekanntesten Techniken zur Induktion von luziden Träumen stammt von Paul Tholey, der an der Universität Frankfurt Ende der 1950er Jahre mit den ersten systematischen Klartraum-Studien begann. Dabei fragt sich der angehende Klarträumer tagsüber regelmäßig, ob das gerade Erlebte nicht einem Traum entspringt. So soll er das kritische Denken auch im Schlaf schärfen, um verdächtige Hinweise während des Träumens zu erkennen. Tholey selbst benötigte vier Wochen, bis es so weit war. Auch geübte Klarträumer gelangen nur in einem Bruchteil ihrer Träume zur Luzidität, meist in den frühen Morgenstunden, die Dauer beträgt selten mehr als ein paar Minuten.

Funktioniert der Lichtschalter?

Defekter Lichtschalter?
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Schöpft der Träumer einmal Verdacht, kann er sich durch Realitätstests versichern, dass er sich in einem Traum befindet. Klarträumer berichten übereinstimmend, dass elektrische Geräte wie auch Lichtschalter im Traum schlecht funktionieren oder sich Texte beim mehrmaligen Hinschauen verändern – oft ist allein die Fähigkeit zu fliegen Beweis genug. Häufig finden sich aber auch Traumerfahrungen, in denen sich schnell Gründe für das Versagen des Realitätstests finden, etwa defekte Technik oder fehlende Batterien. Noch absurder wirkt es, wenn Träumer ihre Fähigkeiten wie das Fliegen fälschlicherweise als Beweis für die Wachheit interpretieren.

Die nach Objektivität strebende Naturwissenschaft tut sich verständlicherweise schwer mit der Behandlung solcher rein subjektiver Phänomene. Doch luzide Träume bieten Wissenschaftlern einen einzigartigen Zugang in die Traumwelt. Dabei machen sie sich zu Nutze, dass Schlafende während der so genannten REM-Schlafphasen (Rapid Eye Movement) die Augen bewegen, obgleich der übrige Körper weit gehend gelähmt ist – die Vermutung liegt nahe, dass die beobachtete Augenbewegung mit der im Traum übereinstimmt. So gelang den Forschern Stephen LaBerge in den Vereinigten Staaten und Keith Hearne in England Ende der 1970er Jahre unabhängig voneinander der erste experimentelle Nachweis für Klarträume: Luzide Träumer erhielten die Aufgabe, während des Klartraums eine charakteristische Augenbewegung auszuführen, die die Traumforscher tatsächlich beobachten und mit einer Electrookulografie – einer Spannungsmessung mit im Gesicht befestigten Elektroden – messen konnten.

Klartraum-Boom in den 1980ern

Damit läuteten sie einen Boom in der Klartraumforschung ein, der sich ab 1981 sogar eine eigene wissenschaftliche Zeitschrift, der Lucidity Letter, widmete. Wenn auch ein Großteil der dort veröffentlichten Ergebnisse, wie etwa Tholeys Untersuchung der Rechengewandtheit verschiedener Traumfiguren, strenge Wissenschaftler eher zum Schmunzeln – oder Erschauern – veranlassen, so ergaben sich dennoch einige handfeste Befunde. LaBerge konnte beispielsweise einen Zusammenhang zwischen messbaren physiologischen Parametern, wie der Atemfrequenz oder der elektrischen Leitfähigkeit der Haut, und der erlebten Aktivitäten im Traum zeigen.

Bis heute hat nur eine Handvoll Forscherteams luzide Träume untersucht, stets bemüht um die Abgrenzung von sich wissenschaftlich gebenden Scharlatanen. Fachzeitschriften hadern nach wie vor mit Veröffentlichungen, umso schwieriger ist daher die Suche nach Forschungsgeldern und Anerkennung in der wissenschaftlichen Gemeinschaft.

Training im Schlaf

Daniel Erlacher
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Das spürt auch der Sportwissenschaftler und Psychologe Daniel Erlacher an der Universität Heidelberg, der gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zu den wenigen Wissenschaftlern gehört, die sich noch an die Erforschung luzider Träume wagen. "Auf die Frage, wieso sich nicht mehr für dieses Thema interessieren, habe ich keine Antwort", meint Erlacher, der sein Handwerk in Stephen LaBerges Schlaflabor in Stanford lernte und in seiner Promotion an eine Idee von Tholey anknüpft, der berichtete, mehrere Sportarten in luziden Träumen trainiert und so gelernt zu haben.

Ein ähnlicher Lerneffekt ließ sich schon für das verbreitete mentale Training zeigen, bei dem Sportler Bewegungsabläufe allein in der Vorstellung ausführen. Der Befund ist nicht überraschend, zeigt sich doch in Teilen des Motorkortex – wo Bewegungsabläufe gesteuert werden – eine ähnliche Aktivierung wie bei einer echten Bewegung. "Das Training im Klartraum sollte noch effektiver wirken", vermutet Erlacher, denn der Sportler hat die subjektive Wahrnehmung, die – gleichwohl allein im Kopf stattfindende – Übung tatsächlich auszuführen.

"Vor allem die Probandensuche ist schwierig"
(Daniel Erlacher)
Klartraumforschung ist jedoch ein mühsames Geschäft, und so steht der Beweis noch aus. "Vor allem die Probandensuche ist schwierig", so Erlacher. Doch auch im Traum lauerten weitere Fallen: Manche konnten sich nicht mehr an die Aufgabe erinnern, flogen bei Kniebeugen versehentlich an die Decke oder fanden keine Münzen, mit denen sie das Zielwerfen üben sollten. Wieder andere verknoteten sich bei Fingerübungen die Finger oder machten sich vergeblich auf die Suche nach einem Klavier. Auch wenn sich erste Hinweise auf einen Effekt ergaben, gibt Erlacher zu: "Die Signifikanz ist anzweifelbar. Das bekomme ich regelmäßig um die Ohren gehauen."

Zeitmessung in der Traumwelt

Klartraum-Messung
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Doch schon Erlachers Vorstudien liefern Ergebnisse, die uns bislang verborgene Einblicke in die Traumwelt geben. So erhielten seine Probanden die Aufgabe, bis fünf zu zählen und zehn Kniebeugen zu machen und jeweils Anfang und Ende der Übung mit Augenbewegungen zu markieren – etwa ein Dutzend Mal konnten die Versuchspersonen die Aufgabe ausführen. Die Zeitwahrnehmung beim Zählen im Traum wich kaum von der Zeitwahrnehmung im Wachzustand ab, nur die Kniebeugen dauerten im Klartraum etwa um die Hälfte länger. Wenn auch die Messergebnisse von Person zu Person stark variierten: immerhin ein quantifizierbares Ergebnis und eine kleine Sensation in der Traumforschung. "Doch auch die Kniebeugen-Studie war schwierig zu veröffentlichen", klagt Erlacher.

"Das Klarträumen schärft eher die kritische Wahrnehmung"
(Daniel Erlacher)
Die Befürchtung, dass Klarträumer den Sinn für Realität verlieren, teilt er nicht: "Wenn man nicht schon eine Disposition mitbringt, schärft das Klarträumen eher die kritische Wahrnehmung." Als er den ersten Klartraum gemessen hatte, sprang er noch vor Glück durchs Schlaflabor. Inzwischen haben abgelehnte Forschungsanträge und Veröffentlichungen seinen anfänglichen Idealismus allerdings gedämpft: "Mein Herz hängt immer noch daran, aber ich muss mich um andere Sachen kümmern." Schon die Traumforschung gilt als "exotisch", obwohl Hirnforschung zur Zeit mit Aufmerksamkeit überschüttet wird. "Wer nicht reinkommt ins Karussell, hat verloren – das gilt für die Traumforschung wie für die Klarträume. Vielleicht kommt wieder eine neue Forschergeneration, die sich ernsthaft für luzide Träume interessiert", hofft Daniel Erlacher.

Die Philosophie entdeckt die Träume wieder

Mehr noch als die Naturwissenschaft ließ die Philosophie das Thema Träume lange Zeit wenig beachtet. Schuld ist vor allem der Philosoph Norman Malcolm, der um 1950, gerade als der REM-Schlaf entdeckt wurde, Träumen den Status als bewusste Erfahrungen aberkannte. Erst seit dem letzten Jahrzehnt betrachten Bewusstseinstheoretiker wie Thomas Metzinger an der Universität Mainz dieses Thema wieder ausführlicher – schließlich kann eine umfassende Beschreibung des Bewusstseins das Erleben in Träumen kaum ignorieren. Schon die Tatsache, dass bewusstes Erleben ohne äußere Reize und Interaktion mit der Umwelt existieren kann, ist – vom philosophischen wie vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus – keinesfalls selbstverständlich.

"Träume sind ein interessanter Testfall für allgemeine Bewusstseinstheorien"
(Jennifer Windt)
Auch die Philosophin Jennifer Windt, die an der Universität Mainz eine Dissertation zum Thema Träume und Bewusstsein schreibt, findet: "Träume sind ein interessanter Testfall für allgemeine Bewusstseinstheorien." Um sich an der aktuellen Kontroverse zu beteiligen, ob Träume dem normalen Wachsein oder vielmehr krankhaften Bewusstseinszuständen gleichen, möchte sie zunächst eine eigenständige Theorie des Traumbewusstseins entwickeln. "Die feinen Unterschiede zwischen dem Träumen und Wachen werden schnell übersehen", warnt sie. Besonders über die Eigenheiten der luziden Träume, die Aspekte des Wachzustands mit dem bizarren Traumerleben mischen, herrscht bei genauem Hinsehen größte Uneinigkeit. So zeigt ein kritischer Blick auf Traumberichte, dass luzide Träumer ihre geistige Fähigkeit, wie Erinnerungsvermögen oder logisches Denken, im Traum eher überschätzen. "Doch systematische Untersuchungen dazu gibt es bislang kaum", sagt Jennifer Windt. Auch die Beeinflussung des Traumgeschehens scheint ihre Grenzen zu haben – je stärker Klarträumer willentlich in die Traumwelt eingreifen, desto weniger real erscheint sie ihnen.

Descartes' Gedanken am Kamin

Für die Philosophie sind Klarträume auch vom erkenntnistheoretischen Standpunkt aus interessant. Schon Descartes erkannte, dass es keine Möglichkeit gibt, eindeutig festzustellen, ob man wacht oder träumt – so bildete der methodische Zweifel die Grundlage seines philosophischen Denkens. In diesem Dilemma stecken auch die Klarträumer – nur stellen sie sich diese Frage auch im Traum. Heute lassen sich Philosophen wie Thomas Metzinger von neurowissenschaftlichen Ergebnissen inspirieren und helfen im Gegenzug den Forschern, sinnvolle Begriffe und Fragestellungen zu formulieren.

Proband im Schlaflabor
© Daniel Erlacher
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Die Idee dieses gemeinsamen Forschungsansatzes ist nicht neu, die Naturwissenschaft allein stößt bei solch subjektiven Phänomenen schnell an ihre Grenzen. Doch herrschen noch immer viele Missverständnisse zwischen den beiden Disziplinen. "Die Diskussion um den 'Freien Willen' ist ein sehr gutes Beispiel", so Windt. Schenken die Philosophen wie Naturwissenschaftler dem Phänomen Klartraum ihre Anerkennung, dann sollten sie daraus noch einiges mehr lernen können. Allein die Erkenntnis, dass Klarträumer ihr Erleben als Traum entlarven, rüttelt an den Fundamenten der Philosophie. So meint auch Daniel Erlacher: "In den Klartraumberichten sind noch so viele Details, die gezielter untersucht werden könnten."

Luzide Träume als innere Welt

Anders als in westlichen Kreisen ist das Wissen um Klarträume in fernöstlichen Kulturen seit langem weit verbreitet – sie bilden einen elementaren Bestandteil der buddhistischen Meditationspraxis. Das höchste Ziel ist hier nicht die Kontrolle des Traumes, sondern vielmehr die Aufrechterhaltung des Bewusstseins im Schlaf bis zur Auflösung der Traumwelt und des Selbst – luzider Traum gilt nur als eine Zwischenstufe.

"Der biologische Cyberspace in unseren Köpfen ist reicher und realistischer als alle Computerwelten"
(Thomas Metzinger)
In unserer reizüberfluteteten Welt dagegen geht das Bewusstsein für die geistige Welt wie auch für die Träume mehr und mehr verloren. So bemerkt auch Thomas Metzinger: "Wir basteln uns mühsam künstliche virtuelle Welten. Der biologische Cyberspace in unseren Köpfen dagegen ist reicher und realistischer als alles, was der Computer auf absehbare Zeit liefern wird. Wäre es nicht eleganter, zunächst die neurobiologischen Geschenke von Mutter Natur anzunehmen, bevor wir unsere innere Lebenswelt durch mediale Umwelten versklaven?"