Die Fluten von Braunsbach im Kochertal oder Triftern in Niederbayern könnten ein Vorgeschmack sein. Um etwa die Hälfte mehr Starkregenfälle, vermuten Fachleute, könnte der Klimawandel Deutschland in Zukunft bringen. Und damit auch häufigere Überschwemmungen und verheerende Sturzfluten.

Doch dass Starkregen in Deutschland erhebliche Schäden anrichtet, liegt aber nicht unbedingt am Klimawandel – Unwetter wie am 29. Mai oder 1. Juni 2016 gehören zum mitteleuropäischen Wetter, wie zum Beispiel das Unwetter von Münster am 28. Juli 2014 zeigt: An jenem Tag fielen dort in sieben Stunden 292 Liter pro Quadratmeter – das Fünffache der Regenmenge, die der Deutsche Wetterdienst (DWD) als extremes Unwetter betrachtet. Ursache war Warmluft, die an einer Luftmassengrenze aufstieg.

Der gleiche Effekt ist auch für die aktuellen Unwetter verantwortlich. Erst zog das Tiefdruckgebiet Elvira am Wochenende warme Luft von Südosten aus dem Mittelmeerraum heran, die in den Tagen zuvor für das schwüle Wetter verantwortlich war. Mit der Rotation des Tiefdruckgebiets drängte im weiteren Verlauf von Südwesten Kaltluft heran und drückte die feuchtwarme Luft nach oben.

Sehr langsame Kaltfront

Dabei kühlt sich die Luft ab, der Wasserdampf kondensiert und bringt schwere Gewitter und ergiebige Niederschläge. Dass die Niederschlagsmengen an einigen Orten so extrem hoch sind, lag an einer Besonderheit der Front: Sie bewegte sich sehr langsam, so dass der gesamte Niederschlag auf einer ungewöhnlich kleinen Fläche niederging. Schuld daran war laut dem Deutschen Wetterdienst ein "auch in mittleren und höheren Atmosphärenschichten vorhandenes, fast stationäres Tief", das sich über Tage kaum fortbewegte und damit großen Teilen Deutschlands immer wieder Gewitter bescherte.

Auf Elvira folgte nun Friederike. Die stationären Tiefdruckgebiete über Zentraleuropa sind auch ein jahreszeitlich bedingtes Phänomen, das seine Ursache im Temperaturgegensatz von Land und Meer hat. Die Ozeane um Europa herum heizen sich nur sehr langsam auf, während die Luft über dem Land deutlich wärmer ist – jener Effekt, der in den Tropen alljährlich den Monsun auslöst. Die warme Luftmasse hat eine geringere Dichte, was sie erstens zu einem Tiefdruckgebiet macht und sie zweitens aufsteigen lässt wie einen Heißluftballon. Die kühlere, aber mit Feuchtigkeit gesättigte Luft strömt von Europas Meeren nach und pumpt derzeit das Mittelmeer direkt in unsere Keller.

Eigentlich war die feuchte Luft aus dem Mittelmeer schon vorübergezogen. Doch das Tief Friederike verlagerte sich am Dienstag von Polen her nach Deutschland und brachte die zuvor nach Nordosten abgedrängten feuchtwarmen Luftmassen wieder in die meisten Bereiche Deutschlands zurück, so der DWD: "Gleichzeitig wird die derzeit sehr beständige Großwetterlage 'Tief Mitteleuropa' aufrechterhalten, die für den Gewittersumpf mit nur schwachen Luftdruckgegensätzen sorgte und weiterhin sorgt." Es handelt sich um sehr feuchte Luftmassen, die sich nur langsam fortbewegen und örtlich unwetterartig ausfallen können – wie in Triftern, wo sich ebenfalls Wassermassen durch den Ort wälzten und der Katastrophenalarm ausgelöst werden musste.

Verbauung als Faktor?

Ein wichtiger Faktor bei Überschwemmungen durch Starkregen ist dichte Bebauung. Das Wasser kann nicht versickern, dadurch fließen die Niederschläge sehr schnell in Bäche und Flüsse. Die können die Wassermassen nicht mehr fassen und treten über die Ufer – ein Grund, weshalb die Ballungsräume Hamburg, Berlin und das Ruhrgebiet ein Vielfaches der Sturzfluten und Überschwemmungen erleben, als sie rechnerisch sollten. In Braunsbach traf dies allerdings weniger zu, auch wenn drei Bäche durch den Ort fließen. Die Niederschläge waren in relativ kurzer Zeit so heftig, dass die Bachbetten sie einfach nicht mehr fassen konnten.

Anders als Flusshochwasser, von denen man weiß, wo man mit ihnen rechnen muss, und die mehrere Tage Vorwarnzeit gewähren, treten Überschwemmungen und Sturzfluten durch extreme Regenfälle auch außerhalb ausgewiesener Risikogebiete in ganz Deutschland auf und sind ebenso wenig genau vorherzusagen wie Tornados. Das liegt daran, dass sie mit wenigen Minuten bis drei Stunden Länge oft recht kurz sind und vergleichsweise kleine Gebiete betreffen.

Gefährliche Strömung schon bei flachem Wasser

Warnungen sind deswegen nur für ganze Regionen möglich, und die allermeisten Orte, die von diesen Warnungen betroffen sind, erleben gar keinen Starkregen. Das führt dazu, dass viele Menschen die Gefahr unterschätzen. Dabei sind Szenarien wie am 29. Mai in Braunsbach äußerst gefährlich: Gerade in hügeligen Regionen kann fließendes Wasser hohe Geschwindigkeiten erreichen. Schon wenige Zentimeter tiefes Wasser kann Menschen von den Beinen reißen und Autos wegspülen. Große Sturzfluten entwurzeln ganze Bäume.

Die Auswirkungen solcher Extremereignisse hängen stark von den lokalen Gegebenheiten ab – eine angepasste Stadtplanung und ein vorausschauendes Wassermanagement können die Folgen deutlich verringern. So empfahl der Deutsche Städtetag 2015 den Kommunen unter anderem, dem Wasser auf dem Stadtgebiet mehr Raum zu lassen, statt wie bisher zu versuchen, es möglichst effektiv abzuleiten. Städte sollten Rückhaltebecken schaffen, Grünanlagen als Senken anlegen oder unbebaute Notabflüsse schaffen. Ganz verhindern kann man Überschwemmungen durch Starkregen aber nicht – manchmal kommt einfach zu viel Wasser vom Himmel.

Dieser Artikel wurde am 2. Juni 2016 um 9.15 Uhr aktualisiert.