Rund 60 Staudämme möchte die brasilianische Regierung in den nächsten Jahren im Amazonasbecken errichten, hunderte weitere planen benachbarte Staaten in der wasserreichen Regenwaldregion. Doch diese Kraftwerke leisten keinen nachhaltigen Beitrag zu einer sauberen Stromversorgung und schaden dem Klima zumindest mittelfristig durch ihre Emissionen. Zu diesem Schluss kommt eine umfassende Bestandsaufnahme der südamerikanischen Energiepläne für Amazonien von James Randall Kahn von der Washington and Lee University in Lexington und seinen Kollegen. Sie mehren damit die Zahl kritischer Veröffentlichungen zum Thema, das auch in der Öffentlichkeit immer wieder für heftige Diskussionen sorgt und Proteste auslöst – etwa im Fall des höchst umstrittenen Projekts Belo Monte am Rio Xingu, einem Zufluss zum Amazonas.

Am Rio Negro
© NASA
(Ausschnitt)
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Noch sind viele wichtige Zuflüsse des Amazonas unverbaut – wie der Rio Negro, der hier während der trockeneren Jahreszeit aufgenommen wurde. In der Regenzeit steigt der Strom so stark an, dass die Inseln darin untergehen.

Für ihre Studie werteten die Forscher unter anderem Ergebnisse früherer Staudammbauten aus, die wie der Balbina-Damm seit einigen Jahren und Jahrzehnten am Netz sind, aber schwere ökologische Schäden hinterlassen haben. Das Amazonasbecken gleicht im Prinzip einer flachen Schüssel, in den die Flüsse meist träge dahinfließen, ohne sich tiefer in die Landschaft einzuschneiden. Dadurch überfluten die Stauseen oft riesige Gebiete, in denen die Vegetation allerdings in der überwiegenden Zahl der Fälle nur unzureichend vor dem Aufstauen entfernt wird. In der Folge stehen anschließend große Waldflächen unter Wasser, in dem das Holz langsam verrottet. Während es sich zersetzt, entsteht Methangas: Staudämme in den Tropen gelten deshalb als veritable Faulgasschleudern.

Kahn und Co kalkulieren, dass aus den allein in Brasilien geplanten Stauseen mindestens weitere 785 Millionen Tonnen Methan und andere klimarelevanten Gase entweichen werden, wenn sie alle verwirklicht würden. Damit würden sie 300 Millionen Tonnen Treibhausgase mehr produzieren, als alle Autos oder Kohlekraftwerke des Landes im Jahr 2010 zusammen an Kohlendioxid verursachten. Und da Methan als Treibhausgas stärker wirkt als Kohlendioxid, müsste das Land seine Emissionen etwa im Verkehrsbereich um zehn Prozent senken, damit die Staudämme dem Klima nicht zusätzlich schaden.

Itaipu
© fotolia / Stefano Ember
(Ausschnitt)
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Das weltweit zweitgrößte Wasserkraftwerk nach dem chinesischen Drei-Schluchten-Damm steht im brasilianischen Südwesten: Für Itaipú wurden Wasserfälle überflutet und die verantwortlichen Felsen anschließend gesprengt, die mächtiger und eindrucksvoller als Iguazu waren. Immerhin versorgt Itaipú aber fast ganz Paraguay und große Teile Brasiliens mit Strom.

Viele Flüsse im Amazonasbecken führen große Mengen an Sedimenten mit sich, vor allem wenn sie aus den Anden stammen oder vom brasilianischen Hochplateau nach Norden zum Amazonas hin strömen. Stauseen im Bereich dieser so genannten Weißwasserflüsse versanden daher rasch, weshalb ihre Leistung schnell sinkt. Zudem sollen die Regenmengen südlich des Amazonas mittelfristig wegen der Erderwärmung und gegenwärtig auch stark wegen der großflächigen Abholzungen abnehmen, was sich bereits andeutet. Der Zufluss schwächt sich dadurch ab, das verringert die Stromerzeugung ebenfalls. Viele der Wasserkraftwerke befinden sich ohnehin fernab der städtischen Ballungs- und Industriezentren im Süden des Landes. Über herkömmliche Hochspannungsleitungen gehen jedoch etwa 20 Prozent der ursprünglich erzeugten Leistung pro 1000 Kilometer verloren, was den Wirkungsgrad der Projekte zusätzlich schmälert.

Angesichts dieser Einschränkungen fällt dann auch kaum mehr ins Gewicht, dass 90 Prozent der Dammbauten in ökologisch besonders sensiblen Gebieten wie dem Einzugsgebiet des Rio Negro stattfinden sollen. Dort befinden sich bislang noch weit gehend intakte, geschlossene Regenwaldgebiete, in denen Infrastrukturmaßnahmen bisher kaum stattgefunden haben. Denn Wasserkraftwerke und die dafür nötigen Straßen öffnen Wildnisareale, so dass Siedler in diese Regionen vordringen können – was weitere Rodungen auslöst. Die letztendlich zerstörte Regenwaldfläche übertrifft die durch den Stausee überflutete um ein Mehrfaches.

Natürlich geben Kahn und Co zu, dass das aufstrebende Schwellenland Brasilien zukünftig mehr Energie erzeugen muss, um den wachsenden Bedarf zu decken. Doch setze die Nation auf die falschen Pferde. Kaum genutzt würden momentan beispielsweise Sonnenenergie, Windkraft und Biogas aus der Abwasseraufbereitung, die im Land ein hohes Potenzial hätten. So kosteten Investitionen in die Solarenergie in Brasilien pro Watt Leistung 35 bis 40 Prozent weniger als in Wasserkraft. "Die Kosten für den Ausbau der Wasserkraft übersteigen die der Alternativen dazu – deren ökologische und ökonomische Folgekosten ohnehin bedeutend geringer sind. Die Umweltschäden durch die Dämme sind hingegen riesig und unumkehrbar", lautet deshalb der Schluss der Forscher.

Der Artikel wurde am 16.12. aktualisiert.