Vorsichtig trippelt Eric Ng'eno zwischen den dicht an dicht stehenden Hütten und Holzverschlägen entlang. Bloß nicht in den Rinnsal treten oder in eine der vielen kleinen Plastiktüten, die so genannten fliegenden Toiletten, die überall landen, nur nicht in der Latrine. Und bloß nicht die Stirn an den Vorsprüngen der Wellblechdächer stoßen. "Willkommen in Kibera", sagt Eric Ng'eno.

Kibera: Das ist der größte Slum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, vielleicht sogar der größte Slum Afrikas. Auf einer Fläche von etwa zwei bis drei Quadratkilometern leben hier 200 000 bis eine Million Menschen, je nach Hochrechnung. Eric Ng'eno wohnt aber nicht hier – sondern er arbeitet in Kibera: Seit fünf Jahren erforscht der Biotechnologe, wie sich Krankheiten in dem Slum ausbreiten.

Hinter der nächste Ecke bleibt Ng'eno abrupt stehen: Da ist ein rundes Haus mit simplen Toiletten und Duschen, direkt daneben ist eine Klippe. Es geht gut zehn Meter steil nach unten und Ng'enos Blick schweift über einen Flickenteppich von Wellblech, Holzlatten und Plastikplanen. Weiter hinten lässt sich ein Bach erahnen.

Slum in Kenia
© Franziska Badenschier
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernKibera: Slum in Kenia
Die Salmonellen-Erkrankungen Typhus kommt nicht nur in Südostasien vor, sondern auch in Afrika – wie hier in Kibera, dem bekanntesten Slum Kenias.

"Dieser Platz hier ist ein Hotspot", sagt Ng'eno. "Alles, was von oben angeschwemmt kommt, sammelt sich hier." Bei Regen wird auch der riesige Tank unterhalb des öffentlichen Toilettenhauses geflutet, so dass die Exkremente die Klippe hinabrauschen. Dann fließt alles weiter den Hang hinunter und hinein in den kleinen Fluss. "Der wird dann verunreinigt. Vor allem Kinder bekommen dort dann Infektionskrankheiten." Typhus zum Beispiel.

Typhus kommt nur in Asien vor? Von wegen.

Typhus wird von dem Bakterium Salmonella typhi über dreckiges Wasser oder verunreinigte Lebensmittel übertragen. Wer sich ansteckt, der bekommt nach ein bis drei Wochen Fieber, Bauchschmerzen, Verstopfung; das Herz schlägt langsamer; manche bekommen auch rötliche Flecken auf der Haut. Später kommt es zu Durchfall. Und bei jedem zehnten Infizierten gibt es Magenblutungen oder der Darm bricht durch. Eigentlich lässt sich Typhus relativ leicht mit Antibiotika behandeln. Trotzdem schätzt die Weltgesundheitsorganisation, dass jedes Jahr rund 17 Millionen Menschen am typhoiden Fieber erkranken und etwa jeder zwölfte von ihnen stirbt. Andere Experten schätzen, dass sich 22 Millionen Menschen pro Jahr infizieren und dass jeder Hundertste sterben muss.

Die Zahlen gehen unter anderem deswegen auseinander, weil die Krankheit oft mit anderen Fiebererkrankungen verwechselt wird. So glauben viele Afrikaner: Wer Fieber hat, der habe Malaria; Typhus komme doch eh nur in Asien vor. "Aber das stimmt nicht", sagt Ng'eno. Zwar sei Asien durchaus der Kontinent mit der höchsten bekannten Zahl an Neuinfektionen – jedes Jahr stecken sich rund 100 von 100 000 Menschen mit Typhus an; in Slums in Indien und in Pakistan haben Wissenschaftler jährliche Infektionsraten von 450 beziehungsweise 410 Fällen je 100 000 Bewohnern festgestellt. Für ganz Afrika hingegen schätzt man durchschnittlich 10 bis 100 Typhuspatienten je 100 000 Einwohner. "Aber in Kibera haben wir eine Infektionsrate von 247 Typhusfällen je 100 000 Menschen", zitiert Ng'eno die Hochrechnung eines Kollegen. Ein internationales Forscherteam untersucht denn auch seit ein paar Jahren in zehn afrikanischen Ländern Menschen auf Typhus und andere Salmonellen-Erkrankungen – um so genauere Zahlen über die Verbreitung dieser lebensbedrohlichen Krankheiten in Afrika zu bekommen.

Das Beispiel Kibera zeigt nämlich: Typhus hat eben nichts mit einem Kontinent oder mit einer Klimazone zu tun, sondern mit Hygiene. Die Krankheit kommt vor allem in Entwicklungsländern vor, und dort vor allem da, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben. Wie hier, im Slum Kibera. Und selbst hier gibt es besonders gefährliche Ecken: jene Hotspots, die Eric Ng'eno ausfindig gemacht hat.

"Menschen in niedrig gelegenen Wohngebieten sind eher in Gefahr als jene weiter oben am Hang"

Der Mann läuft weiter, bis er ein kleines Krankenhaus erreicht, das so groß ist wie ein durchschnittliches Zweifamilienhaus in Deutschland. Die US-amerikanischen Gesundheitsbehörden CDC haben die Klinik gebaut, zusammen mit dem Kenya Medical Research Institute. Hinter dem Raum mit einem Röntgengerät ist ein Kabuff. Dort zeigt Ng'eno auf seinen Computerbildschirm, auf dem wiederum eine Höhenkarte von diesem Slumviertel zu sehen ist: "Das ist das Untersuchungsgebiet. Die dunkleren Gebiete entsprechen den am tiefsten liegenden Gegenden. Die blauen Punkte sind die Vergleichspersonen und die roten Punkte sind die Typhuspatienten. Da sieht man, dass mehr Kranke am tiefsten Punkt des Untersuchungsgebiets leben." Der Biotechnologe schlussfolgert daraus: Typhus wird nicht nur innerhalb eines Haushalts weitergegeben, sondern kann durch ein ganzes Wohngebiet ziehen. "Es gibt nicht nur den klassischen Übertragungsweg von Mensch zu Mensch über verunreinigtes Essen und Trinken", sagt Ng'eno. "Sondern auch die Landschaft ist wichtig, die Topografie: Menschen in niedrig gelegenen Wohngebieten sind eher in Gefahr als jene weiter oben am Hang."

Deswegen rät Eric Ng'eno, sich lieber zuerst um den am höchsten gelegenen Teil eines Slums zu kümmern: "Wenn man die Kanalisation oben am Hang verbessert, dann fließt nicht mehr alles nach hier unten. Und das wäre gut für das gesamte Gebiet, nicht nur für den Hotspot im Tal." Doch auch wenn sich so die Zahl der Typhus-Infektionen senken ließe – ein anderes Problem bleibt selbst dann: Typhus lässt sich nicht so einfach diagnostizieren.

Illustration des Typhus-Erregers
© CDC / Melissa Brower
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 Bild vergrößernIllustration des Typhuserregers

Am besten weist man die Typhusbakterien im Blut von einem Knochenmarkausstrich nach. Dazu muss man dem Patienten den Beckenkamm punktieren. Aber in einem Slum und auch in abgelegenen Gebieten ist das schwierig: Oft fehlt es an Fachpersonal, einem sauberen Raum und einem richtigen Labor. Zumindest in einem Teil von Kibera ist das nicht so, nämlich in jenem Viertel, wo die Klinik der US-Gesundheitsbehörden steht und Ärzte wie Kevin Maina arbeiten.

"Manchmal muss man seiner Erfahrung vertrauen. Das ist nicht nur ein Bauchgefühl"

Der Arzt sitzt in einem kleinen Raum, ihm gegenüber eine Frau mit einem gut zwei Jahre alten Kind. Die kleine Marion hat seit einem Tag Fieber. Und wann immer jemand mit Fieber zu ihm kommt, erzählt Mediziner Maina, denke er nicht nur an Malaria oder Lungenentzündung, sondern auch an Typhus. Zumal die Mutter erzählt, dass sie das Wasser zum Trinken und Kochen nicht behandelt – Abkochen sei zu teuer und den Geschmack der Chlortabletten möge sie nicht. "Marion hat zwar Fieber, aber keinen Durchfall, keine Verstopfung und auch keinen Husten", stellt der Arzt fest und schließt damit Typhus und Lungenentzündung aus. Wahrscheinlich sei es wohl doch eine Malaria. Der Arzt bittet eine Schwester, Marion Blut abzunehmen, um nach den Malariaparasiten zu schauen. Die durchaus schmerzhafte Beckenkammpunktion erspart der Arzt dem Mädchen. "Manchmal muss man seiner Erfahrung vertrauen. Das ist nicht nur ein Bauchgefühl", begründet Maina. Sobald aber doch einmal der Verdacht auf Typhus fällt, würde er den Goldstandard der Diagnose wählen, eben Blut aus dem Knochenmark des Beckenkamms holen. Die Probe würde dann in einem Labor untersucht, das ein paar hundert Meter weiter entfernt am Rand des Slums steht und ebenfalls von den CDC aufgebaut wurde.

Standard-Diagnose mit einem gut 120 Jahre alten Test

In anderen Teilen Kiberas – und auch in anderen Teilen des afrikanischen Kontinents – fehlt solch eine Infrastruktur. Dort wird dann ein Test genutzt, der 1896 von dem französischen Pathologen Fernand Widal entwickelt wurde: Dabei wird etwas Blutserum erst mit Kochsalzlösung und dann mit abgetöteten Typhusbakterien vermischt. Wenn die Probe nach einem Tag weiß getrübt ist, dann hat der Patient wohl Typhus. So einfach der Widal-Test zu handhaben ist, so ungenau ist er: Etwa jeder dritte wirklich Typhuskranke wird nicht entdeckt, und jeder vierte Gesunde bekommt fälschlicherweise eine Typhusdiagnose [1].

Dies ist der dritte Teil unserer Serie über vernachlässigte Gesundheitsprobleme in Entwicklungsländern, die wir in den nächsten Wochen auf "Spektrum.de" fortsetzen.
Teil 1: Das rätselhafte Kopfnick-Syndrom
Teil 2: Epilepsie – zu viele Würmer, zu wenig Neurologen

Der eine Test ist also simpel, aber ungenau – der andere Test ist akkurat, aber aufwändig. Deswegen entwickeln Wissenschaftler mittlerweile Schnelltests. Aber Studien in Asien und Afrika haben ergeben: Diese Schnelltests sind auch nicht präziser als der rund 120 Jahre alte Widal-Test [2]. Der so genannte Typhidot-Test zum Beispiel erkennt zwar fast alle Typhuskranken, aber gibt nur bei drei Vierteln aller Gesunden korrekt Entwarnung. Deswegen bleibt der Arzt Maina, der in dem kleinen Krankenhaus im Slum Kibera arbeitet, dabei: Um Typhus zu diagnostizieren, sei der Labortest mit Blutkulturen aus dem Beckenkamm weiterhin das Maß der Dinge.